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Sepp Blatter steigt, Shaqiri stabil: Wir fühlen den Puls am Autogramm-Markt

Der Ausgang der Fussball-WM bestimmt auch den künftigen Wert der Autogramme der Spieler. Seltene Sportlersignaturen erzielen Höchstpreise. Und motivieren Fälscher. Markus Brandes ist der Experte, der Messi-Fakes erkennt.
Roland Schäfli
Ein Fall für Markus Brandes Papierkorb: Die Autogrammkarte mit dem "Wunder von Bern", den Unterschriften der deutschen Mannschaft von 1954, stellt sich unter dem Mikroskop als falsch heraus.

Ein Fall für Markus Brandes Papierkorb: Die Autogrammkarte mit dem "Wunder von Bern", den Unterschriften der deutschen Mannschaft von 1954, stellt sich unter dem Mikroskop als falsch heraus.

Der Markt der Autogramme ist wie die Börse: Der Kurs geht rauf und runter, je nach Performance. Die Nachfrage folgt ihren eigenen Gesetzen. So ist etwa Sepp Blatter teurer als jeder Fussballspieler der Schweiz. Mit dem Skandal hat Blatter seinen Preis auf 80 Franken hochgetrieben. Schlechte Publicity heizt Preise eher noch an. Der Handel mit Shaqiris Signatur hat unter dem Doppeladler nicht gelitten.

Signierte Fotos von Xhaka und Rodriguez.

Signierte Fotos von Xhaka und Rodriguez.

Das Adrenalin der Fans bestimmt den Preis

Im thurgauischen Kesswil lebt ein profunder Kenner dieser Materie. «Markus Brandes Autographs» ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nicht nur als Händler, auch als Fälschungsexperte. Die Fussball-WM bedeutet für den gebürtigen Deutschen Hochsaison. Der Schriftzug des deutschen Spielers Toni Kroos wurde unmittelbar nach seinem Freistoss-Tor zum gesuchten Artikel, «der liess sich am Morgen danach x-mal verkaufen», sagt Markus Brandes. Allerdings kann die Nachfrage ebenso abrupt einbrechen. Nach Polens Ausscheiden bleibt ein Robert Lewandowski liegen wie Blei. «Autogramm-Käufe sind mit Emotionen verbunden», sagt der Spezialist. Das Adrenalin der Fans löst Bestellungen aus. Oder Stornierungen.

Schriftzüge der WM-Gewinner von 1966 am teuersten

Während der Weltmeisterschaft fokussiert sich die Nachfrage auf die am meisten verehrten Stars: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo haben die grösste Zugkraft, besonders auf dem asiatischen Markt. 300 Franken muss man für ein handschriftliches Erinnerungsstück hinblättern. Vergleichsweise billig geht die Schweizer Nati weg. Ein Shaqiri ist für 40 Franken zu haben. Was auch daran liegt, dass Sherdan Shaqiri sich Autogrammsammlern gegenüber grosszügig verhält. Auf dem Verkaufsportal Ricardo fanden sich kurz nach der Doppeladler-Aktion Fotos mit der provozierenden Geste, mit aufgedruckter oder imitierter Signatur.

Der Ausgang der WM wird ­bestimmen, ob der Preis des Schweizer Nationalspielers klettern kann. Klar ist schon vorher: Schweizer geben weniger für ihre Nati aus als etwa die Deutschen. Und: Die Schweizer Nati ist im Ausland höchstens bei Komplettisten gefragt.

Wandschmuck in englischen Fussball-Pubs

Die teuersten Fussballer-Schriftzüge überhaupt stammen von den englischen Gewinnern der WM 1966, die mit dem Wembley-Tor die Deutschen besiegt hatten. In manch einem Fussball-Pub Englands hängen ihre Unterschriften als dekorativer Wandschmuck. Die 22 Spieler vollzählig als gerahmter Blickfang kosten gut 4000 britische Pfund (5200 Franken). Kuriosum: Die deutsche Mannschaft, die ihnen unterlag, ist ebenso gefragt. Denn man will auch die Gegner daneben (oder darunter) an der Wand haben.

