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St. Galler Spitzen für Prada

ST.GALLEN. Dank der italienischen Topmarke Prada ist St. Galler Stickerei von Forster Rohner in aller Munde. Gespräch mit Kreativ-Chef Hans Schreiber.
Legende mag (Bild:)

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Zu grossen Ballen gerollt liegen sie vor ihm – die goldenen, blauen, orangefarbenen und schwarzen Guipure-Stickereien, die in den letzten Wochen und Monaten Modegeschichte geschrieben haben. Hans Schreiber, Kreativ-Direktor der St. Galler Firma Forster Rohner AG, lässt seine Hand stolz über die kostbaren Stoffe gleiten. Er weiss, welche Bedeutung sie für das Unternehmen haben. Seit die italienische Mode- und Lederfirma Prada im Februar ihre ganze Winter-Kollektion aus seinen Guipure-Spitzen gefertigt hatte, kam das Unternehmen mit Produzieren kaum mehr nach. Und seit alle grossen Mode-Journale wie Vogue, New York Times Magazine, Elle, Bolero oder Annabelle in diesen Tagen ihre Titelseiten mit einem dieser züchtigen Outfits aus edlen Stickerei-Spitzen schmücken, ist klar: Die Ostschweizer Metropole ist dank ihrem wichtigsten Export-Produkt wieder in den Schlagzeilen.

Wenn Miuccia Prada, die kreative Hand im Mailänder Mode-Imperium – es erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 2,6 Milliarden Franken und beschäftigt 7000 Mitarbeiter –, eine Botschaft in die Welt hinaus schickt, hat das etwa das gleiche Gewicht, wie wenn Carla Bruni zu einem Staatsempfang in einem Dior-Modell erscheint. Nur die Prada-Chefin wagt es, Dutzende von Models in nonnenhaft keuschen Witwen-Kleidern, hoch geknöpften Blusen und Knie bedeckenden Jupes auf den Laufsteg zu schicken, die dank der Üppigkeit ihrer gestickten Materialien und der Schlichtheit der Schnitte atemberaubend modern und sexy wirken.

Herr Schreiber, mit dem Défilé von Prada in Mailand wurde die St. Galler Stickerei der Firma Forster Rohner mit einem Schlag zum zentralen Mode-Thema dieses Winters. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Prada?

Hans Schreiber: Es begann im Januar, sechs Wochen vor dem Prada-Défilé: Ein Dreier-Team der Firma reiste von Mailand nach St. Gallen, um in unseren Archiven Stoff-Recherchen zu machen. Wir hatten schon früher mit Prada zusammengearbeitet. Diesmal waren die Spezialisten vor allem an unseren traditionellen Guipure-Mustern interessiert. Sie verlangten aber, dass wir diese Originale nach ihren individuellen Vorstellungen überarbeiteten. Eine Guipure, die wir 1950 für Balenciaga angefertigt hatten, begeisterte sie besonders. Unsere Entwerfer ersetzten die aufgenähten Blumen durch solche, die Miuccia Prada vorschwebten. Später wurde auch eine Spachtelspitze ausgesucht.

Was ist eigentlich eine Guipure oder eine Spachtelspitze und wie unterscheiden sie sich von einer echten Spitze?

Schreiber: Das Wort Guipure kommt vom französischen Wort «guiper» und bedeutet, einen Faden mit einem anderen umwickeln. Schwere Spitze und Ätz-Stickerei aus solch dicken Fäden nennt man deshalb «Guipure». Traditionelle Spitze wurde nie in der Schweiz hergestellt. Heute kommt sie aus Calais. Bei der Spitze werden die Fäden zu einem durchbrochenen Muster verwoben. Guipure hingegen ist eine Stickerei, die auf ein Grundmaterial gestickt wird. Dieses wird anschliessend chemisch entfernt. Zurück bleibt ein durchbrochener Stoff, welcher der Spitze sehr ähnlich ist. Auch die Spachtelspitze ist gestickt. Die zwischen den Stickereien ausgesparten Stoff-Flächen werden aber nicht weggeätzt, sondern von Hand ausgeschnitten.

Der «Corriere della Sera» schrieb von einem «Delirio creativo bellissimo». Schwebten Sie vor Freude auch in einem Freuden-Delirium?

Schreiber: Uns war es anfänglich gar nicht bewusst, wie gross der Auftrag sein würde. Erst als aus Mailand immer mehr Muster-Bestellungen eintrafen, ahnten wir, dass sich da etwas Bedeutendes anbahnte. Je näher die Schau rückte, desto öfters fuhren unsere Chauffeure über den San Bernardino, wo am Ende des Tunnels ein Auto von Prada die Ware entgegennahm und nach Mailand brachte. Sogar am Tag vor dem Défilé mussten wir nochmals liefern. Unsere 140 St. Galler Angestellten waren tagelang oft auch nachts damit beschäftigt, für Prada zu sticken. Prada wollte vor allem ganz traditionelle Guipure aus Wolle, Baumwolle und Metallfäden. Am Schluss waren 34 von 42 Modellen der Kollektion mit unseren Stickereien ausgestattet. Ein noch nie da gewesener Erfolg.

