SeitenblicK

Der Bundesrat tritt nicht ab Samuel Schmid will nicht zurücktreten. Zumindest nicht jetzt, da viele es erwarten. In dieser Resistenz befindet er sich in bester Gesellschaft.

Drucken
Teilen

Der Bundesrat tritt nicht ab

Samuel Schmid will nicht zurücktreten. Zumindest nicht jetzt, da viele es erwarten. In dieser Resistenz befindet er sich in bester Gesellschaft. Der erste, der es durchexerziert hat, heisst Wilhelm Matthias Näff, kommt aus Altstätten und ist der erste Postminister der Schweiz.

1848 gehört er dem ersten Bundesrat an, ab etwa 1854 schon beginnt sein Stern unter den Parlamentariern zu sinken. Nur gerade einmal (1853) bekleidet er das Amt des Bundespräsidenten, dann wird er regelmässig übergangen. In der Regierung aber sitzt Wilhelm Matthias Näff noch satte zwanzig Jahre – bis 1875! Macht 25 Regierungsjahre in einer Zeit, in der das Postdepartement gerade fünfzig Angestellte zählt. Er ist also ein veritabler Sesselkleber und Überlebenskünstler, vor dem man noch heute den Hut ziehen muss.

Freiwillig indes hat Näff das nicht getan. Es ist das Fehlen einer Pensionskasse, das den immer Ungeliebteren derart lange ausharren lässt. Was aber unternimmt die Vereinigte Bundesversammlung, immerhin Wahlgremium der Regierung?

Die damaligen Bundesratswahlen wickeln sich deutlich chaotischer ab als bis vor kurzem. Zu jedem Wahlgang treten sämtliche Kandidaten für alle Sitze an, von Wahlgang zu Wahlgang lichtet sich dann das Feld. Fest organisierte Parteien gibt es noch kaum.

Näff bleibt stets bis zuletzt im Rennen und wird, als siebter Bundesrat, erst nach mehreren Wahlgängen bestätigt. 1866 macht sogar ein Gegenkandidat an seiner Stelle das Rennen, zieht sich aber dann zurück. Von Gesamterneuerungswahl zu Gesamterneuerungswahl hoffen die Parlamentarier auf ein Einsehen. Erst 1875 erklärt er 73jährig den Rücktritt. Das Urteil des Historikers fällt wenig schmeichelhaft aus: Näff sei «das Missgeschick widerfahren, alt zu werden und nicht zur rechten Zeit einzusehen, dass er nun alt geworden und andern, jüngeren Kräften Platz machen sollte.»

Rolf App

r.app@tagblatt.ch

Aktuelle Nachrichten