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Tänzerin gegen Hitler

Im Nachruf im St. Galler Tagblatt auf den Pianisten, Schriftsteller, Kritiker und «Erfinder» der «Chromatischen Notenschrift» Otto Marcus (1878–1942) ist viel von Verbitterung und Enttäuschung, aber auch von «neu gewonnenem Familienleben» und deshalb «stiller Beglückung» die Rede.

Im Nachruf im St. Galler Tagblatt auf den Pianisten, Schriftsteller, Kritiker und «Erfinder» der «Chromatischen Notenschrift» Otto Marcus (1878–1942) ist viel von Verbitterung und Enttäuschung, aber auch von «neu gewonnenem Familienleben» und deshalb «stiller Beglückung» die Rede. Nirgends findet sich eine Erwähnung der ersten Ehe von Otto Marcus, aus der ein Sohn und zwei Töchter hervorgingen. Eine von ihnen, die Tänzerin Julia Marcus (1905– 2002), gehört zu den wichtigen Figuren der Schweizer Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts, ist aber bisher trotzdem ein Insider-Name geblieben.

St. Galler Jahre

Julia Marcus erzählt in einem in einer Zeitschrift publizierten Rückblick mit Bewegung, Trauer und Dankbarkeit von ihren St. Galler Jahren. Der Auszug des Vaters und die darauffolgende Scheidung erlebt sie als bittere Schmach, verbunden mit einem gesellschaftlichen Niedergang. Die Mutter und ihre drei Kinder müssen die als vornehm geltende Spisergasse mit einer ärmlichen Wohnung im Tempelacker vertauschen und mit 210 Franken im Monat leben.

Für ihren Vater, den Julia Marcus als «Neurotiker und Phantasten» bezeichnet, findet sie kein gutes Wort. Lob dagegen spendet sie den St. Galler Schulen, «ein Paradies, das ich nach Abschluss der Sekundarschule nur ungern und weinend verliess». Die aufgeweckte Julia muss mit 13 von der Schule abgehen und wird von der Mutter in eine Stickereifabrik geschickt, wo sie von 7 Uhr bis abends als «Mädchen für alles» arbeitet. Am Abend bildet sie sich im Kaufmännischen Verein bis zum anerkannten Abschluss weiter. Als «einziger Trost» bleibt ihr der «Wandervogel», bei dem sie und ihr Bruder mitmachen.

Die Wende bringt eine dramatisierte Fassung von Johanna Spyris «Heidi» im Stadttheater St. Gallen, die mit Tanzszenen von Tänzern der Jacques-Dalcroze-Schule angereichert ist. Julia Marcus ist fasziniert, beschliesst, Tanzstunden bei Margrit Forrer-Birbaum zu nehmen, und verdient sich das nötige Geld als Aktmodell. Dies gilt als anstössig, doch die erst 16jährige Julia setzt sich durch und tanzt schon bald selber in Forrers Ensemble mit.

Vielfältige Tanzkarriere

Mit 18 ist Julia Marcus in Zürich an der Labanschule, zwei Jahre später bei Tanzlegende Mary Wigman in Dresden. An der Frauenausstellung Saffa 1928 in Bern präsentiert sie mit «Ägyptisches Lied» ihre erste eigene Choreographie. Sechs Jahre lang ist sie Mitglied des Ballettensembles der Städtischen Oper in Berlin, daneben tritt sie in Cabarets auf und wird mit einer getanzten «Hitler-Parodie» bekannt.

1933 entlassen, bleibt der Grotesktänzerin, Parodistin, Tanzavantgardistin, Kommunistin und Halbjüdin nur der Weg zurück in die Schweiz oder die Emigration in ein anderes Land. Nach einem wenig erfolgreichen Abstecher in die Schweiz geht sie noch im gleichen Jahr nach Paris. Sie findet dort aber wenig Widerhall, weil der Moderne Tanz in Frankreich noch nicht richtig angekommen ist. Sie schlägt sich bis zur Befreiung als Gymnastiklehrerin, mit schlechtbezahlten Auftritten und Büroarbeiten (sogar für eine deutsche Firma) durch.

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte sie den französischen Maler Daniel Tardy geheiratet. Laut Marcus eine problematische Ehe, die ihr aber in der Nazizeit Schutz bietet und schliesslich doch 42 Jahre dauert. Nach dem Krieg gibt Julia Marcus das Tanzen auf, zum einen wegen ihres Alters, zum andern, weil eine neue Tanzgeneration, von Amerika beeinflusst, den Ton angibt.

Journalistin und Übersetzerin

Julia Marcus beginnt Tanzkritiken zu schreiben, so vier Jahre lang für diese Zeitung und insgesamt 38 Jahre für die NZZ die Rubrik «Tanz in Paris». Den finanziellen Rückhalt sichert ihr so lange die Arbeit als Sekretärin, bis sie eine deutsche Rente, die sie sich erkämpft, erhält. Hinzu kommt das Übersetzen von Tanzbüchern und politischer Literatur vom Französischen ins Deutsche und umgekehrt. Sie stiftet im Gedenken an Nelly Sachs einen Übersetzungspreis und in Erinnerung an die von den Nazis umgebrachte russische Kollegin Tatjana Barbakoff einen Tanzpreis.

In die Ostschweiz und nach St. Gallen kommt Julia Marcus im Alter von 94 Jahren noch einmal. Sie wird von der Tanzpublizistin Marianne Forster begleitet. Die beiden tauchen in den Bodensee, und die betagte Frau berichtet über ihr wechselvolles Leben. Der Nachlass von Julia Marcus liegt in Frankreich, mit eingeschlossen ihre Memoiren, dis bis heute leider nicht verlegt sind.

Richard Butz

Literatur: Tanzlexikon der Schweiz, Zürich 2005 (Beitrag Marianne Forster), «Eine Tänzerin blickt zurück» und Gespräch mit Julia Marcus in Zeitschrift «Sinn und Form» (Nr. 5, 2000), weitere Infos von Marianne Forster, Basel.

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