Gleichstellung
Sie gründete die erste internationale Frauenrechtsorganisation: Marie Goegg – die verharmloste Feminstin

Vor 150 Jahren gründete Marie Goegg die erste internationale Frauenrechtsorganisation. Und das in der Schweiz.

Annika Bangerter
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Der Schein des Fotos trügt: Marie Goegg-Pouchoulin hatte ein abenteuerliches Leben.

Der Schein des Fotos trügt: Marie Goegg-Pouchoulin hatte ein abenteuerliches Leben.

Gosteli-Stiftung

Die Menge tuschelte, als Marie Goegg-Pouchoulin ans Rednerpult trat. Eine Frau, die das Wort ergreift? Das würde bestimmt vergnüglich, raunte man sich im Publikum zu. Doch die 42-Jährige liess sich nicht beirren. Selbstbewusst hielt sie im Nachhinein fest: Nicht lustig, sondern eloquent sei ihre Rede gewesen. Darin geisselte sie die Stellung der Frau als unlogisch und lächerlich. Auch Frauen müssten für ihr Leben die Verantwortung übernehmen. Etwas, das als Untertan allerdings nicht möglich sei. Deshalb brauche es die komplette Gleichheit der Frauen: vor dem Recht, aber auch hinsichtlich Bildungschancen, Arbeit und Lohn. Dies forderte Goegg vor 150 Jahren an einem Kongress in Bern. Und sorgte landesweit für Aufsehen.

Der Schein des Fotos trügt: Marie Goegg-Pouchoulin hatte ein abenteuerliches Leben.

Der Schein des Fotos trügt: Marie Goegg-Pouchoulin hatte ein abenteuerliches Leben.

Gosteli-Stiftung

Nicht immer gelang es der Genferin, ihre Anliegen zu platzieren. Ihr kurz zuvor lancierter Aufruf verhallte beinahe. Darin warb Goegg für die Gründung eines internationalen Komitees, um die Interessen der Frauen in so vielen Ländern wie möglich zu vertreten. Sämtliche Kräfte müssten für «den Kreuzzug» gebündelt werden, schrieb sie in ihrem Appell. Kämpferisch fuhr sie fort: «Mut also, Ihr Gründerinnen von Komitees, Ihr für alles Gute begeisterten Frauen! Schreckt nicht zurück vor der Schwierigkeit des Unternehmens und der Kargheit Eurer Mittel! Und wenn einige vielleicht sagen, dass wir die Frauen von ihren häuslichen Pflichten ablenken und dass die im Lesezirkel verbrachte Zeit besser zu Hause verwendet werden würde, so glaubt ihnen nicht!»

Doch der Funken wollte nicht überspringen. Nur gerade drei Frauen meldeten sich bei Goegg. Für sie jedoch genug, um ihre Idee zu verwirklichen. Im Frühsommer 1868 gründete sie in Genf die «Association internationale de femmes» – die erste internationale Frauenrechtsorganisation. Damit wurde mit der Schweiz just jenes Land zu deren Hauptsitz, das als zweitletztes in Europa den Frauen das Stimmrecht zugestand (nur die Liechtensteiner taten sich noch schwerer). Wer war also diese Frau, die ihrer Zeit und ihrem Heimatland derart voraus war?

Revolutionäre Scheidung

Anfänglich deutete nichts darauf hin, dass Marie, gebürtig Pouchoulin, eine der ersten Feministinnen der Schweiz werden würde. Jahre bevor die Schweiz als Bundesstaat aus der Taufe gehoben wurde, kam sie 1826 in Genf zur Welt. Sie wuchs in einer Familie von Uhrenmachern auf, mit hugenottischer Herkunft. Schulische Bildung erhielt sie nur wenig; bereits im Alter von 13 Jahren begann sie im Geschäft ihres Vaters zu arbeiten. Gleichzeitig stillte sie ihren Wissensdurst mit Literatur- und Geschichtsbüchern. Als sie 19 war, heiratete sie einen Kaufmann und bekam einen Sohn. Doch das wars schon mit dem unaufgeregten Leben. Denn die junge Frau verliebte sich. Leidenschaftlich. Der badische Revolutionär Amand Goegg faszinierte sie derart, dass sie sämtliche Sicherheiten und ihr gutbürgerliches Leben aufgab: Sie brannte mit ihm und ihrem damals 7-jährigen Sohn nach England durch.

Für Amand Goegg war es bereits die zweite Flucht. Nach der gescheiterten badischen Revolution suchte er in Genf Zuflucht, um einer lebenslangen Haftstrafe in seiner Heimat zu entkommen. Im Exil traf er auf Marie. Über diesen Abschnitt in ihrem Leben findet sich kaum etwas. Nur vereinzelt Anspielungen, dass die Flucht des Paares «abenteuerlich» gewesen sei. Ebenso unklar ist, ob Marie als Geliebte des Revolutionärs bereits in England mit der dortigen Frauenrechtsbewegung in Kontakt kam. Bekannt ist einzig, dass sie gemeinsam in London – später noch in Offenburg und Biel – lebten, bevor sie in Maries Heimatstadt zurückkehrten. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits Mutter dreier Söhne, und nach einer längeren Wartezeit von ihrem ersten Mann geschieden sowie zum zweiten Mal verheiratet. Mit Amand Goegg.

