So, hämmer wider eine!

Emil Steinberger feiert an Dreikönig den 75. Geburtstag. Ein Interview mit dem populären Kabarettisten über seine Karriere, über Sit-down- und Stand-up-Comedy, schwarze Schafe und den Nerv der Schweiz.

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Immer auf dem Posten: Feuerwehrmann Emil 1980 im Programm «Füürobig». (Bild: ky.)

Immer auf dem Posten: Feuerwehrmann Emil 1980 im Programm «Füürobig». (Bild: ky.)

Mit welchen Gefühlen begehen Sie Ihren 75. Geburtstag?

Emil Steinberger: Geburtstage sind nicht wichtig für mich – seit meinem 30. Lebensjahr freue ich mich einfach, dass jeder Tag etwas Neues und Interessantes bringt. Jeden Abend sage ich zu meiner Frau Niccel beim Zubettgehen: «So, hämmer wider eine!» Gemeint ist ein ereignisreicher Tag.

Sie lassen sich vom Schweizer Fernsehen nicht mit einer grossen Gala feiern. Weil Sie in Ihren Anfängen nur wenig Unterstützung bekamen?

Emil: Nein, das ist nicht der Grund. Das Fernsehen zeigte zwar schon am Anfang meiner Karriere kein grosses Interesse. Als ich das Programm «Geschichten, die das Leben schrieb» 1970 vier oder fünf Monate im Zürcher Bernhard-Theater spielte, meldete sich erst in der letzten Spielwoche Unterhaltungschef Max Ernst bei mir. Am Ende wurden noch 50 der 90 Minuten aufgezeichnet. Auch später blieb vieles undokumentiert. Das ist so schade.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Emil: Nein, ich verstehe nicht, weshalb mich das Fernsehen in der Vergangenheit nicht öfter anfragte. Mit meinen Nummern treffe ich doch genau den Nerv der Schweizer. Und vor allem bringen sie die Leute zum Lachen.

Wollte man Ihnen nie eine Sendung geben?

Emil: Nur einmal durfte ich anlässlich der Nationalratswahlen in den 80er-Jahren mit jungen Künstlern ein Programm gestalten. Die zehn Nummern wurden zwischen den Resultatmeldungen gezeigt. Eine handelte von einem Politiker, den man sich für einen Franken in einer Peepshow ansehen konnte. Das wurde überhaupt nicht goutiert und hagelte Kritiken. Immerhin entstand für jene Sendung auch «Der Wahlverlierer», der heute noch zieht.

Der Erfolg in Deutschland war so gross, dass Sie die Notbremse zogen. Weshalb?

Emil: Da waren plötzlich so viele Theater, die alle «Emil» wollten, dass ich nicht mehr wusste, wo anfangen und wo aufhören. Dieser Nachfrage gegenüber fühlte ich mich fast ohnmächtig. Da musste ich sagen: «Stop, fertig, aus!»

Mit heutigen Hilfsmitteln wie Grossleinwänden hätten Sie Sportarenen füllen können. Eine reizvolle Vorstellung?

Emil: Nein, überhaupt nicht. Ich mag es, wenn ich die Nähe der Leute spüre. Nur dieser unmittelbare Augenkontakt erklärt, weshalb sich Sätze aus meinen Nummern so eingebrannt haben, dass sie zu stehenden Wendungen im Familienalltag wurden, mit denen selbst meine Frau Niccel und ich manchmal spielen.

Mit «Die Schweizermacher» waren Sie auch im Kino erfolgreich. Könnte man Sie mit einer tollen Rolle nochmals vor die Kamera locken?

Emil: Nicht unbedingt. Der Einbürgerungsbeamte in Lyssys Film war einfach ich selbst. Genau so hätte ich auch gehandelt. Bei allen anderen Filmen war ich von mir als Schauspieler nicht restlos überzeugt. Ausserdem finde ich Dreharbeiten hart und zeitraubend. Das viele Warten liegt mir ebenso wenig, wie Regieanweisungen zu befolgen oder einen Text präzis zu reproduzieren.

Auf Ihrer Homepage bedauern Sie, dass sich das Vorgehen der Behörden bei Einbürgerungen auf Wunsch des Volkes seit 1978 nicht wesentlich verändert hätte. Demnach waren Sie kein Anhänger der SVP-Schäfchenkampagne?

Emil: Nein, bestimmt nicht. Sie ist allerdings etwas überbewertet worden. Zwar ist das «schwarze Schaf» eine Redewendung, die viel Raum für Interpretationen zulässt, doch hat die rassistische Deutung dem Image der Schweiz im Ausland sehr geschadet. Ich fände wichtig, dass es endlich eine gesamtschweizerische Einbürgerungspraxis gäbe. Es kann doch nicht sein, dass jede unserer 3000 Gemeinden selber definiert, was einen Schweizer ausmacht.

Wie kam es 1987 zu Ihrem Rücktritt als «Emil»?

Emil: Die Zeit war einfach reif zum Aufhören. Ich war des Herumreisens müde, sah die Gefahr, mich zu wiederholen, und hatte das Bedürfnis nach Musse, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Warum liessen Sie sich nicht zu einem «Emil»-Comeback verleiten?

Emil: Die Verlockung war da. Der Circus Knie hätte nach der Rekordsaison 1977 sogar direkt ein Jahr angehängt, aber ich wollte, dass der Höhepunkt haften bleibt und die Erinnerung nicht durch etwas getrübt wird, das als Wiederholung oder Abklatsch empfunden werden könnte.

Wie kam es 1993 zu Ihrer Auswanderung nach New York?

Emil: Nach meinem Rückzug von der Bühne hatte ich so viele Werbe- und PR-Aufträge, dass ich nur noch eine Chance sah, um zur Ruhe zu kommen: in eine Weltmetropole zu verschwinden. Ironischerweise hat das dann aber auch in New York nur bedingt geklappt, und ich war schon bald in ein Millionen-Projekt für eine Dinner-Show mit Zirkus und Variété in Manhattan involviert.

Wie erleben Sie Ihre kabarettistischen Lesungen heute im Vergleich zu den «Emil»-Programmen?

Emil: 1999 fing ich mit kleinen Lesungen in Buchhandlungen an. Das Interesse wuchs – schliesslich landete ich wieder auf der Bühne. Im Gegensatz zu früher bleibe ich nun aber an meinem Tisch sitzen. Statt «Stand-up-» mache ich heute «Sit-down-Comedy».

Gibt es im 2008 tatsächlich ein «Emil»-Comeback?

Emil: Blödsinn. Diesen Eindruck hat eine Zeitung geweckt. Es gibt einige Auftritte, eine Mischung von «Emil»'schen Beobachtungen und eigenen Erlebnissen. Und die Leute lachen und sind glücklich, mich persönlich zu erleben. Vor allem die Generation, die «Emil» nicht mehr live erlebt hat.

Interview: Reinhold Hönle

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