Studie
Berner Forscher zeigen: Das unbewusste Lernen funktioniert besser als das aktive Sich-Merken-Wollen

Neue Erkenntnisse der Uni Bern beweisen, dass selbst nicht bewusst wahrgenommene Informationen im Gedächtnis abgespeichert werden. Die im Unterbewusstsein versteckten Erlebnisse vergisst man weniger.

Simon Maurer
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Unbewusste Informationen werden in den Hirnneuronen anders abgespeichert als bewusste.

Unbewusste Informationen werden in den Hirnneuronen anders abgespeichert als bewusste.

Bild: Unsplash

Beim Computer ist die Sache klar. Alles, was er speichert, wird in einen Code von Einsen und Nullen übersetzt. Das Gerät merkt sich den Pfad zum Speicherort und bei Bedarf kann es die Daten wieder holen. Wenn wir etwas löschen, dann wird nicht der Eins-Null-Code vernichtet, sondern nur der Pfad zu den Daten. Hacker können deshalb auch aus gelöschten Festplatten Daten heraussaugen.

Im Gegensatz dazu ging man beim menschlichen Hirn bisher davon aus, dass es unwichtige Informationen direkt löscht. Oder zumindest während dem Schlaf. Eine neue Studie der Universität Bern konnte jetzt aber zeigen, dass auch unser Unterbewusstsein keine direkte Löschfunktion hat. Unbewusste Erlebnisse werden vielmehr dauerhaft abgespeichert.

Um das zu beweisen, hat ein Team um Psychologin Katharina Henke Studienteilnehmern neun komplexe Filme gezeigt, die für die Probanden nicht bewusst interpretierbar waren. Die einzelnen Bilder des Films wurden nur für 17 Millisekunden eingeblitzt. Vor- und nachher folgten schwarz-weisse Pixel-Bilder, welche das Gehirn am Weiterverarbeiten hinderten. So wurde sichergestellt, dass diese nur unterbewusst registriert wurden.

Unbewusstes Lernen ist dauerhafter als bewusstes

Später mussten sich die Probanden einem Test unterziehen und einzelne Bilder wiedererkennen. Es zeigte sich, dass sie diese zwar nicht bewusst erkannten. Doch die Reaktionszeiten bei den gezeigten Bildern waren kürzer. Das bedeutet, dass das Hirn den uninterpretierbaren Film doch irgendwo im Langzeitgedächtnis abgelegt hat. Professorin Katharina Henke erklärt:

«Unbewusste Eindrücke werden in unserem Gedächtnis mithilfe von bloss einer Nervenzelle gespeichert. Das bewusste Lernen dagegen benötigt mehreren Neuronen.»
Katharina HenkeProfessorin für Neuropsychologie

Katharina Henke
Professorin für Neuropsychologie

Bild: zvg / Luca Christen

So spart das Unterbewusstsein Ressourcen und kann sich mehr merken.

Die unterbewusst gesicherten Informationen werden später zum Bauchgefühl, das wir spüren, wenn wir an vergangene Erlebnisse zurückdenken. Manche dieser Informationen wandern nämlich im Nachhinein ins Bewusstsein. So kann es sein, das man sich einen Tag später an ein gut gelaufenes Bewerbungsgespräch erinnert und erst dann durch die unterbewussten Informationen ein schlechtes Gefühl bekommt.

Faule Schüler könnten sich die Erkenntnisse in Multiple-Choice-Prüfungen zum Vorteil machen. Etwa wenn es darum geht, die Hauptstädte der Welt auswendig zu lernen. Dafür könnten sie einen Film schauen, der zwischendurch immer wieder für 17 Millisekunden die Weltkarte einblitzt. Ihr Unterbewusstsein würde sich die Karte besser merken als ihr Bewusstsein, und sie würden aus dem Bauch heraus häufig die richtige Antwort wählen. Das menschliche Hirn hat so gewissermassen eine zusätzliche Festplatte.