Snowkiten in Silvaplana
Auf den Ski oder dem Snowboard mit dem Drachen an der Leine wie ein Adler vor dem Sturzflug über den gefrorenen See rasen

Wer sich vom Wind über zugefrorene Seen ziehen lässt, kann ein Gefühl der Schwerelosigkeit erleben. Ein Selbstversuch auf dem Silvaplanersee.

Simon Häring
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Mit dem Kite über den gefrorenen Silvaplanersee brettern.

Mit dem Kite über den gefrorenen Silvaplanersee brettern.

Bild: Swisskitesurf

Für einmal hat die Sonne an diesem Wintertag auch im Engadin keine Chance gegen die Nebeldecke. Es ist 11.00 Uhr, das Thermometer zeigt eisige Minus 11 Grad an, der Wind lässt die Schneeflocken durch die Luft tanzen. Es ist ein Wetter, bei dem die meisten Skifahrer, Snowboarder und Langläufer die Nase rümpfen und sich zwei Mal überlegen, ob sie die wohlige Wärme verlassen wollen. Was die einen abschreckt, ist für Snowkiter das Paradies. Sie lassen sich mit Ski oder Snowboard an den Füssen von einem Drachen über gefrorene Felder und Seen ziehen und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern.

Davon bin ich als Anfänger weit entfernt. Ich bin ein geübter Skifahrer, als Kind habe ich Drachen steigen lassen und auch im Windsurfen habe ich mich schon versucht – wenn auch mit mässigem Erfolg. Ob mir das alles hilft, um den Drachen zu bändigen? Ich habe Respekt und grosse Zweifel.

Im Winter wird aus dem Mekka für Kitesurfer und Windsurfer ein Treffpunkt für Snowkiter auf Ski und Snowboard.

Im Winter wird aus dem Mekka für Kitesurfer und Windsurfer ein Treffpunkt für Snowkiter auf Ski und Snowboard.

Bild: Swisskitesurf

Windböe und Abflug als Horrorvorstellung

Mein Kursleiter Simon, der mit mir nicht nur den Vornamen teilt, sondern auch den Heimatkanton Baselland, und sein Herz ebenfalls ans Engadin verloren hat, unternimmt wenig, mir das auszutreiben. Snowkiten ist ein heisser Tanz mit den Naturgewalten. Wer es beherrschen will und nicht zu einem Spielball des Windes werden will und damit andere Wintersportler gefährden würde, sollte sich erst theoretisches Wissen aneignen, bevor er sich auf den meist ab Mitte Januar zugefrorenen Silvaplanersee wagt.

Zuerst wird die Ausrüstung auf Herz und Nieren geprüft. Als Kleidung reicht Skikleidung aus, die Wind und Kälte abhält und die Beweglichkeit nicht zu stark einschränkt. Protektoren sind von Vorteil, ein Helm absolute Pflicht. Dann wird ein «Gstältli» montiert, ein Sitztrapez, an dem später der Zugdrachen befestigt wird, und der sich im äussersten Notfall durch einen Quickrelease lösen lässt. Dann, wenn der Snowkiter den Schirm nicht mehr unter Kontrolle haben sollte. Ausgelöst wird der Quickrelease durch ein Wegschieben vom Schaft. Der Druck fällt dadurch unverzüglich ab, der Schirm faltet sich zusammen und stürzt ab. Der Kite hängt dann nur noch an einer Sicherheitsleine. Dieses Manöver gilt es, zu beherrschen.

Bevor es auf die Ski oder das Snowboard geht, muss der Zugdrachen im Stehen manövriert werden können.

Bevor es auf die Ski oder das Snowboard geht, muss der Zugdrachen im Stehen manövriert werden können.

Bild: Swisskitesurf

Den eigenen Instinkt austricksen

Zum Snowkiten braucht es – natürlich – einen Zugdrachen, ob es sich um einen Tubekite oder Mattenkite handelt, ist unerheblich. Befestigt ist der Drachen an der Kitebar, einer Lenkstange, an deren beiden Enden zwei Lenkleinen mit dem Drachen verbunden sind. Bei der Wahl von Ski oder Snowboard gilt: Je länger und gerader, desto schneller. Und je kürzer und taillierter, desto wendiger ist man beim Kiten. Doch zunächst gilt es, den Drachen in Windrichtung auszurollen und mit Schnee zu fixieren, damit er vom Wind nicht gedreht wird und sich die Leinen ineinander verheddern. Dabei ist auch auf genügend Abstand zu anderen Snowkitern zu achten.

Erst dann gilt es, den Drachen im Stehen sicher starten und landen zu können, den Quickrelease zu üben und ein Gefühl für die Lenkung und den Wind zu entwickeln. Simons Anweisungen sind bestimmt, denn beim Quickrelease geht es nicht nur darum, das richtige Verhalten im Notfall zu verinnerlichen, sondern auch darum, unseren Instinkt auszutricksen: Denn wird es uns zu schnell und wir drohen die Kontrolle über den Schirm zu verlieren, klammern wir uns an die Lenkstange, statt sie loszulassen.

