Selma im Glück

Gartenschweine Sie stinken nicht, schwitzen nicht und sind beim Essen äusserst wählerisch: Die Minipigs Selma und Rünzi haben als Gartenschweine ein ausgefülltes Leben. Philippe Reichen

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Nach zwei Monaten endlich wieder auf einem gemeinsamen Spaziergang: Schwein Selma, Peter «Hani» Walt und Hund Schnugg. (Bild: Urs Jaudas)

Nach zwei Monaten endlich wieder auf einem gemeinsamen Spaziergang: Schwein Selma, Peter «Hani» Walt und Hund Schnugg. (Bild: Urs Jaudas)

Zwei Monate hat Selma auf diesen Moment gewartet: Peter «Hani» Walt öffnet das Gatter und ruft: «Chum, me gönd go spaziere.» Selma marschiert aus ihrem Gehege, beschnüffelt die ihr unbekannten Hosenstösse und trottet an einer feudalen Holzhütte, ihrem Nachtlager, vorbei hinaus in den gepflegten Garten.

Auch für Peter Walt ein langersehnter Moment. Er hat eine Operation hinter sich und musste sich schonen. Der blitzschnellen Selma hätte er auf einem längeren Spaziergang kaum folgen können. Als er vom Spital nach Hause gekommen sei, habe Selma geheult wie ein Hund, erinnert sich Esther Walt, seine Ehefrau.

Selma rast durchs Gras

Jetzt öffnet Peter Walt die nächste Tür: die Gartentür. Selma kennt den Weg, sie überwindet die niedrigen Treppenstufen mit Schwung und Courage. Unten angekommen, trifft sie Schnugg, den Nachbarshund.

Schnugg ist ihr bester Freund, ihr Lebenspartner, mit ihm ist sie gross geworden, mit ihm teilt sie dann und wann das Gehege. Seinem Fressnapf hat sie so manche zusätzliche Futterration zu verdanken. Selma und Schnugg stürmen aufs weite Feld. Und jetzt ist auch klar, woher die Redensart der gesengten Sau kommt: Denn Selma rast wie eine gesengte Sau durchs Gras. Ihr Schwänzchen scheint sich dabei so rasch und ungebremst zu drehen wie die Rotorblätter eines Helikopters im Leerlauf. Selma geniesst den Moment in vollen Zügen.

Selma ist ein sogenanntes Minipig, wobei das Wort Mini stark untertreibt. Erst wenige Monate alt, ist sie bereits ausgewachsen und bringt ein paar Pfunde auf die Waage. In den Weg möchte man sich Selma jedenfalls nicht stellen.

Schweine schwitzen nicht

In der Rheintaler Gemeinde Eichberg, wo sie lebt, ist sie dorfbekannt. Taucht Peter Walt mit Selma auf dem Pausenplatz des Schulhauses auf, wird jede Fussballpartie mit Garantie unterbrochen. Bei Ausflügen zum Restaurant Hölzlisberg wartet Selma stets neben den Hunden vor der Haustür. Sie braucht keine Leine, sie läuft nicht weg. Selbst wenn die Kinder aufgeregt um die Sau herumrennen.

Nur vor der Überhitzung muss man Selma schützen. Schweine schwitzen nicht. Hitze kann sie töten. Bei zu langer, direkter Sonneneinstrahlung erleiden sie einen Kreislaufkollaps und sterben. Darum hat Peter Walt bei Spaziergängen an warmen Tagen stets eine Wasserflasche dabei. Er benetzt Selma regelmässig. Auch wählt er Routen entlang von Bächen oder Wasserstellen, wo sich Selma von selber kann. Das Gartenschwein ist badeverrückt. Mit Schnugg wirft sie sich furchtlos in jedes Gewässer.

Der alte Eber wollte solo bleiben

Auch Mörschwil hat sein Dorfschwein. Rünzi heisst der kastrierte Eber, hat stolze zwölf Jahre auf dem Buckel und ist in Andrea Clericis kleinem Tierpark zu Hause, gemeinsam mit Pferden, Gänsen, Hunden und Katzen. Rünzi lebt seit dem Tod seines Wurfgeschwisters Fränzi solo. Weil der Eber alleine leben muss, wurde Andrea Clerici beim Veterinäramt angezeigt. «Das Problem ist», sagt sie, «ein alter Eber lässt sich nicht vergesellschaften.» Das sah dann auch der Tierschutzbeauftragte des Veterinäramts ein.

