Stilradar
Warum uns die Lockdown-Mode nicht gut tut

Jeden Tag Trainerhosen und den gleichen fleckigen Pullover zu tragen, ist im Home Office kein Problem, sieht ja niemand. Hatewear nennen Modeprofis aber nun diese Kleider.

Katja Fischer De Santi
Katja Fischer De Santi
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Bequem, aber nicht verwahrlost im edlen Satin-Schlafanzug.

Bequem, aber nicht verwahrlost im edlen Satin-Schlafanzug.

Getty Images

Was passiert mit Menschen, wenn die Welt sie monatelang nur noch als Kopf mit etwas Kragen wahrnimmt? Nun, sie ziehen keine richtigen Hosen mehr an oder immer die gleichen, und irgendwann finden sie, dass sich auch das Hemd für die Videokonferenz nicht mehr lohnt. In puncto Nachhaltig- und Bequemlichkeit spricht sicher nichts dagegen, nur noch in zwei Pullis herumzulaufen (dem dreckigen und dem weniger dreckigen). Und wer nur noch Trainer­hosen trägt, der merkt auch nicht, dass ihm die engen Jeans nicht mehr passen.

Aber seien wir ehrlich. Damals im März war diese Loungewear ja noch eine gemütliche Sache.

Aber jetzt, in Monat zehn der Pandemie, schaut man die ungebügelten Blusen im Schrank an und könnte heulen.

So sehr erinnern sie einen an eine elegantere Welt. Damals, als wir nicht nur aus Stimmen bestanden und Komplimente nicht nur für unsere Katzenbilder bekamen.

Irgendwo zwischen Verwahrlosung, Wut und Trauer

Die «New York Times»-Redaktorin Reyhan Harmanci hat darum einen neuen Begriff erfunden: «Hatewear». Sie umschreibt damit Kleider, die weder stylish noch besonders bequem sind, ja die man nicht einmal besonders liebt und trotzdem dauernd anzieht, einfach weil sie gerade herumliegen und zur momentanen Verfassung passen. Irgendwo zwischen Verwahrlosung, Wut und Trauer. Kleider, die weder die Welt noch uns schöner machen. Wie wütende Kinder ziehen wir uns den viel zu grossen Kapuzenpulli über, die Hose mit dem seltsamen Schnitt, den Pulli, der die Katzenhaare anzieht.

Ein äusseres Zeichen von innerem Stress

Nur, damit tun wir uns keinen Gefallen. «Hatewear» sei ein äusseres Zeichen von psychischem Stress, schreibt die Schöpferin des Begriffs. Es könnte auch einfach Faulheit sein oder die Traurigkeit, dass es niemanden interessiert, dass wir Löcher in den Hosen haben oder seit vier Tagen das gleiche Hemd tragen.

Mit dem richtigen Pyjama kann man sich auch draussen zeigen, wenn man den Mut hat.

Mit dem richtigen Pyjama kann man sich auch draussen zeigen, wenn man den Mut hat.

Die Lösung aus diesem Style-Problem hat ein anderes Medium entdeckt. «The Wall Street Journal» empfiehlt, den ganzen Tag im Pyjama zu bleiben, und ortet darin einen neuen Trend. Immerhin: Edle Schlafanzüge mit Hemdkragen und Satinhosen sehen bei jedem Videocall anständig aus, sind wahnsinnig bequem und kosten, wenn es denn ein Designermodell sein soll, auch fast so viel wie ein richtiger Anzug.