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Den Wind zum Komplizen machen

Um die Lenkung zu üben, stelle ich den Schirm unterschiedlich in den Wind. Das Prinzip ist einfach: Ziehe ich am linken Ende der Kitebar, werde ich nach links fahren, ziehe ich am rechten Ende, fahre ich nach rechts. Nachdem ich diese Prinzipien verinnerlicht habe, darf ich endlich meine Ski anschnallen, den Drachen starten und mit etwas weichen Knie einen ersten Fahrversuch wagen.

Die Geschwindigkeit lässt sich durch die Beugung der Arme regulieren. Ziehe ich die Kitebar zum Körper, werden die Steuerleinen und damit der Anstellwinkel des Drachens zum Wind verkürzt. Strecke ich die Arme, oder lasse die Lenkstange ganz los, fällt der Druck ab. Die Horrorvorstellung, dass eine Windböe mich mehrere Meter hoch in die Luft katapultieren könnte, erweist sich als illusorisch. Schnell wird der konstante und berechenbare Wind zu meinem Komplizen.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn der legendäre Malojawind, der jeweils zuverlässig am späten Vormittag einsetzt, danach laufend an Stärke gewinnt, vom Malojapass kommend mit bis zu 50 Stundenkilometern bläst und erst gegen Abend abflaut und Silvaplana mit dieser meteorologischen Eigenheit zum Mekka für Wind- und Kitesurfer aus aller Welt gemacht hat, trägt den Beinamen Schönwetterkind, weil er nur im Sommer aktiv ist.

Routinierte Snowkiter erreichten Geschwindigkeiten von über 80 Stundenkilometern, wenn die Bedingungen mitspielen.

Routinierte Snowkiter erreichten Geschwindigkeiten von über 80 Stundenkilometern, wenn die Bedingungen mitspielen.

Bild: Swisskitesurf

Trotz der an diesem eiskalten Wintertag günstigen Verhältnisse fällt es mir zunächst schwer, den Schirm im richtigen Winkel zur Windrichtung zu stellen. Immer wieder flattert der signalrote Kite unmotiviert im Wind und sackt in sich zusammen. Verzweifelt reisse ich die Lenkstange zum Körper und finde doch noch die Thermik. Zu spät. Statt sanft wie eine Feder aufs Eisfeld zu schaukeln, knallt der Schirm mit Höchstgeschwindigkeit auf. Absturz. Schon wieder. Immerhin: Schaden nimmt das Material dadurch nicht. Die grösste Gefahr sind die scharfen Kanten von Snowboard und Ski, welche die am Boden liegenden Lenkleinen durchtrennen können.

Ein Gefühl der Schwerelosigkeit

Nach einer halben Stunde und ersten zaghaften Fahrten über einige wenige Meter entwickle ich ein Gefühl für Thermik und Lenkung, gewinne langsam Vertrauen und wage es, den Schirm härter in den Wind zu stellen und die Kitebar näher zum Körper zu ziehen. Irgendwann stelle ich dem Wind mein ganzes Körpergewicht entgegen, lasse mein Gesäss nach Hinten zwischen die Beine fallen und gehe in eine tiefe Hocke. Nur wenige Zentimeter über dem Eisfeld lasse ich mich vom Wind ziehen. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit setzt ein. So muss es sich anfühlen, wenn ein Adler zum Sturzflug ansetzt. Vergessen sind Kälte und beissender Wind.

Gut zu wissen: Snowkiten in der Schweiz

Wer in der Schweiz Snowkiten in einem Kurs Snowkiten lernen will, tut dies am besten in der Kitesurf- und Snowkiteschule am Silvaplanersee im Oberengadin. Gruppenkurse von 2 bis 4 Stunden kosten dort 200 Franken, Halbprivatkurse gibt es ab 69 Franken pro Person und Stunde, Einzelunterricht für 90 Franken in der Stunde. Snowkiten ist auch andernorts möglich. Zum Beispiel auf einer Wiese beim Ratenpass zwischen Biberbrugg und Oberägeri oder bei Bise die Felder beim Ricken. Auch andere Pässe wie Gotthard, Lukmanier oder Bernina eignen sich zum Snowkiten.

Dabei ist das, was ich an diesem Wintertag veranstalte nur die Vorstufe zu dem, was beim Snowkiten alles möglich ist. Erfahrene können sicht nur in Höhen von bis zu 20 Metern über dem Boden wagen, und sich auf der Fläche fortbewegen, sondern sich vom Wind Hänge hochziehen lassen. Der Schirm als persönlicher Skilift. Davon bin ich nach einem Tag noch weit entfernt. Doch am Morgen hätte ich auch nicht zu träumen gewagt, mich schon nach wenigen Stunden wie ein Adler im Sturzflug zu fühlen.

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