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«Fussballspieler zahlen einen hohen Preis»

Jürgen Kaube, Feuilleton-Chef der «Frankfurter Allgemeine Zeitung», hat ein leichtfüssiges Büchlein über seinen Lieblingssport geschrieben: «Lob des Fussballs».
Interview: Rolf App
«Ein körperbetonter, aggressiver Sport, das passt besser zu Männern», findet Autor und Fan Jürgen Kaube. (Bild: Felipe Dana/AP (Moskau, 14. Juni 2018))

«Ein körperbetonter, aggressiver Sport, das passt besser zu Männern», findet Autor und Fan Jürgen Kaube. (Bild: Felipe Dana/AP (Moskau, 14. Juni 2018))

Jürgen Kaube, in Ihrem gerade erschienen «Lob des Fussballs» beantworten Sie eine Frage nicht: Macht Fussball glücklich?

Nun ja, Fussball macht die einen glücklich, die andern nicht.

Und wie macht er jene glücklich, die sich zum Beispiel jetzt gerade die Weltmeisterschaft anschauen?

Wenn man ein gutes Spiel sieht – oder wenn man ein Spiel gut sieht –, hat man neunzig Minuten, in denen anderes keine Rolle spielt, und in denen viel los ist.

Jene, die Fussball nicht glücklich macht, werden sagen: Fussball ist langweilig.

Ich verstehe das. Aber ob man ein Fussballspiel als langweilig empfindet, hängt von der Beobachtung ab. Wir sehen ja gerade bei der Weltmeisterschaft viele schwächere Spiele, in denen nicht viel passiert. Spanien gegen den Iran war so ein Spiel. Ich fand das unglaublich interessant, denn ich fragte mich: Wie gelingt es den Spaniern nun, den iranischen Safe zu knacken?

Was macht Fussball denn zu einem faszinierenden Sport?

Im Fussball kann jederzeit und überall etwas passieren. Es ist schwer, den Ball mit dem Fuss zu kontrollieren, und noch viel schwieriger, beispielsweise einen Fallrückzieher zu machen. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, auf dem Feld zum Erfolg zu kommen. All dies zieht den Betrachter ins Spiel hinein: Weil es so offen ist.

Jürgen Kaube, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und Buchautor.

Jürgen Kaube, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und Buchautor.

Klassenkämpferisch betrachtet, stehen in Russland an der WM viele junge Millionäre auf dem Spielfeld, und das Volk schaut zu. Stört Sie das?

Nein, das stört mich nicht. Die Kommerzialisierung des Fussballs, die Sie ansprechen, hat das Spiel besser und schneller gemacht. Es wird viel in die Spieler investiert. Was aber der Fussball auch gemacht hat: Er hat die Biografien ruiniert. Spitzenfussballer werden mit zwölf in eine andere Spur gesetzt, ungefähr zwanzig Jahre lang kümmern sie sich dann nur um ihren Körper. Biografisch ist das ruinös. Mit anderen Worten: Spieler verdienen viel, zahlen aber einen hohen Preis.

Gibt es unter diesen Bedingungen auch nicht mehr das, was Sie die Helden des Fussballs nennen?

Oh, es gibt schon noch Helden. Ob Toni Kroos ein Held auf Dauer sein wird, weiss ich nicht. Ein Tor reicht nicht, man braucht schon Geschichten dazu – und Spieler, die über Jahre eine Art Erzählung begleitet. Für mich war Zinédine Zidane einer dieser Helden. Sind Messi oder Cristiano Ronaldo heldenfähig? Ronaldo ist schon eine enorme Persönlichkeit.

Zurück zur finanziellen Seite: Stört es Sie nicht, dass sein Hauptprofiteur der Weltfussballverband Fifa ist, eine Organisation mit viel Geld, aber zweifelhaftem Ruf?

Das ist natürlich hässlich. Und es bietet nur einen schwachen Trost, wenn man sich ausrechnet, dass sich in anderen Bereichen ähnliche Missstände zeigen würden, wenn sie eine vergleichbare Aufmerksamkeit genössen wie der Fussball. Wir wissen über die Umtriebe von Sepp Blatter oder Fifa-Chef Gianni Infantino einfach auch besser Bescheid als über die Umtriebe der Funktionäre anderer Industrien.

Eine WM mobilisiert patrio­tische Gefühle, man hat das beim Spiel Schweiz – Serbien gut gesehen. Heizt er auch den Nationalismus an?

Ich weiss nicht so recht. Bei einigen ja, aber aufs Ganze gesehen schwächt sich das nationale Element aber eher ab durch die durchmischte Herkunft vieler Mannschaften. Das zeigt schon die umstrittene Geste der Schweizer Spieler, die ja keine patriotische Geste für die Schweiz war. Was man auch sehen muss: Schon immer haben Fussballspieler ein gespaltenes Verhältnis zum Nationalen gehabt, Zidane zum Beispiel hat die Marseillaise nicht gesungen. Ich finde aber vor allem, man sollte solche Vorkommnisse nicht zu stark moralisieren. Das sind Fussballspieler und keine Politiker.

«Fussball ist der Gesellschaft wahlverwandt», schreiben Sie. Wie meinen Sie das?

Im Fussball kann man schlecht entscheiden, worauf der Erfolg beruht. Die Grossen sind erfolgreich, die Kleinen sind erfolgreich, die Geduldigen und die Aggressiven, die Raffinierten und die Schlichten. Das gibt ganz gut wieder, wie es in der Gesellschaft zugeht.

Beim Spiel Iran gegen Portugal konnte man im Stadion iranische Frauen sehen. Auf dem Platz aber standen Männer. Das deutsche Fernsehen hat eine Kommentatorin im Einsatz, doch diese eine Frau erregt Anstoss in den sozialen Medien. Ist Fussball also immer noch ein Männerding?

Was das Spiel angeht, ist Fussball irgendwie ein Männerding. Frauenfussball ist ein Aktivensport, kein Publikumssport. Fussball ist ein körperbetonter, aggressiver Sport, das passt besser zu Männern. Aber die weibliche Kommentatorin ist kein bisschen schlechter als ihre Kollegen.

Und unter den Zuschauern, wie sieht es da in Ihren Augen aus?

Was die Publikumsränge angeht, hat sich viel verändert, mit vielen Frauen und ganzen Familien. Trotzdem sollte man das machohafte Gehabe noch weiter reduzieren. Wer diesen Sport gut betrachten will, kann kein Hooligan sein. Und auch wer mit Choreografien beschäftigt ist, verpasst viel. Denn ein Spiel anzuschauen bedeutet auch, den Gegner zu würdigen.

Die Vorrunde neigt sich dem Ende zu. Hat sich für Sie ein Favorit herausgeschält?

Vor dem Turnier habe ich auf Frankreich getippt. Ich traue den Franzosen noch immer viel zu. Einen guten Eindruck hinterlassen haben auch Belgier, Kroaten und Engländer. Und die Schweizer. Nicht dass sie grade Weltmeister werden. Aber von den Brasilianern wurden sie eine Halbzeit lang an die Wand gespielt und haben trotzdem nicht die Nerven verloren. Das war sehr eindrücklich. Also: Vielleicht läuft es am Ende auf Belgien oder Frankreich hinaus.

Lob des Fussballs

Es gibt dicke Bücher über Fussball, dieses ist aber ein dünnes, leichtfüssiges, dem es aber nicht an Tiefsinn mangelt. In seinem gerade im Verlag C.H. Beck erschienenen «Lob des Fussballs» verbindet Jürgen Kaube persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Analyse. (R.A.)

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