Seitenblick

Zügeln mit Endo Meist tun wir's freiwillig. Es gibt also nichts zu klagen, ganz im Gegenteil. Die Aussicht von der neuen Dachterrasse wird himmlisch sein, die Toplage ergibt unter dem Strich eine halbe Stunde mehr Schlaf jeden Morgen.

Drucken
Teilen

Zügeln mit Endo

Meist tun wir's freiwillig. Es gibt also nichts zu klagen, ganz im Gegenteil. Die Aussicht von der neuen Dachterrasse wird himmlisch sein, die Toplage ergibt unter dem Strich eine halbe Stunde mehr Schlaf jeden Morgen. Und das tolle Cheminée: Kuschelabende am prasselnden Feuer, fernab von Welt und Pflichterfüllung! Alles wird neu, alles wird anders, alles wird besser: Der Zügeltermin naht.

Aber leider sind vorher noch ein paar Hindernisse zu überwinden. Keller und Estrich räumen, Spuren aus Jahrzehnten verpacken – oder wegwerfen. Jeder Kugelschreiber, der da in langen Jahren seinen gemütlichen Platz in der Wohnung gefunden hat, muss mindestens einmal in die Hand genommen werden. Und es gibt ja neben Kugelschreibern noch ein paar andere Dinge. Bücher, Gabeln, Schränke. Besser, man denkt es sich nicht zu detailliert aus.

Elan und Aufbruchstimmung, gleichzeitig aber die bleischwere Mühsal des Zügelns, deren Überwindung erst den Weg ins Paradies der neuen Wohnung ebnet: Welch dramatische Potenz in dieser Konstellation steckt, ist nun endlich erkannt worden. Endo Anaconda, der Sänger von Stiller Has, hat im Auftrag des Luzerner Theaters ein Drama mit dem Titel «Auspacken. Zügelstück» geschrieben, es hat diesen Samstag Premiere.

Jeder trage eine Zügelkiste mit sich im Leben, sagt Anaconda und macht damit deutlich, in welch universellem Zusammenhang er das Zügeln sieht. Es sei ein Bild für den Transitzustand des nomadisierenden homo sapiens sapiens. Eine Metapher für unser Leben, für die grosse Reise von der Geburt bis zum Tod. Auf dieser, so Anaconda, «muss man alles, was man an Negativem einpackt, irgendwann einmal wieder auspacken».

Schöne Gedanken, welche die Schwere des drohenden Zügeltermins etwas mindern. Die Gefahr des Abhebens besteht wohl dennoch nicht. Anaconda ist nicht bekannt als weltferner Theoretiker. Auch in Sachen Zügeln nicht: In 35 Jahren brachte er es auf dreissig Umzüge. Beda Hanimann

b.hanimann@tagblatt.ch

Aktuelle Nachrichten