Big-Brother-Überwachung im eigenen Wohnort: Smarte oder doch lieber dumme Städte?

Vernetzte Städte sollen die Antwort auf das urbane Chaos sein. Nun stellt die Google-Schwester Sidewalk Labs ihr umstrittenes Städtebauprojekt in Toronto ein. Das könnte Signalwirkung für andere Modellsiedlungen weltweit haben.

Adrian Lobe
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Es sollte die Stadt der Zukunft werden. Nach Plänen der Google-Schwester Sidewalk Labs sollte in Toronto eine Modellsiedlung entstehen: Ein vernetzter Stadtteil mit modularen Gebäudeeinheiten, die je nach Bedarf für bestimmte Nutzungen konfiguriert werden. Bewohner sollten in luftigen Holzlofts wohnen, eine spezielle Regenmantel-Hülle die Fussgänger vor Niederschlag schützen, Radfahrer auf beheizten Radwegen fahren.

Der Traum der Stadt der Zukunft ist geplatzt: In Toronto sollte eine Smart City entstehen. Das Projekt scheiterte an den Kosten.

Der Traum der Stadt der Zukunft ist geplatzt: In Toronto sollte eine Smart City entstehen. Das Projekt scheiterte an den Kosten.

Bild: Sidewalk Labs

Doch bevor die ersten Bagger überhaupt rollten, ist das urbane Experiment Geschichte. Wie Unternehmenschef Daniel Doctoroff auf dem Portal «Medium» diesen Frühling mitteilte.

Datenschützer schlagen Alarm

Der Grund seien vor allem hohe Kosten sowie die «wirtschaftliche ­Unsicherheit» am Immobilienmarkt. Das Projekt sei finanziell nur schwer zu stemmen, «ohne Kernteile zu ­opfern», so Doctoroff. Für solche Abstriche war man bei Google, wo man grösser denkt, offenbar nicht bereit. Was bleibt, sind Hochglanz­broschüren und das Gefühl, dass sich die Planer mit ihrem 1,3 Milliarden Dollar teuren Projekt verkalkuliert haben.

Schon während des Genehmigungsverfahrens gab es Kritik von Datenschützern. Google würde massenhaft Daten der Bewohner sammeln, hiess es, das Ganze sei eine überwachungskapitalistische Maschinerie, eine Skinner-Box, in der Menschen genauso wie im virtuellen Raum getrackt und konditioniert würden.

Auch andere Projekte scheiterten

Sidewalk Toronto ist nicht die erste gescheiterte Smart-City-Initiative. Plan­IT Valley, eine intelligente Forschungsstadt, die in der Nähe von Porto hätte entstehen sollen, wurde nie gebaut. Und die Smart Citys, die ­gebaut wurden, sind entweder seelenlose Räume oder Geisterstädte. In Masdar City, einer Ökostadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, leben 1300 Bewohner (glaubt man dem Lokal­augenschein eines Reporters, sind sie noch nicht einmal zu sehen).

Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde zwar gebaut, gilt aber als Geisterstadt.

Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde zwar gebaut, gilt aber als Geisterstadt.

Bild: T. Antony

Das südkoreanische Songdo, das als Blaupause für Smart Citys gilt, ist ein hyperüberwachter Raum mit einem bigbrotheresken Kontrollzentrum, in dem Bürger auf Schritt und Tritt überwacht werden.

Big Brother auf südkoreanisch: In Songdo werden die Leute auf Schritt und Tritt überwacht.

Big Brother auf südkoreanisch: In Songdo werden die Leute auf Schritt und Tritt überwacht.

Bild: Songdo M-Plan

Und in Saudi-Arabien wächst der Widerstand gegen die geplante Megacity Neom.

Antwort auf das urbane Chaos

Trotz des Menetekels von Geisterstädten ist in den vergangenen Jahren eine regelrechte Smart-City-Lobby ent­standen. Technologiekonzerne wie ­Cisco oder Intel verkaufen ganze ­Baukastenmodelle für smarte Städte wie Planungsinstrumente, Videoüberwachung oder Internet-of-Things-Sensoren. Analysten schätzen, dass der Smart-City-Markt bis 2027 auf 463 Milliarden Dollar anwachsen wird. Allerdings stammen diese Zahlen aus der Vorcoronazeit. Niemand weiss, wie sich das Geschäft weiterentwickeln wird.

