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Soziologen forschen auf neuem Gebiet: Heimatlos im kalten Spital

Wie ergeht es eigentlich dem Menschen in unserer Welt? Das fragt jetzt auch eine Wissenschaft, die sonst gern die Gesellschaft als Ganzes in den Blick nimmt. Und kommt zu erstaunlichen Einsichten.
Rolf App
Wie sieht das Spital aus, wenn man es als Patient erlebt? Soziologen versuchen, die Welt der Medizin mit den Augen der Patienten zu betrachten. (Bild: Getty)

Wie sieht das Spital aus, wenn man es als Patient erlebt? Soziologen versuchen, die Welt der Medizin mit den Augen der Patienten zu betrachten. (Bild: Getty)

Ein Magen-Darm-Spezialist hat einmal erzählt, er sei, als er seine Praxis übernommen habe, zuerst einmal durch die Räume gegangen. Habe den Korridor gemustert, das Wartezimmer, die Behandlungsräume – und sich dabei in die Haut seiner Patienten versetzt.

«Sie kommen hierher, haben oft Angst, weil sie, zum Beispiel, Darmkrebs haben könnten. Und was sehen sie? Lauter Blau- und Grautöne. Frostige Farben und keine warmen.»

Die Konsequenz: Freundlichere Farben haben in diese Arztpraxis Einzug gehalten.

Es ist eine Geschichte, die gut zu einem internationalen Kongress von Soziologen passt, der in der letzten Woche in St. Gallen stattgefunden hat, und der sich mit qualitativen Methoden befasst hat – was weit weniger abstrakt ist, als es klingt.

Das macht etwa der sehr lebendige David Howes aus Kanada klar, einer der Redner und ein immer wieder überraschender Gesprächspartner. Howes befasst sich mit dem Menschen als Sinneswesen, und deshalb auch damit, wo diese Sinnlichkeit aufgenommen oder eben abgestossen wird.

«Unsere Welt bedient nur gerade zwei Sinne»

Rasch kommt er aufs Spital zu sprechen. «Wir leben in einer Welt, die nur gerade zwei Sinne bedient: den Seh- und den Hörsinn», sagt Howes. «Für das Spital gilt das noch in einem gesteigerten Mass.»

Spitäler sind kalte Orte. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, dass die Patienten sich dort auch wohl fühlen sollen. Ein Blumenstrauss hier, ein Bild dort, damit hat sich’s in den meisten Fällen. Alles ist zweckmässig eingerichtet, und der Zweck, das ist die moderne Medizin mit all ihrer Technik.

«Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum all die alternativen Therapien so viel Zulauf haben», fragt Howes mit seiner weichen Stimme. Die Antwort liegt für ihn auf der Hand.

«Sie sprechen jene Sinne an, die das ­moderne Spital ausser Acht lässt. Hier wendet man sich dir aufmerksam zu, hier arbeitet man mit Düften, hier wirst du sogar berührt.»

Wie sieht die Welt von unten aus?

Was David Howes in Montreal zu seinem Forschungsfeld gemacht hat, ist nicht die von Statistiken und Zahlen beherrschte Soziologie, die wir kennen. Es ist nicht die Betrachtung der Gesellschaft aus der Vogelperspektive.

Howes macht vielmehr, wenn er in ein Spital kommt, genau das, was der Magen-Darm-Spezialist beim Gang durch seine neue Praxis getan hat: Er versetzt sich in die Haut des Patienten oder der Patientin und spürt so Defizite auf, die den meisten Ärzten ­wenig bewusst sind.

Man kann diese Art des Zugangs, der mit Interviews und teilnehmender Beobachtung arbeitet, auf viele gesellschaftliche Bereiche anwenden. «Wir tauchen ein in die Welten der Mitmenschen, deren Leben wir erforschen, seien dies Drogendealer, Schüler im Klassenzimmer oder Ärzte im Spital», beschreibt Florian Elliker von der Universität St. Gallen, zusammen mit Niklaus Reichle Veranstalter des Kongresses, diese «Qualitative Soziologie».

