Störende Gedanken: Genuss macht glücklich, doch viele können sich nicht darauf einlassen

Der Hedonismus hat einen schlechten Ruf. Wer sich jedoch lustvollen Momenten hingibt, beugt Depressionen und Ängsten vor. Eine Psychologin erklärt, wie das funktioniert.

Annika Bangerter
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Gedanken an die Pendenzen verhindern oft, dass man in den Moment eintaucht.

Gedanken an die Pendenzen verhindern oft, dass man in den Moment eintaucht.

Foto: Malte Mueller / Getty Images

Vielleicht sind es die langen Tage. Das flirrende Licht. Die drückende Wärme. Der Sommer umarmt jeweils unsere Sinne. Und wir geben nach: Geniessen die Sonnenstrahlen auf der Haut, verlieren den Blick in Seen oder Meereswellen, lauschen dessen Rauschen und inhalieren die Trägheit des Moments. Im Sommer fällt es leichter, sich dem Augenblick hinzugeben. Ein Glacé? Sicher, die heissen Tage sind wohl bald gezählt. Noch ein Bier? Es könnte die letzte laue Sommernacht sein.

Die Psychologin Katharina Bernecker hat es untersucht, unser Streben nach Genuss: den Hedonismus. Dabei ging sie der Frage nach, was passiert, wenn die Selbstkontrolle pausiert und wie sich die flüchtigen lustvollen Momente auf das Wohlbefinden auswirken. «Zuvor galt die Annahme, dass wer beispielsweise zu einem Buch greift, sich damit etwas Gutes tut und entspannt. Nur: Genuss und Erholung lassen sich nicht auf Knopfdruck einschalten», sagt sie. Vielmehr drängen sich in diesen Momenten häufig zig Dinge auf, die es noch zu erledigen gilt.

Bernecker, die als Oberassistentin an der Universität Zürich forscht, hatte sich jahrelang mit der Selbstkontrolle beschäftigt. Jener Fähigkeit also, die es braucht, um langfristige Ziele zu erreichen. Doch das sei ihr zu einseitig geworden: «Hedonismus ist der Gegenpol zur Selbstkontrolle. Es sind zwei gegenläufige Motivationen, die sich immer wieder konkurrieren.» Unter Hedonismus versteht sie eine Aktivität oder Situation, die losgelöst ist von der Vernunft, losgelöst von den eigenen Zielen. Es geht um den einen Moment, auf den man sich einlässt, um sich etwas zu gönnen.

Bereits in der Antike plädierte Epikur für das Prinzip der Lebensfreude

Das Konzept des Hedonismus stammt aus der Antike. Der griechische Philosoph Epikur hat dieses Prinzip der Lebensfreude massgeblich geprägt. Er plädierte dafür, das eigene Handeln an der situativen Lust auszurichten. Dabei ging es ihm um gemässigtes Verlangen: um das Notwendige und nicht um die Dekadenz. Dennoch zog die Denkrichtung schon in der Antike Kritik auf sich. Das Christentum lehnte sie ab, da es auf das Jenseits und nicht auf die Belohnung im Diesseits ausgerichtet war. Der schlechte Ruf des Hedonismus festigte sich, der Touch von Oberflächlichkeit und Egoismus haftet bis heute an ihm.

Zu Unrecht, findet Bernecker: «Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist das Hier und Jetzt. Dennoch orientieren viele Menschen ihr Handeln daran, was in zwanzig oder dreissig Jahren sein könnte. Wer sich aber ausschliesslich an langfristigen Zielen ausrichtet, dem geht es in der Regel nicht gut. Stress oder gar ein Burn-out können die Folgen sein.»

Kürzlich hat die Psychologin mit einer holländischen Forschungspartnerin in einer Studie gezeigt, dass depressive Gefühle und Ängste bei jenen Menschen deutlich erhöht sind, die sich nicht dem Moment hingeben können. Unklar bleibt dabei, ob die negativen Gefühle der Grund oder die Auswirkungen sind, damit sich Vergnügen und Genuss nicht einstellen. «Dafür braucht es Längsschnittstudien. Wir konnten allerdings in einer aktuellen Untersuchung zur Coronakrise sehen, dass die hedonistischen Fähigkeiten die Lebenszufriedenheit über den Verlauf mehrerer Wochen vorhersagten. Das ist ein erster Hinweis auf deren kausale Wirkung auf das Wohlbefinden.»

Wenn kreisende Gedanken den Genussmoment stören

Bernecker betont, dass es dabei nicht um eine grundsätzliche Laissez-faire-Haltung geht. Wer nun denkt, Füsse hochlagern und gut ist es, liege falsch. Es braucht ein Nebeneinander von langfristigen Vorhaben und lustvollen Momenten. «Sinnvoll ist es, sich regelmässig einen Nachmittag oder Abend für den Genuss einzuplanen, um hedonistische Augenblicke in den Alltag zu integrieren und sie auszukosten.»

Nur: Was wenn in diesen Ruhezeiten die Gedanken um die Pendenzenliste kreisen? Bernecker verweist auf einen ironischen Effekt in der Psychologie. Dabei drängen sich genau jene Dinge ins Bewusstsein, die man eigentlich ausblenden will. Ein bekanntes Experiment ist jenes des weissen Bären. Dabei wurden die Teilnehmenden aufgefordert, ihren Gedankenstrom aufzuzeichnen. Einzige Vorgabe: Sie sollten nicht an einen weissen Bären denken. Das Tier hatte in der Folge einen grossen Auftritt und wurde von den Probanden minütlich genannt.

Pendenzen planen, um geniessen zu können

Ist sie einmal da, lässt sich daher auch die Pendenzenliste kaum aus dem Kopf kriegen. Bernecker rät: «Wenn etwas wirklich dringend erledigt werden sollte, hilft es, dies zu tun. Für alle anderen Dinge reicht eine konkrete Planung, wann, wie und wo man diese anpackt. Dadurch sollten die Gedanken an die Pendenzen nachlassen.»

Einigen Menschen fällt es leichter, den Moment zu geniessen, als anderen. Woran das liege, gelte es noch zu untersuchen: «Bislang wissen wir, dass Hedonismus nicht eine Tagesform ist, sondern dass die Fähigkeit relativ stabil über Zeit und Person besteht. Die Sozialisation spielt wohl eine wichtige Rolle, aber auch die Veranlagung.» Das Alter sei nicht ausschlaggebend. Wer also hofft, dass mit der Pensionierung der Genuss einzieht, kann enttäuscht werden.

Einzig Kinder seien fast ausnahmslos gut darin, den Moment auszukosten, sagt Bernecker. «Sie tun in der Regel, was ihnen Spass macht, wenn sie nicht durch Eltern oder Lehrer darin begrenzt werden.» Die konkrete Zukunftsgestaltung beginne im Jugendalter. Allerdings beherrschen viele Kinder bereits ab vier Jahren die Selbstkontrolle. Das hat das berühmte Marshmallow-Experiment gezeigt: Wer es schaffte, auf die Süssigkeit zu verzichten, wurde später mit zwei Marshmallows belohnt. Für die Hedonisten unter den Kleinen ein Graus.