Seitenblick

Schon wieder ein Rausch Versteht man die Welt nicht mehr so recht, kann ein Blick in den Duden gelegentlich vielleicht doch noch weiterhelfen. Da finden sich beispielsweise zum Begriff «Rausch» ganz nüchterne Bemerkungen: «a) durch Genuss von zu viel Alkohol, von Drogen o. Ä.

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Schon wieder ein Rausch

Versteht man die Welt nicht mehr so recht, kann ein Blick in den Duden gelegentlich vielleicht doch noch weiterhelfen. Da finden sich beispielsweise zum Begriff «Rausch» ganz nüchterne Bemerkungen: «a) durch Genuss von zu viel Alkohol, von Drogen o. Ä. hervorgerufener Zustand, in dem der Bezug zur Wirklichkeit teilweise verlorengeht und eine Verwirrung der Gedanken eintritt. b) übersteigerter ekstatischer Bewusstseinszustand; Glücksgefühl, das jmdn. über seine normale Gefühlslage hinaushebt.»

Was ist denn nun aber von dem Werbe- und Ratgebermagazin zu halten, das uns kürzlich ins Haus flatterte? «Kaufrausch» heisst es. Versammelt sind darin neben anderem 200 Geschenkideen. Stellt sich der Rausch erst ein, indem man viel kauft, oder geht man schon in einem ekstatischen Zustand ans Werk? Und: Verliert man den Bezug zur Wirklichkeit erst danach, oder hat man ihn schon verloren, wenn man sich auf die feilgebotenen Waren stürzt? Wann hebt man ab von der normalen Gefühlslage? Wann stellt sich, allenfalls, eine Verwirrung der Gedanken ein?

Eben erst sind die Gesellschaften rund um den Erdball aus einem Jahrhundert-Rausch erwacht, dessen anhaltende Folgen noch nicht absehbar sind. Bereits gibt es aber Zehntausende Menschen – vielleicht noch nicht in der Schweiz –, denen nicht nach einem Kaufrausch zumute ist, sondern vielleicht vielmehr nach einem ordinären Suff, der sie die Sorgen etwas vergessen lässt. So angeschaut, wirkt das «Kaufrausch»-Magazin wie ein verzerrtes und dadurch etwas zynisch klingendes Echo aus einer andern Zeit.

Natürlich bildet der Konsum eine wichtige Stütze unserer Volkswirtschaft, also unseres Wohlergehens. Aber muss es denn schon wieder ein Rausch sein? Denn so viel ist sicher: Auf jeden Rausch folgt ein Kater. In diesem Sinne: zum Wohlsein! Urs Bader

u.bader@tagblatt.ch

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