Tänzer im Flammenring

Ausstellung Der tanzende Shiva Nataraja ist eine der Kostbarkeiten und gleichsam das Maskottchen des Rietberg-Museums. In der neuen Ausstellung erhält der Zürcher «Hausgott» Konkurrenz aus New Delhi, Amsterdam, London und New York. Hans Keller

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Er strotzt vor Vitalität wie das Institut, das ihn besitzt und jetzt in einer grandiosen Ausstellung ins Zentrum rückt: der tanzende Shiva Nataraja.

Hochästhetisch ist zunächst der Gesamteindruck der Ausstellung im neuen Untergeschoss-Saal, welchen man den Inhalten der wechselnden Themen jeweils äusserst gut anzupassen weiss. Für die Shiva-Schau wurde ein «Tempel-Bezirk» mit eckigen Säulen in Schwarz, Grau und Weiss geschaffen.

Streit um die Weltschöpfung

Zentral zieht einen sofort eine Art Altar mit einer Linga genannten Säule in den Bann, in deren Mitte eine Öffnung mit einer Shiva-Figur klafft. Die Statue erzählt Shivas erstmaliges Erscheinen unter zwei rivalisierenden Gottheiten, dem blauhäutigen Vishnu und dem vierköpfigen Brahma.

Beide beanspruchten, die Welt erschaffen zu haben, als zwischen ihnen ein flammengekröntes Linga aus dem Ozean heraufzischte. Die erschrockenen Streithähne beschlossen, die stetig weiter wachsende Säule zu untersuchen, Brahma als Ganter in der Höhe und Vishnu als tauchender Eber in den Tiefen des Meeres. Aus dem aufbrechenden Linga trat dann Shiva hervor und donnerte die Mitgötter an, er, und nur er habe die Welt erschaffen.

Gegenüber dem Linga und Aug in Aug mit Shiva sitzt in Form einer kleinen Stier-Statuette das Reittier des Gottes. Auf der Rückseite findet sich dazu ein Pendant, hier ruht, in graurötlich schillernden Granit gemeisselt, ein wunderschöner, grosser Shiva mit verträumtem Gesichtsausdruck einem mächtigen Nandi – so der Name des Stieres – vis-à-vis.

Um diese Kerngruppe der Schau herum hat man sechs tanzende Shiva Nataraja positioniert. Der älteste stammt aus dem 9. Jahrhundert. Shiva tanzt hier in einem Oval, die langgezogene Gestalt samt dem herabhängenden Lendentuch wirkt noch wenig dynamisch. Der dreihundert Jahre jüngere Shiva Nataraja aus dem Museum Rietberg zeigt dagegen die Verfeinerung, welche die ikonographisch wichtige Figur des Shivaismus später erreichte: Shivas Haar flattert in welligen Strähnen fast bis zum Flammenring hinaus, das linke Bein hebt der Gott weit hinauf, alles ist Schwung und Fluss. Unter Shivas rechtem Fuss krümmt sich der gnomenhafte Dämon Apasmara, der für alle möglichen negativen Aspekte steht. Die symbolische Bedeutung des tanzenden Shiva Nataraja ist der Kreislauf der permanenten Schöpfung und Zerstörung der Welt; Shiva gilt denn unter anderem auch als feuriger Gott der Kraft und der Elemente.

Diese philosophisch-künstlerischen Aspekte interessierten und inspirierten im Westen Tänzer, Tänzerinnen und Choreographen wie Mary Wigman oder Rudolf von Laban, daneben aber auch Autoren wie Hermann Hesse.

Um den zentralen Bereich herum sind Figurengruppen, Malereien und Gegenstände gruppiert, die alle mit dem Shivaismus verbunden sind. Ausstellungskurator Johannes Beltz betont dazu, dass bisher noch nie eine derart breitgefächerte Schau zum Shiva-Komplex zusammengetragen worden sei. Da präsentiert sich zum Beispiel Shivas Gattin Parvati, die noch andere Namen und Emanationen besitzt, in diversen Statuetten. Diese zeigen allesamt eine ranke und schlanke Frau mit – man beachte den eleganten Hüftschwung! – biegsamem Turnerinnen-Körper. Von der tanzenden Ausformung mal abgesehen, wird Shiva meist zusammen mit Parvati dargestellt; sind die beiden alleine, bedeutet dies Ungemach.

Die diesbezüglich bemerkenswerteste Figur ist eine Granitstatue, die Shiva halb als Mann und halb als Frau zeigt, als androgynes Wesen mit einer weiblichen und einer männlichen Brust. Sex-Verschmelzung als Befriedung für den Geschlechterkampf?

Lebendig bis heute

In anderen Abteilungen entdeckt man neben shivaitischen Heiligen, die voller Geschichten stecken, auch den korpulenten, elefantenköpfigen Shiva-Sohn Ganesha sowie die schröckliche Göttin Kali, die sich als Emanation von Parvati mit Vorliebe auf Kadaver- und Müllplätzen herumtreibt. Dass der Shivaismus in Südindien bis heute ein höchst lebendiger Kult geblieben ist, demonstrieren sowohl das bunte und figurenreiche Modell eines Holzwagens, auf welchem an Festtagen Statuen herumkutschiert werden, als auch Dokumentarfilme.

16. November 2008 bis 1. März 2009, Museum Rietberg, Zürich, Gablerstr. 15, Di–So 10–17, Mi und Do 10–20 Uhr. Infos zum reichhaltigen Rahmenprogramm: www.rietberg.ch

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