Sonnige Grüsse aus…

«Das Wetter ist schön. Wir essen gut. Das Meer ist warm» – Postkarten, kitschig, behäbig und in Zeiten von SMS und MMS komplett veraltet, sind voller gutgemeinter Lügen (hinten) und voll von buntem Kitsch (vorne). Warum es sich trotzdem lohnt, diesen Sommer wieder zu Karte, Stift und Marke zu greifen. Katja Fischer

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Nie ist der Himmel blauer, nie sind die Berge höher: Postkarten machen die Welt schöner als sie ist und nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. (Bild: Michel Canonica)

Nie ist der Himmel blauer, nie sind die Berge höher: Postkarten machen die Welt schöner als sie ist und nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. (Bild: Michel Canonica)

«Wissen Sie, was der grösste Vorteil einer Postkarte gegenüber einem SMS ist?», fragt Gion Schneller. «Ein SMS können Sie nicht an den Kühlschrank kleben», beantwortet der Chef des grössten Schweizer Postkartenverlags seine Frage gleich selbst. Er ist es sich gewohnt, «seine» Ansichtskarten argumentativ zu verteidigen. Er tut es mit hörbarer Leidenschaft. Und weil Ansichtskarten etwas Positives seien. «Hinten und vorne, einfach nur schön.» Er hat recht.

Wenn auf der Vorderseite die Sonne blutrot im Meer versinkt oder das Matterhorn in den blauen Himmel sticht, kann auf der Rückseite nicht über todbringende Quallen, pampige Pizze und Schlechtwetterfronten geklagt werden. Postkarten erzwingen die Lüge, die gutgemeinte. Postkarten schicken ein Lächeln. Es ist positive Post unter all den Rechnungen.

30 Millionen Karten pro Jahr

Doch wer schreibt heute noch Postkarten? Wer erhält noch welche zugeschickt? 1990 wurden in der Schweiz 61,5 Millionen Postkarten verschickt, heute sind es noch knapp 30 Millionen. Das klingt nach viel, ist aber nur ein Bruchteil dessen, was früher über die Postschalter ging. Während des Ersten Weltkriegs beförderte die Deutsche Post 10 Milliarden Postkarten, in der Schweiz waren es in den 50er-Jahren knapp eine Milliarde.

Nicht zur Freude aller: Frida Kronoff hielt 1925 in ihrem «Wegweiser des feinen Taktes für Haus und Welt» fest: «Eine beliebte Abart, besonders für träge Briefschreiber, ist die Ansichtskarte. Diese teilt schon im Bilde mit, was der Absender mit Worten doch sagen müsste, und lässt nur wenig Raum für Mitteilungen.»

Fünf Worte nur

Was die gute Frau Kronoff damals nicht verstanden hat, der begrenzte Raum ist es gerade, was die Ansichtskarte ausmacht. Niemand verlangt viele Worte, ja noch nicht einmal Sinn ist zwingend erforderlich.

Es gibt keinen Platz für Ausschweifungen. «Essen gut, Meer warm», da bleiben keine Fragen offen, da verlangt niemand eine Antwort. Nur ein «Danke», das gehört sich.

Die Schweizer Post hat die Schreibfaulheit noch explizit gefördert. Bis in die 80er-Jahre galt ein vergünstigtes Porto für Postkarten mit bis 5 Grussworten: «Viele liebe Grüsse aus Italien» lag da gerade noch drin.

Eine Art lahmes Facebook

Ob Postkarte oder Brief, ob fünf oder 20 Grussworte, der Post ist das heute einerlei. Die Texte auf den Karten sind deswegen aber nicht tiefgründiger geworden. Bei Lichte betrachtet sind sie gar kompletter Unsinn. Ungefragt zugesandte Informationen. Frankierte und bei Erhalt längst veraltete Statusmeldungen, lange vor Facebook erfunden.

Oder interessiert es Sie wirklich, dass Ihr Nachbar in Frankreich «jeden Tag schnorchelt», die Tante in Kalabrien «gut isst» und das Wetter bei Schneiders in Schweden «meist schön» ist? Kaum.

Trotzdem freuen wir uns über Ansichtskarten, sehr sogar. Denn zwischen den banalen Grusszeilen lesen wir: «Ich hab an Dich gedacht. Ich habe diese Karte für Dich gekauft.» Und darum geht es, um Aufmerksamkeit und um die Zeit, die man sich nimmt.

Nie ist man mehr Tourist

Postkarten schreiben ist aufwendig. Es ist sogar lästig. Nie ist man mehr Touristin als während des Drehens eines Kartenständers in der Mittagssonne von Palermo. Nie fühlt man sich unkreativer, als wenn man für vier Sätze zehn Minuten braucht und das Resultat mit «Wir geniessen die Sonne» anfängt. Kein Wunder, hat eine Befragung unter Studenten in Bonn 2002 ergeben, dass 94 Prozent mit dem Versenden von Postkarten Freude bereiten wollen, doch nur 68 Prozent verschicken solche Karten gerne.

Selbst Kalkutta sieht gut aus

Es gibt heute einfachere Methoden, die Daheimgebliebenen am Ferienglück teilhaben zu lassen. Aber SMS, MMS und Twitter geht neben ihrer Beiläufigkeit vor allem eines ab, das Motiv, das sprichwörtliche Postkartenbild. Ein Ausschnitt von Welt in A6-Format. Eine Welt, die schöner, knalliger, farbiger ist als die echte. Selbst Mailand sieht auf Postkarten gut aus, Johannesburg wirkt freundlich und Romanshorn am Bodensee irgendwie elegant. Eine Überdosis Schönheit, wie man sie nie zu sehen bekommt, weil es sie so gar nicht gibt.

Zürichsee mit Matterhorn

Eine der meistverkauften Karten der Schweiz ist seit Jahren eine Fotomontage: Zürichsee mit Eiger, Mönch, Jungfrau und Matterhorn im Hintergrund. Dass es diese Ansicht nicht gibt, stört die Touristen nicht. Es ist die Verdichtung ihrer Ferien-Schweiz.

Ferien sind Übertreibungen in Bild und Text. Wer seine Ferien nicht geniesst, der schreibt auch keine Karten.

Wer ausführlich über Land und Leute erzählen will, macht eine Diashow, wer kritisch und anstrengend reist, führt gescheiter einen Blog. Aber wer in seinen Ferien einfach nur herumliegt und zu viel isst, wer zu viel Sonne tankt und zu wenig Kultur anschaut, der soll doch eine Karte nach Hause schicken und soll darin schreiben: «Das Essen ist gut, der Strand ist herrlich, uns geht es gut.» Mehr braucht es nicht.

Die Daheimgebliebenen werden die Karte aus dem Briefkasten fischen, sie an den Kühlschrank hängen und lächeln.