Smarte Städte galten einmal als Antwort auf das urbane Chaos. Sensoren melden, wenn die Abfalltonne voll ist, oder pumpen den Müll gleich durch unterirdische Rohre in die Deponien. Die Beschleunigungssensoren im Handy senden via App die GPS-Daten von Schlaglöchern an die Stadtverwaltung, die dann Reparaturdrohnen ­aussendet. Und intelligente Algorithmen steuern den Verkehr so, dass zu keiner Tageszeit Stau entsteht. Alles läuft wie in einer gut geölten Maschinerie. Die Planer träumen von einem elektronischen Gehirn, einem «City Brain», das mittels Fühlern die letzten Zu­ckungen und Regungen der Bewohner erspürt.

Die Idee eines kybernetischen Urbanismus, einer Stadtmaschine, die sich wie ein Thermostat mit Feedbackschleifen reguliert, war schon immer utopisch, doch im Licht der Coronapandemie erscheint die zentralistische Steuerungsform noch viel realitätsfremder.

Ein Virus, das seine todbringende Information in den städtischen Organismus einschleust, ist ein viel zu komplexes Phänomen, als dass man darauf mit einem Grossrechner und Sensorennetzwerk reagieren könnte. Was nützen intelligente Parkuhren, wenn kaum noch Autos fahren? Was bringen Bewegungssensoren auf Parkbänken, wenn Bewohner wegen einer Ausgangssperre nicht in Parkanlagen dürfen?

Und worin liegt der Nutzen einer «intelligenten» Überwachungskamera, wenn sie mit grosser Fehlerrate Menschen in der Menge identifiziert, statt den datenschutzrechtlich viel unbedenklicheren Abstand zwischen zwei Passanten zu messen (britische Forscher haben einen Algorithmus entwickelt, der genau das kann)? Smarte Städte können nur auf definierte Probleme antworten.

Die Gefahr eines technologischen Herzinfarkts

Soziologe Richard Sennett glaubt an eine smarte Stadt, aber mit zwei Systemen.

Soziologe Richard Sennett glaubt an eine smarte Stadt, aber mit zwei Systemen.

Bild: Getty

Der Soziologe Richard Sennett schreibt in seinem Buch «Die offene Stadt», dass die smarte Stadt verdumme, weil die Städte so benutzerfreundlich seien. Alles ist programmiert und vorgespurt, man folgt im Grunde nur noch dem Navi und den Instruktionen von Algorithmen. «Die Alternative, was wäre, wenn?, oder die verlockende Möglichkeit, die in eine Sackgasse führt, werden nicht verfolgt, weil die Ökologie dadurch gestört und aus dem Gleichgewicht gebracht würde – als erlitte die Stadt einen technologischen Herzinfarkt.»

Sennett verwirft die Idee der smarten Stadt nicht in Gänze, sondern differenziert zwischen geschlossenen und offenen Systemen. Er macht das am ­Beispiel einer Videoüberwachungsanlage deutlich: «In einer geschlossenen Rückkopplungsschleife gibt es Elemente der Selbstkorrektur hinsichtlich der Ausrichtung und der Brennweite der Kameras, aber die Menschen, die diese geschlossenen Systeme bedienen, denken nicht, sie sollten nicht weiterspionieren, wenn sie zwei Liebende sehen, die einander küssen. In einem offenen System würde der Kameramann dage­gen die Kamera aus Taktgefühl oder Scham abwenden.» Daraus folgt, dass es auch im Design urbaner Informationsarchitekturen ethische Standards braucht.

Open Source als dezentrale Gehirne

Beispielhaft für solche offenen Systeme sind Open-Source-Architekturen, wo jeder Bürger Zugriff auf die Datenpools hat und die es in einigen Städten bereits gibt. Das in Boston ansässige Architekturbüro Mass Design Group, dessen Planer Erfahrung in Infektionsgebieten wie Haiti und Südafrika haben, hat vor wenigen Wochen eine Open-Source-Handreichung veröffentlicht, wie man hygienesichere Behandlungsräume baut. Es sind viele dezen­trale Gehirne, die eine Stadt flexibel und anpassungsfähig machen.

Das Scheitern von Sidewalk Toronto könnte Signalwirkung für andere datengetriebene Modellstädte haben. Geschlossene Betriebssysteme, die hierarchische Nutzungen vorgeben und an denen die Benutzer nicht mitbasteln können, erweisen sich in Krisensituationen als wenig resilient und funktional – und könnten zumindest in demokratischen Systemen auf grössere Widerstände der Bürger treffen. Dass einer so lebendigen Stadt wie Toronto eine Privatstadt erspart bleibt, dürfte ein Gewinn für die offene Stadtgesellschaft sein.