So kaputt wie beliebt

Dandy Englands bekanntester Dandy Sebastian Horsley ist an einer Überdosis Heroin gestorben. Ist es eben doch zu gefährlich, in diesen Zeiten ein Dandy zu sein?

Tin Fischer
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Sebastian Horsely liebte Drogen, Huren, Kunst und gute Kleidung.

Sebastian Horsely liebte Drogen, Huren, Kunst und gute Kleidung.

Kurz bevor der Maler, Künstler und Selbstdarsteller Sebastian Horsley an einer Überdosis Heroin starb, wurde sein Leben in London uraufgeführt. Der Theaterkritiker der «Daily Mail» – der konservativen Zeitung des britischen Mittellandes – war wenig angetan. Horsley sei besessen von Sex, verachte die Monogamie und sei unfähig, sich ohne das «F Wort» auszudrücken.

Geboren in eine der reichsten Familien Englands, war seine Kindheit eine einzige Tragödie. Die ganze Familie habe sich nur noch in der Horizontalen bewegt, sagte er. Sein eigenes Geld hatte Horsley an der Börse verdient – und in Bordellen verloren. Im Londoner Soho war er als Dandy bekannt, der mit Anzug und Zylinder durch den Bezirk zog und dem Nihilismus frönte.

Auf den Philippinen hatte er sich – ohne Schmerzmittel – an ein Kreuz nageln lassen, um das absolute Nichts zu spüren. Er hat geschrieben, gemalt und ironiebegabt über seine Bordellbesuche philosophiert. Dass er für letzteres 100 000 Pfund ausgegeben hatte, sei doch eine «viel ehrlichere Transaktion als die Lügen, die ein Mann normalerweise erzählt, um eine Frau zu kriegen», meinte er am englischen Radio. Die Zuhörer waren empört.

Piekfeiner Oscar Wild

Der Dandy – der Nihilist, der sich mit seiner Kleidung und seiner Sprache selbst zum lebenden Kunstwerk macht und sich so von der Gesellschaft abhebt – gehört zur britischen Kultur wie der Adel. Oscar Wilde ist nur der bekannteste von ihnen: Piekfein und nie um ein Bonmot verlegen.

Bei allem Humor liebt die britische Presse nichts so sehr wie die moralische Frage, ob etwas eine Gefahr für Gesundheit und Sicherheit und ob jemand ein gutes Vorbild ist.

Bei Horsley, der ebenso kaputt war wie er geliebt wurde und immer für wieder für Kontroversen sorgte, stellte sich die Frage gleich doppelt. Seine Autobiographie «Dandy in der Unterwelt» (Blumenbar-Verlag), eine traurige Hymne auf den Niedergang und die britische Fähigkeit, sogar im Scheitern nicht den Humor zu verlieren, hat die junge Bohème verschlungen.

Das Dandytum schien Horsley zwar zu ermöglichen, dass er als einzige in der Familie aufrecht durchs Leben gehen konnte. Sein Anzug und seine ironischen Sätze – sein Leben habe mit einer misslungenen Abreibung begonnen – waren wie ein Schutzschild gegen die Widrigkeiten seiner Biographie. Ob diese Selbststilisierung trotzdem gesund war? Nach Horsleys Tod meldet sich der Kritiker der «Daily Mail» zurück: «Wenn sich Horsley in Reaktion auf das Stück und seine Reaktionen umgebracht hat, zeigt das, dass Kunst gefährlich sein kann.»

«Am I Chap?»

Es gibt aber auch eine ungefährliche Variante des künstlerischen Dandytums. Seit 10 Jahren erscheint in England «The Chap» – ein kleines Magazin für «Anarcho-Dandyism», anarchische Klamauk. Seine beliebteste Rubrik heisst «Am I Chap?» – bin ich ein Chap, ein Dandy? Leser schicken Fotos von sich in ihren besten Kleidern – vorzugsweise von biederen Hochzeitsfeiern – ein und ihre Erscheinung wird von der Redaktion bewertet. 9 von 10 werden mit so grandioser Bösartigkeit verrissen, dass es eine wahre Freude ist.

Ein Dandy darf kein Clown sein

Doch selbst dieses ungefährliche, ironische Dandytum stösst auf Kritik. Die «Chaps» seien nur peinliche Dandy-Karikaturen, nörgeln jene, die sich als diskrete Gentlemen-Dandies verstehen. Nicht besser erging es Horsley. Er sei nur ein weiterer Vertreter dieses «neuen püppchenhaften Promi-Dandyismus», der seit den 90ern mit Berühmtheiten wie dem Musiker Pete Doherty ein Revival erlebt.

Ein Dandy sollte sich demnach nicht wie ein Clown kleiden, auch dann nicht, wenn er ein trauriger Clown ist. Ist er trotzdem ein gutes Vorbild? «Ich habe für die Kunst gelitten», schrieb Horsley den Lesern seiner Autobiographie. Und rief auf: «Jetzt bist Du dran.» Würde sich jemand daran halten, wäre er eine Gefahr für unsere Gesundheit. Leiden wir stattdessen mit ihm, ist er uns ein kleiner Jesus der Ironie.