Als «Hausmutter» ignoriert

Der Umstürzler pflegte enge Beziehungen zu pazifistischen Gruppen und zur Arbeiterbewegung. Mit Gleichgesinnten gründete er Mitte des 19. Jahrhunderts die «Internationale Friedens- und Freiheitsliga» in Genf. Er amtete in deren Zentralkomitee und schrieb als Redaktor für das Publikationsorgan «Die Vereinigten Staaten Europas». Die Berner Historikerin Beatrix Mesmer beschreibt die Liga als ein «Sammelbecken der unterschiedlichsten freiheitlichen, nationalen und sozialen Strömungen». Sie hätten sich für unterdrückte Völker ebenso eingesetzt als auch für ausgebeutete Klassen. In ihren Reihen finden sich zudem namhafte Kämpfer der Frauenrechtsbewegung. Etwa John Stuart Mill, der im englischen Unterhaus das Wahlrecht für Frauen beantragt hatte.

Am ersten Kongress dieser «Friedens- und Freiheitsliga» 1867 sass Marie Goegg noch im Publikum; beim zweiten ergriff sie selber das Wort. Es war jener Auftritt, der schweizweit für Gesprächsstoff sorgte. Wer nun eine höhnende und eine sich an Spitzen überbietende Presse vermutet, liegt allerdings falsch. Gemäss der Historikerin Regula Zürcher wurde Marie Goegg von den Kommentatoren als vortreffliche Mutter und «gestrenge Hausmutter» beschrieben. Und als eine Gattin, die sich «die Anschauungen ihres Mannes aneignete». Bereits die Tatsache, dass eine Frau öffentlich auftrat, schien genug Stoff zu liefern. Ihre radikalen Forderungen wurden allerdings unterschlagen. Verharmlost, intellektuell abqualifiziert und in ihren Anliegen ignoriert: Ähnlich wie Goegg sei es auch anderen Pionierinnen der Frauenrechtsbewegung ergangen, beschreibt Historikerin Zürcher diese Strategie der damaligen Berichterstattung. Innerhalb der «Friedens- und Freiheitsliga» verfing allerdings Marie Goeggs Rede. Sie wurde sogleich in den Vorstand und als Redaktorin der Vereinszeitschrift gewählt.

Davon ermutigt, trieb Goegg ihren Plan weiter voran, eine weltumspannende Frauenbewegung aufzubauen. Als Präsidentin der «Association internationale des femmes» schrieb sie bekannte Persönlichkeiten an und motivierte sie, lokale Komitees zu gründen. Unterstützung bekam sie unter anderem durch die englische Feministin Josephine Butler oder die US-amerikanische Stimmrechtspionierin Elizabeth C. Stanton. Nach eineinhalb Jahren zählte die Association total 15 Sektionen in Frankreich, Portugal, Italien, Deutschland, England, den USA und der Schweiz. Gemäss der Historikerin Mesmer ging es der Dachorganisation vor allem darum, einzelne nationale frauenpolitische Anliegen zu unterstützen. Dafür wurden ebenso Appelle ans britische Unterhaus als auch an den italienischen Bildungsminister verfasst. Goeggs ursprüngliches Vorhaben, eine Massenbewegung anzustossen, gelang jedoch nicht. Maximal 110 Mitglieder zählte die internationale Vereinigung; ihr Einfluss blieb entsprechend gering.

Zwei Erfolge in der Romandie

Bereits zwei Jahre nach der Gründung kam es zum Zerwürfnis. Insbesondere der radikale Kurs und die pazifistische Haltung von Goegg sorgten bei zahlreichen Mitgliedern für Missmut. Als sie im Namen der Organisation einen Brief mitunterschrieb, der die Demokratisierung und einen europäischen Staatenbund befürwortete, kam es zum Bruch. Die Genferin unternahm mit der ebenfalls international ausgerichteten Nachfolgeorganisation «Solidarité» einen zweiten Anlauf. In der Schweiz erzielte sie als deren Vorsitzende zwei Erfolge. Als erste Frau in der Schweiz nutzte sie das Petitionsrecht. Damit gelang es ihr, dass ab 1872 Frauen an der Universität Genf studieren konnten. Und im Kanton Waadt setzte sie zwei Jahre später durch, dass ledige und verwitwete Frauen nicht mehr bevormundet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt war ihr Mann Amand Goegg bereits zu ausgedehnten Reisen rund um den Globus aufgebrochen. Damit verliess der 54-Jährige seine Familie; er kehrte nie mehr zu ihr zurück. Mit ihm soll angeblich auch ein Teil von Maries Vermögen verschwunden sein, was sie in finanzielle Nöte brachte. Schwierig verlief zudem die Arbeit in der Frauenrechtsbewegung. Als sich die einzelnen Schweizer Sektionen der «Solidarité» zunehmend auflösten, gab Goegg den Dachverband auf. Es fehlte an heimischen Mitstreiterinnen, die sich für feministische Anliegen exponieren wollten. Der erste Anlauf, die Gleichberechtigung in der Schweiz einzuführen, war damit gescheitert. Die Pionierin Marie Goegg starb 1899 in Genf – drei Jahre nachdem am ersten schweizerischen Kongress für Fraueninteressen ihre Forderungen erneut aufgenommen wurden. Sie sollten noch lange aktuell bleiben.