Die beiden haben Erfahrung: Ihre Studenten schicken sie in die Cafés, um zu beobachten, was dort geschieht. Und selber erforschen sie die Integration über die Rassengrenzen hinweg an südafrikanischen Universitäten. «Wir gehen in die Studentenwohnheime, sind bei Teepausen dabei, und stellen fest: Meist geht es in den Konflikten nicht um die Rasse», sagt Elliker.

Verborgene Randbereiche der Gesellschaft

Darin liegt die eine Qualität dieser Art von Forschung: Sie bringt Vorurteile ins Wanken und zeigt, dass die Wirklichkeit komplizierter ist, als sie scheint. «Man ist näher dran an dem, was die Menschen bewegt», sagt Niklaus Reichle.

Die andere Qualität lässt sich gut mit dem illustrieren, was Patricia und Peter Adler aus Hawaii am Kongress berichten. Sie nehmen jene Randbereiche der Gesellschaft in den Blick, die diese Gesellschaft im Verborgenen prägen. Sie tauchen ein in die Welten von Luxushotels, beschreiben sie aus den unterschiedlichen Perspektive von Managern, Surflehrern und lokalen Angestellten. Oder sie erforschen die Motive junger Menschen, die sich selber Verletzungen zufügen, und ­finden heraus: Es liegt gar kein ­medizinisch zu behandelndes Problem vor. Es handelt sich vielmehr um Übergangsrituale auf dem Weg ins Erwachsenenleben.

«Die moderne Informatik führt oft in die Irre»

Doch stellt die sinnliche Verarmung unserer Spitäler keineswegs das einzige Defizit dar, dem Patienten begegnen. Eine tiefe Diskrepanz klafft auch dort, wo das zentrale Versprechen der Medizin ins Spiel kommt: Dass immer mehr Daten zu immer besseren Diagnosen und Behandlungen führen. Und dass mit ihnen die Patienten immer mündiger werden. Die Wirklichkeit, weiss Ross Koppel aus Pennsylvania, sieht anders aus.

«Die heutige Informatik kann zwar vor einem Herzinfarkt warnen oder Symptome von Diabetes registrieren», sagt er. «Oft aber führt sie auch in die Irre. Oder sie überfordert den Einzelnen.» Dann etwa, wenn sich die Forderung nach Einsicht in die Patientenakten durchsetzt. «Das kann dann dazu führen, dass Patienten verunsichert werden, weil sie eine Diagnose gar nicht einordnen können. Und dass die Ärzte umgekehrt vorsichtiger werden bei dem, was sie schriftlich festhalten.»

Warnhinweise, die niemanden mehr warnen

Diese Ärzte verfügen schon heute über Hilfsmittel, deren Nutzen höchst zweifelhaft erscheint. Ross Koppel erzählt von einem Programm namens «Computer Decision Support», das bei der Verschreibung eines Medikaments Warnhinweise zur Unverträglichkeit mit andern Medikamenten verschickt.

Diese Warnhinweise, verfasst grösstenteils von Anwälten, die so ihre Firmen vor Prozessen schützen wollen, kommen so zahlreich, dass sie ihren Zweck verfehlen. «Die Ärzte ignorieren sie denn auch», sagt Koppel, «obwohl einige davon Leben retten könnten.»

Benutzerfreundlichkeit, das bleibt in Spitälern und Arztpraxen vorderhand ein Fremdwort, erklärt Ross Koppel. «Die Situation in Westeuropa ist keineswegs besser als in den USA.» So wird er fortfahren, die Welt der Medizin mit den Augen der Patienten zu sehen, und ein Gebiet der ­Soziologie weiterzuentwickeln, dem es beileibe nicht an Anwendungen mangelt.

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