Das neue Verkaufsargument der Tech-Firmen: Ihre smarten Geräte können auch wegschauen

Die Firmen an der weltweit grössten Elektronikmesse in Las Vegas haben ein neues Kundenbedürfnis erkannt: Sie lernen, die Privatsphäre zu respektieren.

Von Niklaus Salzmann
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«Hey Google, das war nicht für dich!» Mit diesem Kommando soll Gesagtes auf vernetzten Geräten gelöscht werden.

«Hey Google, das war nicht für dich!» Mit diesem Kommando soll Gesagtes auf vernetzten Geräten gelöscht werden.

Bild: Getty Images

In den letzten Tagen pilgerten Technikliebhaber nach Las Vegas. An der «Consumer Electronics Show», der CES, gibt es die Neuigkeiten zu sehen, die das Jahr prägen werden. In den Messehallen wird gezeigt, wie intelligent Computer geworden sind, welche Funktionen unsere digitalen Begleiter erlernt haben und welche Wünsche uns das neuste Smart Home erfüllen kann. Doch spannend ist diesmal nicht, was die Geräte alles können. Sondern was sie nicht können.

Zum Beispiel das Sicherheitssystem der israelischen Firma Vayyar. Es holt Hilfe, wenn jemand zuhause stürzt. Es stellt fest, wie viele Leute sich in einem Haus befinden, und schaltet die Alarmanlage ein, sobald alle schlafen gegangen sind. Es merkt sogar, wenn jemand Schlafstörungen hat. Das hat man alles schon mal gesehen – doch das in Vegas präsentierte System schafft das mittels Funkwellen, ganz ohne Kamera. In einem Werbevideo der Firma wird dies als Marketingargument verwendet: «Da es keine Kameras gibt, ist die Privatsphäre immer geschützt.»

So verbietet man Google mitzuhören

Sogar bei Google, wo Datensammeln zum Kerngeschäft gehört, wurde darauf reagiert, dass nicht jede und jeder rund um die Uhr überwacht werden möchte. An der Messe in Las Vegas präsentierte das Unternehmen zwei neue Befehle für den digitalen Assistenten, der in diversen Geräten vom smarten Lautsprecher bis zum Mobiltelefon enthalten ist. «Hey Google, das war nicht für dich!» lässt den Assistenten das zuletzt Gehörte vergessen, falls er sich unerwünscht aktiviert hat. Und wer seine Datenschutzeinstellungen ändern will, kann fragen: «Hey Google, speicherst du meine Audiodaten?» Bereits seit letztem Jahr versteht das System den Befehl: «Hey Google, lösche alles, was ich in der vergangenen Woche gesagt habe.»

Auch Facebook bemühte sich in Vegas, seinen Ruf in Sachen Datenschutz aufzupolieren. Die Firma hatte 2018 Jahren Negativschlagzeilen gemacht, weil sie Daten von 87 Million Nutzern an die Firma Cambridge Analytica weitergegeben hatte. Letztes Jahr wurde sie zu einer Busse von 5 Milliarden Dollar verurteilt. Nun versucht die Firma, den Imageschaden zu beheben: Am Montag stellte sie die neue Version des «Privacy Checkup» vor, ein Tool, das Nutzer beim den Datenschutzeinstellungen unterstützt.

Mit diesen Versprechungen lässt sich Werbung machen

Erin Egan, die Leiterin des Datenschutz-Teams von Facebook trat am Dienstag an einer öffentlichen Sitzung auf, wo es um die Frage ging, was Konsumenten punkto Datenschutz wünschen. Eine weitere Rednerin war Jane Horvath, die Datenschutz-Chefin von Apple. Es war der erste offizielle Auftritt von Apple an der CES seit 1992. Letztes Jahr hatte die Firma noch guerillamässig mit einem riesigen Plakat in Sichtweite des Kongresszentrums in Las Vegas auf sich aufmerksam gemacht. «Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone», war darauf zu lesen, und darunter der Link zur Website. Dort schreibt die Firma: «Privatsphäre ist ein fundamentales Menschenrecht. Bei Apple ist es auch einer unserer Grundwerte.»

