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«Es wäre schön, wenn andere Menschen auf uns zugehen würden»: Eine Taubblinde erzählt von ihrem Leben

Antonella Zanetti hört und sieht fast nichts. Damit hadert sie nicht, aber mit der Einsamkeit schon. Zum Tag der Taubblindheit am 27. Juni spricht sie über ihr Leben.
Simon Maurer
Die Baslerin Antonella Zanetti muss sich auf ihren Tastsinn verlassen. (Bild: Alex Spichale)

Die Baslerin Antonella Zanetti muss sich auf ihren Tastsinn verlassen. (Bild: Alex Spichale)

Manchmal reagieren Menschen feindselig, wenn sie Antonella Zanetti auf der Strasse grüssen und von ihr keine Antwort zurückkommt. Das die 58-Jährige blind ist, dass merken die meisten schnell. Sie erwarten deshalb automatisch, dass die Baslerin gut hört. Doch Zanetti leidet zusätzlich zu ihrer Blindheit auch an einer Hörbehinderung.

Sie ist eine von etwa 50'000 Menschen mit Taubblindheit und Hörsehbehinderung, die heute in der Schweiz leben. Die allermeisten Betroffenen sind nicht von Geburt an taubblind. Sie haben Sprache und Kommunikation im Kindesalter erlernt und sind erst im späteren Verlauf ihres Lebens hörsehbehindert geworden. Oft können sie darum normal sprechen und schreiben.

Mit fehlendem Augapfel geboren

Eine solche, für Taubblinde typische Biografie hat auch Zanetti. Die Baslerin wurde mit einem fehlenden Augapfel geboren und hatte bereits in der Kindheit eine leichte Hörbehinderung. Von der Schwerhörigkeit hat sie aber lange nichts gemerkt. Zanetti berichtet:

«Familie und Freunde sagten mir zwar schon damals, ich solle nicht so laut sprechen.»

Doch sie habe das nicht als Behinderung wahrgenommen. Erst als sie mit vor etwa 10 Jahren einen starken Tinnitus hatte, der nicht mehr wegging, suchte sie einen Arzt auf.

Dieser diagnostizierte ihr eine angeborene Schwerhörigkeit, die sich mit zunehmendem Alter verstärkt habe. Antonella Zanetti erhielt daraufhin ein Hörgerät. Das war aber zumindest am Anfang alles andere als ein Segen:

«Die ersten Wochen mit dem Hörgerät waren schrecklich! Plötzlich war alles um mich herum unglaublich laut, ständig schrien mich von irgendwo Stimmen an».

Erst nach einer längeren Gewöhnungsphase lernte sie den kleinen Knopf im Ohr schätzen. Heute ermöglicht er es ihr, mit anderen Menschen Gespräche zu führen. Aber nur, wenn ihr Gegenüber laut genug spricht und im Raum keine anderen Stimmen zu hören sind.

Das schlimmste ist die Ausgrenzung

Im Alltag ist Antonella Zanetti dennoch stark eingeschränkt. Frei bewegen kann sie sich trotz Begleitung ihres Blindenhundes kaum. Weil sie die heranfahrenden Autos nicht hört, ist das Überqueren von Strassen für sie immer eine Gefahr. Auch Zugverspätungen bereiten ihre grosse Mühe, weil sie die Bahnhofsdurchsagen nie versteht.

Trotz allen Mühen will Zanetti ihren Alltag so selbstständig wie möglich bewältigen. «Es muss einfach irgendwie gehen», sagt sie kämpferisch. Und ergänzt: «Einkäufe erledige ich selber, ich gehe auch gerne mit dem Hund raus in die Natur oder nehme an Kursen des Schweizerischer Zentralvereins für das Blindenwesen teil.» Bisher kann Zanetti in der eigenen Wohnung wohnen. Einzig ihre Arbeit in einer Stuhlflechterei in Basel musste sie vor einigen Jahren aufgeben.

Es sind nicht diese gewöhnlichen Hindernisse und Herausforderungen, welche sie als die schlimmste Folge ihrer Behinderung ansieht. Den grössten Kummer bereitet ihr die soziale Isolation, welche sie wegen der Hörsehbehinderung erfährt: «Wenn wir zum Beispiel in der Chorprobe eine Pause haben, reden alle miteinander. Weil ich nicht gleichzeitig mehreren Stimmen folgen kann, sitze ich dann einfach alleine da und gehe vergessen.»

