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Beliebter als Luca Hänni: Wer sind die Schweizer Stars auf der Videoplattform Tiktok?

Glitter, Sport und Alltagsdramen: Auf dem Videoportal Tiktok gibt es auch einige Schweizer Stars, deren Filmchen Millionen Fans anschauen.

Gülpinar Günes und Katja Fischer
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Ihr Markenzeichen sind ihre überlangen Fingernägel in wechselnden Farben und ihre absolut makellose Haut. Auf ihren beliebtesten Videos überzieht sie ihr Gesicht gekonnt langsam mit glitzernd-schleimigen Gels und Pasten, dazu ertönen seltsame Geräusche wie aus einem Videogame. Solche 18-Sekunden-Videos postet Noemi Nikita mehrmals pro Woche auf ihrem Tiktok-Kanal. Und über 40 Millionen Leute sehen sich das warum auch immer an. Die Schweizerin gehört mit ihren schrillen, bunten Beautyvideos zu den erfolgreichsten Tiktokerinnen in diesem Land, über 10,7 Millionen Follower hat sie.

Auf jener App, die laut dem Digimonitor 2021 mittlerweile mehr Jugendliche unter 25 Jahren nutzen als Facebook, und eben jener App, die Eltern ratlos den Kopf schütteln lässt. Was schauen sich die Teenager da an und wer sind ihre Vorbilder und Heldinnen?

Zuerst die Fakten: Tiktok ist ein Videoportal des chinesischen Unternehmens Bytedance, das ab September 2016 mit der Lippensynchronisation von populären Songs beliebt wurde – eigentlich nicht viel mehr als modernes Play-back zum Mitsingen und Mitfilmen. Daraus entstand innert weniger Jahre eine weltweit vernetzende Videoplattform mit monatlich über 800 Millionen aktiven Nutzerinnen und Nutzern, die meisten davon unter 20 Jahren. Der Inhalt der Kurzvideos deckt längst ein riesiges Themenspektrum von Schminktipps über Fitnessanleitungen bis hin zu Comedy und sehr viel Nonsens ab.

Eine digitale Parallelwelt

Es ist eine Welt, in der Alltagsvideos von Influencern mehr interessieren als beispielsweise die 1990er-Jahre-Ikone Will Smith, der mit «nur» 61 Millionen Followern geradezu klein aussieht neben Tiktok-Superstar Charli d’Amelio: Mit über 123 Millionen Followern gehört die US-Amerikanerin zu den beliebtesten Tiktokerinnen der Welt. Worüber die 17-Jährige postet? Mittlerweile vor allem über ihren Alltag. Aber begonnen hat die Tänzerin vor rund drei Jahren mit simplen Tanzvideos.

Gerade ist eine eigene Show für sie und ihre Familie in den Startlöchern: #thedamelioshow dreht sich allein um sie, ihre ebenfalls berühmte Tiktok-Schwester und ihre nicht minder sendungsbewussten Eltern. Das ganze erinnert auffällig an die Anfänge einer anderen, durch TV und Social Media sehr berühmt und reich gewordenen Familie: Kardashians.

Tiktok trifft auch in der Schweiz den Nerv der Generation «Woke». Neben Noemi Nikita mit ihren über zehn Millionen Followern gehört auch Dean Schneider zu den populärsten Schweizern auf der Plattform. Der Zürcher begeistert seine 10,2 Millionen Follower mit Videos, in denen er mit Löwen, Affen und anderen Wildtieren auf seiner Farm in Südafrika posiert. Seine Popularität hat allerdings auch eine Kehrseite, wie CH Media bereits berichtete. Aufgrund seiner Fotos wird ihm vorgeworfen, die Wildtiere zu Gunsten seiner Beliebtheit auszunutzen.

Influencer stellen Schweizer Promis in den Schatten

Sowohl Nikita als auch Schneider gehören zu den wenigen Schweizerinnen und Schweizern, die auf Tiktok mit ihren rund zehn Millionen Followern international mithalten können. Selbst der hierzulande ziemlich bekannte und beliebte Freestyle-Skifahrer Andri Ragettli kommt mit seinen spektakulären Stunts «nur» auf knapp zwei Millionen Follower: Der 23-jährige Sportler nutzt die Plattform, um sich vor allem mit waghalsigen Sprüngen über Rampen oder über Brücken zu profilieren. Das kommt an.

Ein ganz anderes Phänomen sind die Videos von Anna-Maria. Ihren 1,6 Millionen Follower präsentiert sie eine Mischung aus alternativ-urbanen Beauty-Alltag-Nonsense-Videos und spricht damit wohl vor allem systemkritische, umweltbewusste und eher introvertierte Jugendliche an. Im Fokus der Videos steht meistens sie: eine junge Frau, selbstbewusst und hübsch, aber nicht frei von diversen Ängsten und Psychosen, dafür mehrmals gepierct, tätowiert und mit frecher Schnauze.

Sowohl Andri Ragettli als auch Anna-Maria stellen mit ihren Followern sogar Schweizer Stars wie Musiker Luca Hänni und Moderatorin Michelle Hunziker auf Tiktok in den Schatten. Hunziker beispielsweise hat nur 1,3 Millionen Follower und Hänni knapp 800'000.

Kritik an Altersgrenze

Trotz seiner Beliebtheit stand und steht Tiktok auch immer wieder in der Kritik. Etwa wegen gefährlicher Mutproben, die Anfang Jahr mutmasslich zum Tod einer Zehnjährigen in Italien führten. Das Unternehmen verpflichtete sich anschliessend, Methoden zu prüfen, um das Alter der Nutzerinnen und Nutzer besser kontrollieren zu können. Stand heute ist Tiktok ab 13 Jahren zugelassen. Doch viele Nutzerinnen sind auch deutlich jünger, die Kontrolle liegt nach wie vor bei den Eltern.

Das wirft weitere Fragen auf, etwa, wie sehr das Unternehmen Minderjährige vor versteckter Werbung schützt. Noemi Nikita beispielsweise verlinkt auf ihrem Konto direkt auf einen Shop mit Schönheitsprodukten. Fast alles, was sie sich ins Gesicht schmiert, kann man dort mit wenigen Klicks kaufen. Und Tiktok-Superstar Charli d’Amelio ist sich nicht zu schade, permanent die Tüten einer Chipsmarke in die Kamera zu halten, von der sie offensichtlich gesponsert wird.

Doch mit diesem Problem ist Tiktok nicht alleine, auch auf allen anderen Plattformen wird mehr oder weniger offensiv Werbung gemacht, bestehen Partnerschaften und haben Minderjährige Zugang. Nur die Konsumentinnen und die Produzenten der Inhalte werden mit jeder neuen Plattform jünger, die Inhalte unübersichtlicher, die neuen Stars strahlen und verglühen noch schneller.