Das Sammeln von Nutzerdaten ist noch immer ein äusserst lukratives Geschäft, doch nun scheint sich auch der Schutz von Daten vermarkten zu lassen. Um von einer Trendwende zu sprechen, ist es zu früh. Punkto Datenschutz wirklich sicher gehen können die Konsumentinnen und Konsumenten nur, wenn sie auf die Vernetzung verschiedener Dienste und Geräte verzichten.

Wie dies aussehen kann, zeigte in Las Vegas eine Firma namens Lynq. Durch ihren «People Compass» lassen sich Freunde und Bekannte lokalisieren, beim Skifahren, am Festival oder beim Campen in der Wildnis. Es handelt sich nicht um eine App fürs Smartphone, sondern um ein eigenes Gerät, das in die Hosentasche passt. «Keine Telefone, kein WiFi, kein Netzwerk», steht gross auf der Homepage zu lesen. Für die Lancierung hatte die Firma in einem Crowdfunding 1,7 Millionen Dollar aufgetrieben.


So schützen Sie Ihre Daten – 10 Tipps

  • Benutzen Sie ein Suchprogramm, das Ihre Aktivitäten nicht verfolgt. Alternativen sind Qwant, DuckDuckGo oder das schweizerische Swisscows. Interessant ist auch Startpage, das die Suchanfragen anonymisiert an Google weiterleitet.
  • Verwenden Sie alternative Nachrichtendienste. Whats-App gehört Facebook. Die populärsten Alternativen sind die kostenlosen Signal, Telegram und Wire sowie in der Schweiz Threema für 3 Franken.
  • Wählen Sie Ihren Browser mit Bedacht. Speziell auf den Schutz der Privatsphäre ausgerichtet ist Epic. Von den Grossen punktet Firefox mit OpenSource: Der offene Code garantiert, dass nicht heimlich Daten abgegriffen werden. Bei allen Browsern lassen sich in den Einstellungen einige Punkte optimieren, etwa der Umgang mit Cookies. Dabei handelt es sich um Daten, die beim Besuch von Websites gespeichert werden, beispielsweise Einträge in Suchfelder.
  • Verzichten Sie auf soziale Netzwerke. Wer die persönlichen Daten für sich behalten will, muss Facebook komplett meiden. Haben Sie doch einen Account, geben Sie so wenig Privates wie möglich preis. Stellen Sie nie Fotos von sich online. Überprüfen Sie sorgfältig die Datenschutzeinstellungen. Bei Name und Geburtsdatum falsche Angaben zu machen, ist möglich, aber laut Nutzungs­bedingungen nicht zulässig.
  • Vermeiden Sie im Haus Geräte mit Internetverbindung. Smart Speakers können legal vom Anbieter oder illegal von Hackern benutzt werden. Sogar interaktives Kinderspielzeug stellt ein Risiko dar, wenn es sich mit einem Netzwerk verbindet
  • Nützen Sie einen E-Mail- Anbieter, der Ihre Mails sicher verschlüsselt und nicht liest. Einen guten Ruf geniessen deutsche Anbieter wie Posteo, Mailbox.org und Aikq. Die Kosten von einem Euro pro Monat sind verkraftbar.
  • Schalten Sie am Smartphone WLAN, Bluetooth und GPS aus, wann immer Sie es nicht benötigen. Anhand der WLAN-Netze, in die sich Ihr Gerät eingeloggt hat, lässt sich ein Bewegungsprofil erstellen.
  • Legen Sie keine Kundenkonten an, wenn es nicht zwingend nötig ist. Verwenden Sie für jedes Konto eine separate E-Mail-Adresse, damit Ihre Aktivitäten nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Checken Sie bei Apps, die mit einem Konto verknüpft sind, die Datenschutzeinstellungen. So sollte bei Google Maps auf dem Smartphone die Standortfreigabe deaktiviert sein.
  • Loggen Sie sich aus, wo immer Sie sich eingeloggt haben. Wer im Browser sein Google-­Mailkonto prüft, bleibt unter dieser E-Mail-Adresse registriert, wenn er oder sie ohne Ausloggen das Mailfenster schliesst.
  • Meiden Sie die Cloud. Jedes Auslagern von Daten ist mit Risiken verbunden. Diese sind besonders gross, wenn der Cloud-Anbieter seinen Sitz in einem Land hat, wo die Datenschutzgesetze weniger streng sind als in der Schweiz.