Was hat Miuccia Prada dazu bewogen, in die Schatzkiste der Stickerei-Archive zu greifen, um ausgerechnet das traditionellste aller Stickerei-Produkte zu verwenden?

Schreiber: Miuccia Prada ist eine aussergewöhnliche Frau. Sie gehört nicht zu den Designern, die mit ihrer Mode nur gefallen wollen. Im Gegenteil. Sie setzt sich intensiv mit «bad taste» auseinander, wagt Neues und treibt so ihre Kreationen immer weiter. «Confront your enemy», beschrieb eine Journalistin ihren Arbeitsstil. Der Feind war in diesem Fall ein kleines Stück alter Guipure-Spitze, das sie in ihrem Studio fand und ihr eigentlich nie gefallen hatte. Es habe sie immer an einen «Velo da lutto», einen Witwenschleier erinnert. Spitze sei in Italien ein fester Bestandteil im Leben einer Frau: Bei der Taufe, der Hochzeit, beim Trauern. Genau diese feministisch-soziale Rolle wollte sie mit ihren Entwürfen zeigen.

Jetzt ist die neue Wintermode in den Läden. Wie viele Meter Stickereien hat Prada dafür bestellt?

Schreiber: Es waren Tausende von Metern für immense Beträge. Und immer noch kommen neue Aufträge herein.

Ein Meter Guipure kostet bisweilen über 1000 Schweizer Franken. Gibt es denn Kundinnen, die ein so teures Prêt-à-porter-Modell kaufen?

Schreiber: Um die Produktion der Stickereien preisgünstiger zu machen, haben wir die Dessins leicht verändert. Wirkung und Qualität sind aber die gleichen geblieben. Da Prada viele Einzelteile anfertigen liess, kann sich eine Frau durchaus nur einen Jupe, ein Gilet oder eine Bluse statt ein ganzes Kleid aussuchen. H&M-Preise werden die Prada-Modelle natürlich nie haben.

Weshalb ist Guipure wieder Mode?

Schreiber: Die Zeit ist reif für eine zurückhaltende Silhouette und schmale Volumen. Lineare Einfachheit war das Thema in allen Winter-Schauen. Aber ohne die Potenz eines aussagekräftigen Stoffes würde diese neue Schlichtheit nicht zur Wirkung kommen. Streng maskuline Reduktion braucht stoffliche Extravaganz. Prada hat mit der Kollektion einen wichtigen Schwerpunkt gesetzt: Sie hat Tradition und Zeitgeist, Feminität und Maskulinität, Verführung und Beherrschung zu einem modernen Look vereint.

Wirkt die schwere Guipure-Stickerei nicht etwas altjüngferlich?

Schreiber: Keineswegs. Miuccia Prada achtet bei ihren Entwürfen nicht in erster Linie auf Tragbarkeit, sondern auf die Ausdruckskraft ihrer Botschaft. Sie liebt es, mit falschen Farben, unharmonischen Proportionen und Übertreibungen zu schockieren. Sie setzt damit aber immer Mode-Akzente. Das klösterlich Strenge durchbricht die Designerin mit modernen Accessoires wie farbigen Kragen-Einsätzen, ausgefallenen Schuhen, Taschen oder Manschetten.

Hat der Erfolg mit Prada schon Früchte getragen?

Schreiber: Durch die Prada-Kollektion ist die St. Galler Stickerei-Industrie wieder ins Rampenlicht gerückt. In der Mode ist Guipure diese Saison in aller Munde. Das ist allein schon ein grosser Erfolg. Ich bin überzeugt, dass Billig-Anbieter die Prada-Kollektion kopieren werden. Grosse Designer-Marken können sich diese Plumpheit nicht leisten. Auch in der Wäsche-Industrie hat die Kollektion grossen Einfluss genommen. Guipure wird in der Damen-Unterwäsche mit Sicherheit vermehrt auftauchen. Wir selbst sind mit verschiedenen Luxus-Marken bereits an neuen Entwicklungen für die nächste Saison.

Interview: Yvonne Forster

Freude am Erfolg: Hans Schreiber, Kreativ-Direktor bei Forster Rohner. (Bild: Reto Martin)

Freude am Erfolg: Hans Schreiber, Kreativ-Direktor bei Forster Rohner. (Bild: Reto Martin)

Millionen Stiche für Prada: Barocke Baumwoll- und Metall-Guipure machen die züchtigen Kleider modern. (Bilder: Yannis Vlamos)

Millionen Stiche für Prada: Barocke Baumwoll- und Metall-Guipure machen die züchtigen Kleider modern. (Bilder: Yannis Vlamos)

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