In solchen Situationen fällt es Antonella Zanetti manchmal schwer, selbst auf andere Menschen zuzugehen. Es ermüdet, immer wieder auf die eigenen Spezialbedürfnisse aufmerksam machen zu müssen: «Ich weiss ja schon, dass es nicht böse gemeint ist, wenn wir Taubblinden nicht beachtet werden. Es ist ja auch so, dass man Zusatzaufwand betreiben muss, um mit uns zu kommunizieren. Aber es wäre trotzdem schön, wenn andere Menschen auch mal auf uns zugehen würden», sagt Zanetti.

Technik nicht nur hilfreich

Eine gesellschaftliche Entwicklung bereitet Zanetti in diesem Zusammenhang speziell Sorgen: die Verlagerung unseres Lebens in die digitale Welt. Als Taubblinde fühlt sie sich dadurch mehr und mehr ausgegrenzt. Für sie ist es nämlich viel schwieriger, ein iPhone zu bedienen und auf Whatsapp eine Nachricht zu schreiben, als einfach mit jemandem zu reden, der laut genug spricht.

Mit der Vorlesefunktion ihres iPhones könnte Antonella Zanetti zwar schon auch online kommunizieren. Doch die Sprachausgaben des Geräts sind für sie zu leise und es fällt ihr schwer, seine Bedienung zu erlernen. Das Handy ist deshalb nur für einen Teil der Betroffenen eine Hilfe.

Die neuen Technologien ermöglichen aber fast allen taubblinden Menschen das Lesen. Ein spezielles Computerzubehör, eine sogenannte Braillezeile, übersetzt einen Computertext in Blindenschrift und stellt jeweils eine Zeile mit herausragenden Flächen auf einem Display dar. So wird ein digitales Dokument mit den Fingerkuppen lesbar gemacht.

Die neuen technischen Möglichkeiten können aber den zwischenmenschlichen Kontakt nicht ersetzten. In der digitalen Welt fehlt er, für taubblinde Menschen ist das ein besonders schwerwiegender Nachteil. So gibt es etwa beim Einkaufen via Onlineshops keine persönliche Beratung.

Dabei ist es gerade das, was taubblinde Menschen am täglichen Gang ins Geschäft schätzen. Für viele ist es ausserdem gar nicht möglich, Angebote online zu nutzen. Ein Kleid aussuchen können sie zum Beispiel nur, wenn sie es mit den Händen abtasten können.

Hände und Nase sind für taubblinde Menschen die wichtigsten Wahrnehmungshelfer. Die Hände übernehmen ein Stück weit die Funktion der Augen, die Nase ersetzt die Ohren. Tast- und Geruchssinn sind bei Betroffenen deshalb oft besonders gut trainiert. Zanetti berichtet, dass sie mehr von ihrer Umwelt über die Nase wahrnehme als über das Auge.

Freude an der frisch gemähten Wiese

Als Folge dessen empfindet sie die kleinen frohen Momente des Alltags anders als sehende und hörende Menschen. An einem farbenfrohen Sonnenuntergang kann sie sich nicht erfreuen. Dafür werden ganz andere Situationen zu Glücksperlen:

«Ich liebe es, wenn ich an einer frisch gemähten Wiese vorbeilaufe und den Grasduft rieche. Oder wenn ich einen lieben Freund umarmen kann. In solchen Momenten bin ich richtig glücklich.»

Die kurzen positiven Augenblicke geben Zanetti Kraft und Zuversicht. Sie helfen ihr, nicht mit ihrem Schicksal zu hadern. Auch dank ihnen hat Zanetti heute die innere Stärke gefunden, um nicht zu verzweifeln und das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. Sie gehört nicht zu jenen, die alles negativ sehen und auf Biegen und Brechen eine medizinische Lösung für ihr Leiden suchen.

Es gibt aber eine Sache, die sich Antonella Zanetti von Herzen wünscht: Dass die Gesellschaft ihre Hemmungen im Umgang mit Taubblinden abbaut. Ihr Anliegen: «Sprecht uns Taubblinde an, habt keine Angst vor uns. Wenn die Menschen uns mit netten Gesten mehr in ihre Gesellschaft einschliessen würden, wäre das Leben für viele von uns um einiges schöner.»

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