Peter Walt hat ähnliches erlebt. Vor Selma hatte er bereits ein Schwein: Selma I nennt er es heute. Das Schwein wurde neun Jahre alt. Auch Selma I hatte eine Freundin. Eine Gans lebte im gleichen Gehege. Als Peter Walt eines Tages dafür sorgen wollte, dass sich das Schwein und die Gans mit einem anderen Schweinchen anfreundeten, musste er mit ansehen, wie Selma I und die Gans das arme Tier attackierten. «Sie hätten es kaputtgemacht», ist er überzeugt und hat das «Experiment» deswegen abgebrochen.

Gourmants, aber wählerisch

Minipigs gelten als zufrieden und genügsam, wenn die Haltungsbedingungen stimmen: Sie müssen im Freien leben können, genügend Auslauf, einen Schattenplatz und eine solide Hütte haben. Man sollte ihnen regelmässig die Klauen schneiden, sie entwurmen und darauf achten, dass sich in den Ohren oder unter der Haut keine Räudemilben einnisten.

Schweine sind passionierte Esser, aber auch sehr wählerisch. Das stellt Peter Walt immer wieder fest. Er habe «seiner» Selma schon Suppe mit roten Bohnen gegeben. Natürlich habe Selma die ganze Suppe ausgetrunken, nur die roten Bohnen hat sie mit Hilfe des Rüssels sorgfältig aussortiert. Und wenn er mit ihr pilzen gehe, knabbere sie selbst den schönsten Steinpilz und die herrlichsten Eierschwämme nicht an, wo doch Wildschweine Pilze in rauhen Mengen fressen würden, staunt der Rheintaler. Selmas Geruchssinn ist so hoch entwickelt, dass sie auch eine im Garten versteckte Eichel mühelos findet. Eicheln gehören zu den Lieblingsspeisen des Gartenschweins.

Rünzi hingegen mag Honey Pops mit Milch oder Erdbeerquark. Diese gibt's aber nur selten. Seine Schwester Fränzi konnte bei Schokoladekugeln genau herausfinden, in welcher Andrea Clerici Tabletten versteckt hatte. Jene Kugeln hat das Schwein selbstverständlich nicht gefressen.

Ein Hang zur Sauberkeit

Andrea Clerici füttert den Eber mit Gemüse, Früchten, hartem Brot, Nudeln oder Reis. Auf keinen Fall aber mit Abfällen, schon gar nicht mit Fleisch. Das hält auch Peter Walt in etwa so. Während der ersten Monate gab er Selma noch Ferkelfutter, heute ergänzt er frisch gekochtes Essen mit Muttersauenfutter. Als Delikatesse schätzt Selma Rheintaler Maiskolben. Liegt einer vor ihr, nagt sie minutenlang auf ihm herum, bis sie auch noch das letzte Maiskorn verspiesen hat.

Nebst der verbreiteten Meinung, Sauen frässen alles, stimmt auch der Eindruck nicht, Schweine seien unhygienisch. Weder Rünzi noch Selma haben je in ihr eigenes «Strohbett» gemacht. In Selmas Nachtlager liegt ein Teddybär. Bekommt Rünzi neues Stroh, beginnt er sogleich, sich sein Nachtlager neu einzurichten. Andrea Clerici sagt sogar: «Sein Nest ist so sauber, dass ich mich selbst hineinlegen würde.»

Selma ist eifersüchtig

Peter Walt ruft Selma und Schnugg nach Hause zurück. Schnugg reagiert sofort. Selma lässt sich Zeit, geniesst den Spaziergang und scheint unter jedem Grashalm schnüffeln zu wollen. Am Objektiv des Fotografen zeigt sie reges Interesse. Doch dann braust auch Selma heran. Den Nachhauseweg kennt sie genau, wie jeden Weg, den sie schon gegangen ist. «Schweine sind unglaublich schlau, fast wie wir Menschen», sagt Peter Walt. Manchmal muss er Selma vor sich selbst schützen. Wenn er nämlich ein Pferd streichelt oder füttert, legt sie sich sogar mit dem Ross an – aus purer Eifersucht.

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