Das Original eines Pelé-Schriftzuges - mit seinem bürgerlichen Vornamen Edson. )

Das Original eines Pelé-Schriftzuges - mit seinem bürgerlichen Vornamen Edson. )

Ganze «Teams» zu sammeln, wird allerdings immer schwieriger. Spätestens seit dem Terroranschlag von Dortmund wird der Zugang zu Spielern hermetisch abgeriegelt. Die Mannschaften werden von eigenen Bodyguards begleitet. Markus Brandes hat darum keine «Jäger», professionelle Autogrammsammler, an die WM-Stadien vor Ort entsandt. «Es würde sich nicht lohnen.» Bei Real Madrid oder Barça komme man nicht mal mehr in Rufweite. «Früher konnten Fussballer am Flughafen um Autogramme angehalten werden – heute landen sie auf einem speziellen Rollfeld, werden hintenrum geschleust», sagt der Handschriften-Händler. Nur an nicht mehr aktive Fussballer wie Maradona sei überhaupt heranzukommen. Der Zerfall des Maradona-Images hat übrigens nicht zum Zerfall von dessen Preis geführt.

«Handgefertigtes» von Fälschern auf dem Markt

Im Haus unweit des Bodensees ist Brandes umgeben von Autogrammen: von Staatsmännern, Filmstars, Wissenschaftlern. Fussballer sind da vergleichsweise die billigere Kategorie. Denn nicht die gut betuchte Kundschaft, sondern ­Jugendliche und Kinder wünschen sich eine Fussballerunterschrift. Doch egal, ob einer nun einen geringeren Gegenwert darstellt als ein anderer: im Ringordner sind sie alle gleich.

Brandes’ Mitarbeiter Josip Konjevod versteht sich vor allem auf Sportler­signaturen mit geschichtlichem Wert. Er wertet zwei Schätze als die grössten, die in Kesswil lagern: ein Karate-Instruktionsbuch, mit Skizzen von Bruce Lee. Und die Boxhandschuhe, die Muhammad Alis Handschrift tragen. Das Skizzenbüchlein haben sie für 52 000 Pfund (68 000 Franken) in London ersteigert. Als Geldanlage. Denn Konjevod ist sich sicher: Der asiatische Markt ist im Kommen, neues chinesisches Geld lechzt nach edlen Sammlerstücken. Dort steht eine Hongkong-­Ikone wie Bruce Lee besonders hoch im Kurs. «Wenn der früh Verstorbene seinen Namen auf ein Blatt Papier gesetzt hat», schätzt Konjevod, «ist das heute schnell mal 6000 Franken wert.»

Bis zum Schluss die zittrigen drei Buchstaben A l i

Muhammad Ali hingegen hat lange gelebt – Brandes kann die Lebensjahre quasi in Autogrammform durchblättern. Begonnen bei der Signatur, damals noch als Cassius Clay, auf dem Ticket der Olympischen Spiele von 1960, an denen er sich Gold erkämpfte (Wert: 6000 Franken). Weniger hoch gehandelt ist die Unterzeichnung als Muhammad Ali. Im Ringordner endet die Sammlung mit den zittrigen drei Buchstaben: Ali. Da der Boxer noch mit Parkinson-Leiden kaum einen Autogrammwunsch ausschlug, sind diese Signaturen nun weniger wert. Hingegen gilt ein «echter Cassius Clay» als Blaue Mauritius.

Hochgeschätzte Sportmemorabilien: Markus Brandes (links ) mit dem signierten Boxhandschuh von Muhammad Ali, sein Mitarbeiter Josip Konjevod zeigt das Karate-Instruktionsbuch von Bruce Lee.

Hochgeschätzte Sportmemorabilien: Markus Brandes (links ) mit dem signierten Boxhandschuh von Muhammad Ali, sein Mitarbeiter Josip Konjevod zeigt das Karate-Instruktionsbuch von Bruce Lee.

Der Umsatz der Sammlerindustrie wird auf 370 Milliarden Dollar geschätzt. Das ruft die Fälscher auf den Plan, die den 200 Millionen Sammlern andrehen möchten, was sie selbst «handgefertigt» gemacht haben. Denn was lässt sich schon als «echt» nachprüfen? Jüngst wurde jemand erwischt, der im grossen Stil falsche Autogramme auf echte Football-Trikots setzte. Eingebracht hat das dem Fälscher eine runde Million Dollar – und vor Gericht 5 Jahre und 8 Monate.

Das A des Linkshänders Ayrton Senna

In Hollywood beschäftigt Brandes hauptberufliche Autogrammjäger, auf die diese Bezeichnung tatsächlich zutrifft. Sie wissen, wo sich die Stars aufhalten, passen sie ab. Wenn sie an Brandes liefern, ist ein Foto Pflicht, wie der Star eben dieses Bild signiert.

