Alpinismus
Sie gehen am Seil – und fallen in den Tod

Der Bergsteiger Norbert Joos stürzte am Wochenende mit seinen Gästen in den Tod. Obwohl er angeseilt war? Vielleicht gerade, weil er angeseilt war.

Sabine Kuster
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Gehen am kurzen Seil: Auch bei straffem Seil ist aber nicht immer sicher, ob ein Sturz gehalten werden kann.

Gehen am kurzen Seil: Auch bei straffem Seil ist aber nicht immer sicher, ob ein Sturz gehalten werden kann.

upgrund.com

Himmelsleiter wird er genannt, der Biancograt im Kanton Graubünden. Es liegt eine besondere Schönheit im stets schneebedeckten steilen Grat im Aufstieg zum Piz Bernina. Und eine besondere Gefahr. Rechts, links und hinter einem geht es runter.

Die Bergsteiger gehen konzentriert – und angeseilt. Sie hoffen, dass – wenn sie ausgleiten – der Partner sie halten kann.

Doch das Seil – die grosse Metapher für Sicherheit und Partnerschaft – kann die Folgen eines Unglücks am Berg auch multiplizieren.

Nicht selten allerdings dort, wo man es weniger erwartet und deshalb weniger konzentriert geht.

Sturz erst im Abstieg

Bis auf einen Achttausender hatte der bekannte Bündner Bergsteiger Norbert Joos alle bestiegen. Er war ein absoluter Profi.

Am Sonntag verunglückte er mit seiner Seilschaft in seiner Heimat am Piz Bernina, als er sich schon im Abstieg befand.

Die Himmelsleiter hatten sie geschafft, den Gipfel auf 4049 m ü. M. erreicht. Dann rutschte einer der Dreierseilschaft am Spallagrat aus und zog die anderen zwei mit sich.

Nicht an jener heiklen Passage, wo oft Unfälle geschahen, bis Bohrhaken angebracht wurden, sondern an einer relativ einfachen Stelle.

Sie fielen eine fast senkrechte 160 Meter hohe Schneeflanke hinunter und blieben neben einem Lawinenkegel liegen. Die zwei Gäste, eine 56-jährige Italienerin und ein 58-jähriger Italiener, überlebten schwer verletzt. Joos starb noch auf der Unfallstelle.

Einer macht einen Fehler, drei bezahlen dafür. Das ist die Tragik eines Mitreissunfalls.

So kam auch ein alter Freund von Norbert Joos, der Freiburger Bergführer Erhard Loretan, ums Leben. Zusammen hatten sie 1984 die erste Überschreitung der Annapurna (8091 m ü. M.) in Nepal geschafft. 2011 bestieg Loretan das nicht besonders schwierige Grosse Grünhorn im Aletschgebiet. Seine Seilpartnerin und Freundin rutscht aus und riss Loretan mit sich. Sie überlebte, der Bergführer starb.

Losseilen ist tabu

Hätte Loretan seine Partnerin nicht angeseilt oder hätte Joos seine Gäste frei gehen lassen, hätte man das im Nachhinein als grob fahrlässig bezeichnet. Aber es hätte ihnen das Leben gerettet.

Alpinisten, die mit einem Bergführer unterwegs sind, bezahlen ihn genau dafür: Dass er ihren Sturz hält, auch wenn das für ihn selbst riskant ist.

Doch für Alpinisten, die ohne Bergführer unterwegs sind, macht das Anseilen nicht immer Sinn. Es geht nicht um die Querung von relativ flachen Gletschern: Dort sind angeseilte Bergsteiger schon nur dadurch sicherer unterwegs, weil sich das Seil bei einem Sturz in die Gletscherspalte in die Spaltenkante gräbt und bremst.

Es geht um steile Firnflanken und Stellen am Berg, wo das Seil nirgends befestigt werden kann. Dort bedeutet die Verbindung zwischen zwei Bergsteigern oft doppeltes Fall-Risiko. Statt Sicherheit.

Dessen sind sich nicht alle Bergsteiger bewusst, besonders in der Schweiz: Man seilt sich an, wenns gefährlich wird, und bindet sich los, wenn der Weg leicht ist.

Sicherheit: Bergführer seilen immer an

Bergführer werden ihre Gäste nie losseilen, wenn es gefährlich wird. Denn dazu hat man sie ja engagiert. An horizontalen Gratabschnitten und im Abstieg lassen sie den Gast vorangehen, sodass sie es sofort sehen, wenn er stürzt. Auf Graten wie der Überschreitung der Blüemlisalp oder auf dem Lyskamm im Wallis springen sie im Notfall auf die entgegengesetzte Seite des Grates. Ueli Mosimann vom SAC sagt dazu jedoch: «Man muss es trainieren und mental bereit sein dazu.» Das Seil kann auch über die Psyche für Sicherheit sorgen, wenn der Gast angeseilt ruhig und konzentriert geht, anstatt dass er sich vom Nichts unter ihm und dem, was passieren könnte, ablenken lässt. (kus)

In Deutschland und Österreich wird das Anseilen kritischer betrachtet. In der Fachzeitschrift «bergundsteigen» sind Mitreissunfälle immer wieder Diskussionsthema.

