Stumpfsinn im Call Center

Anknüpfend an die Arbeiterromane Elisabeth Gerters schrieb der Verein Pantograph einen Schreibwettbewerb für Texte aus der Arbeitswelt aus. Im Literaturhaus Basel wurden nun 4 von fast 70 Einsendungen prämiert.

Marcel Elsener
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«Guten-Abend-mein-Name-ist-Anja-Korthosi-ich-arbeite-für-die-Firma-Teldata-und-rufe-an-im-Auftrag-der-Coca-Cola-Beverages-Company-Schweiz-haben-Sie-ein-paar-Minuten-Zeit-für-mich? – Kein Interesse, tut mir leid. Auf Wiederhören.» So beginnt der Text «Frl. Anja abseits» von Simon Froehling. der beklemmenden Schilderung des stumpfsinnigen Arbeitsalltags einer Call-Center-Angestellten. Froehling (Jahrgang 1978), 2007 mit dem Publikumspreis der St. Galler Autorentage und 2008 mit einem Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung ausgezeichnet, überzeugte damit die Jury des Elisabeth-Gerter-Schreibwettbewerbs (Liliane Studer, Adrian Riklin, Margrith Manz sowie – als finale Jurorin – Isolde Schaad).

Fabrikarbeiter und Prekariat

Der Ostschweizer Literaturverein Pantograph hatte den Wettbewerb zusammen mit dem Gewerkschaftsbund SGB und dem Literaturhaus Basel aus Anlass der vergangenen Winter in St. Gallen und nun in Basel eingerichteten Gerter-Ausstellung «Nicht die Welt, die ich gemeint» lanciert. 69 Personen beteiligten sich daran, Profis und Laien, für den Verein ein höchst erfreuliches Ergebnis. Vier Teilnehmende wurden ausgezeichnet; nebst Froehling die Deutsch-Chinesin Vera Yu (1968) für ihren Text über das Abgleiten in prekäre Lebensverhältnisse, der Basler Thomas Duarte (1967) für eine kafkaeske Erzählung von einem brasilianischen Büroangestellten, schliesslich die St. Galler Werkpreisträgerin Lisa Elsässer (1951) für die Erinnerung an einen Vater, der «vom hilfsarbeitenden Drahtsortierer zum Drahtspanner bis zum drahterlösten Hilfsarbeiter eines Fabrikbüros» wurde.

Auch Wallraffs «Bergwerk»

Was bei Gerter Textilfabriken und Spitäler, bei Sinclair Schlachthöfe oder bei Steinbeck Erntefelder waren, sind heute wohl Telefonverkaufsfirmen. Froehling trifft den Nerv aktueller Arbeitsbedingungen, die Günter Wallraff vergangenes Jahr zu seinem «Comeback» als Undercover-Schriftsteller anstifteten. «Es scheint, als seien Call Center die Bergwerke der Neuzeit», schrieb Wallraff nach einigen Arbeitswochen in zwei von gesamthaft 5500 Call Centern allein in Deutschland, «Zigtausende arbeiten im Verborgenen, werden unsichtbar – und ihre Arbeitsbedingungen auch».

An Wallraff und seine «Industriereportagen» – nebst Meienbergs «Fabrikbesichtigungen» – erinnerte an der Prämierung in Basel auch Peter Sigerist. Der Zentralsekretär Ressort Bildung beim SGB betonte die emanzipative und befreiende Kraft des Schreibens für Arbeitende und nahm die erfolgreiche Veranstaltung zum Ansporn, sich für einen zukünftigen Schreibwettbewerb «Arbeit und Alltag» einzusetzen. Immerhin ist 2008 ein Jubiläumsjahr (90 Jahre Generalstreik, 40 Jahre Mai 1968) für den Arbeiterliteraturpreis, der vor acht Jahren letztmals vergeben wurde.

Froehlings preisgekrönter Text sowie Sigerists Preisrede auf www.sgb.ch unter standpunkte/varia. Gerter- Ausstellung in der Universitätsbibliothek Basel noch bis 23. Februar