Ein Autogramm von Sebastian Vettel

Ein Autogramm von Sebastian Vettel

Gefragt ist die Expertise der Kesswiler als Fälschungsexperten besonders im Rennsport-Bereich. Meistgefälschter Sportler: Ayrton Senna. Der dreimalige Weltmeister verunglückte 1994 tödlich in seinem Rennwagen. Der tragische ­Unfall rief Emotionen hervor – ein Preistreiber. Der Grossteil der Fälschungen, verrät Brandes, sei schon daran zu erkennen, dass Senna Linkshänder war. Ahnungslose Kopisten, die mit der rechten Hand nachzeichnen, übersehen die feinen Nuancen, die dem Experten nicht entgehen. «Ein Rechtshänder kann den Buchstaben A aufgrund der Handknochen nie so eng setzen wie der Linkshänder Sienna.» Weitere Anhaltspunkte werden unter seinem Mikroskop sichtbar: Wo macht der Schreibende die Schreibpause, welche Buchstaben verraten seine ganz eigene Charakteristik? Der 41-Jährige verfügt über 500 Vergleichsunterschriften.

Wer Messi einen Fanbrief schreibt ist einer von Tausenden pro Woche

Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Und die Erhältlichkeit. Ein Sebastian Vettel gibt sich Mühe, jeden Fan zu beglücken. Ein Louis Hamilton unterschreibt dagegen selten, was ihm unter die Nase gehalten wird. «Damit ist Vettel zwar der nettere Rennfahrer», konstatiert Brandes, «aber leider ist ­Hamilton das teurere Autogramm.» Wer an einen Schweizer Super-League-Club schreibt, wird ein Original bekommen. Wer Lionel Messi einen Fanbrief schreibt, ist einer von Tausenden pro Woche. Unrealistisch zu glauben, dass der FC-Barcelona-Star die Zeit hat, diese Anfragen zu beantworten. In solchen Fällen erhält der Fan, was der Kenner als «Secretarial Signature» geringschätzt: eine Unterschrift, die von einer Schreibkraft aufs Portraitfoto gesetzt wurde. Mit einer Ähnlichkeit, dass selbst Messi den Unterschied von blossem Auge nicht erkennen würde. «Wir glauben nicht, dass die Messi-Unterschrift, die aus Barcelona versandt wird, aus seiner Hand stammt», sagen die Experten.

Weiterhin hoch im Kurs, die Signaturen von Maradona.

Weiterhin hoch im Kurs, die Signaturen von Maradona.

Messi ist bei «Icons» unter Vertrag. Einer Firma, die sich auf den Verkauf von Sport-Memorabilien spezialisiert und die ebenso exklusiv Ronaldos Autogramme vertreibt. Das heisst: Ein zertifizierter «Messi» ist nur noch dort zu kriegen – gegen gutes Geld. Auf Bestellung setzt Messi seine Unterschrift auch auf einen Ball. Für genau 1499,99 britische Pfund (knapp 2000 Franken). Dafür gibt’s aber das Echtheitszertifikat. Golfstar Tiger Woods sind ebenso vertraglich die Hände gebunden: Er muss Fans stehen lassen, weil er seine Unterschriften professionell vermarkten lässt. Private Autogrammstunden werden diesen Stars hoch vergütet.

10000 Euro für Federers Australian-Open-Schuhe

Notorische Autogrammverweigerer sind unter Schweizer Sport-Promis nicht bekannt. Doch selbst ein Roger Federer wirkt zugänglicher, als er tatsächlich sei, relativieren die Profis. Federer habe ­erkannt, wie Erinnerungsstücke sich für seine Foundation versilbern lassen: Er veräussert signierte Memorabilien – wie seine Schuhe, getragen am Australian Open, für 10 000 Euro.

In Brandes Geschäftsfeld liegen auch die Bewertungen von Nachlässen. Da kann es zu Überraschungen kommen, wenn sich die jahrelang gehorteten, vermeintlichen Schätze als wertlos herausstellen, weil der Superstar seine Handarbeit vom Schreibroboter erledigen liess. Wie die Karte, die immer wieder an Auktionen als «hundertprozentig echt» veräussert wird, aber hochprozentig falsch ist: die Unterschriften der deutschen Mannschaft von 1954, des «Wunders von Bern», sind gut gemachte Kopien. Man kann sich nur noch wundern.

Auf der von Brandes mitlancierten Plattform www.autograph-market.com tauschen sich Experten zu allen Fragen der Echtheit von Autogrammen aus.

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