In der aktuellen Ausgabe heisst es darüber: «Egal, ob Anfänger oder Profibergführer, regelmässig kommen jedes Jahr Menschen dabei ums Leben, weil diese Technik falsch verwendet wird und weil sie trotz richtiger Anwendung ein enorm hohes Risiko birgt.»

Immer häufiger seilen sich gleich starke Partner auch in der Schweiz an gefährlichen Stellen in den Bergen deshalb nicht an. «Das ist eine radikale Methode zur Schadensbegrenzung», sagt Ueli Mosimann, Vertreter des Schweizer Alpen- Clubs (SAC) in der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport.

Damit sei die in der Schweiz übliche Regel, dass man konsequent angeseilt geht, aufgeweicht worden. Vor allem die jungen und starken Bergsteiger verstauen das Seil oft, sobald sie den Gletscher verlassen und Gräte und steile Flanken begehen.

Dies jedoch nicht nur wegen des Risikos eines Mitreissunfalls: Auch, weil die Alpinisten so schneller vorwärtskommen. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor, wenn die Tour lang ist oder ein Gewitter droht, wie oft im Sommer in den Bergen.

Ein Sturz ist schwierig zu halten

«Ist das Seil verstaut, nimmt man es oft nicht mehr hervor, wenn eine heikle Passage kommt. Selbst wenn es gute Sicherungspunkte hat», gibt Mosimann zu bedenken. Er ist selbst Bergführer und sagt, er habe schon mehrere Gäste auffangen können, wenn sie stolperten.

Doch unter schwierigen Bedingungen wird sogar von Bergführern angezweifelt, dass ihnen das Halten eines Sturzes gelingt.

Matterhorn: Der berühmteste Mitreiss-Unfall

Nicht gelungen einen Sturz zu halten ist es übrigens auch der Seilschaft, welche das Matterhorn 1865 erstbestieg. Im Abstieg rutschte der unerfahrene Engländer Douglas Hadow aus und riss drei weitere mit sich. Die hinteren drei, Taugwalder Vater und Sohn mit Edward Whymper waren im ersten Moment offenbar standfest; das dünne Seil zwischen ihnen und den vorderen riss – sofern es nicht geschnitten wurde, wie böse Zungen noch immer behaupten. Wobei ihnen das vielleicht das Leben gerettet hat – hätte das Seil gehalten, wären sie womöglich doch noch mitgerissen worden. (kus)

Gottlieb Braun-Elwert, ein deutscher Alpinist, der nach Neuseeland ausgewandert und inzwischen verstorben ist, plädierte 2008 in einem umfangreichen Artikel in «bergundsteigen» für ein bewussteres Anseilen. Auch bei Bergführern. Eine von ihm durchgeführte Versuchsreihe bestätigte eine Studie des Deutschen Alpenvereins von 1982: Es braucht sehr viel Erfahrung, Übung, Kraft und eine schnelle Reaktion, damit man nicht mit stürzt, wenn der Partner ausrutscht.

Ein Fallgewicht von 10 Kilogramm können die meisten noch auffangen, 40 Kilogramm die wenigsten.

Einfacher geht es, wenn die Bergsteiger aufwärtsgehen im weichen, griffigen Schnee. Doch seine Bilanz für den gegenteiligen Fall fällt deutlich aus: «Nur im Idealfall kann ein Führer erwarten, einen gestürzten Kunden von 80 kg auf einem vereisten 30 Grad steilen Schneehang zu halten. In der Regel kommt es zum Seilschaftsabsturz.»

Mehr als einen Teilnehmer auf einem solchen Hang zu halten, dürfe als «unmöglich» angesehen werden. Dann werde das Seil zur tödlichen Falle für alle Beteiligten.

Das bestätigt Ueli Mosimann vom SAC: «In einer Firn- oder Eisflanke kann man extrem wenig halten. Das ist wirklich schwierig und muss intensiv geübt werden.»

Der SAC bietet Kurse zum sogenannten Gehen am kurzen Seil an. Dort werden Messgeräte an die Seile angebracht, um zu messen, wie viel ein Bergsteiger zu halten vermag, sagt Mosimann.

Sein Kollege, Bruno Hasler, Fachleiter Ausbildung beim SAC, sagt sogar: «Das Gehen am kurzen Seil ist die gefährlichste Sicherungstechnik, die wir haben.»

Gut möglich, dass man künftig mehr Bergsteiger ohne das Seil aufsteigen sieht – damit wenigstens einer überleben möge, sollte es zur Katastrophe kommen.

Das wäre manchmal vernünftiger. Nur würde es die viel beschriebene Partnerschaft am Berg, das einander Ausgeliefertsein auf Gedeih und Verderben entmystifizieren. Wer fällt, fällt. Alleine.