Seitenblick

Auf die Velofreiheit! Kunst macht den Menschen zum besseren Wesen. Das sagt sich leicht, aber man muss es erlebt haben. Ich hab's erlebt. Im Anfang war der Ärger: Am Abend bei der Rückkehr mit der Bahn fehlt im Veloständer mein Velo. Weg. Geklaut. Und das schon zum zweiten Mal.

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Auf die Velofreiheit!

Kunst macht den Menschen zum besseren Wesen. Das sagt sich leicht, aber man muss es erlebt haben. Ich hab's erlebt.

Im Anfang war der Ärger: Am Abend bei der Rückkehr mit der Bahn fehlt im Veloständer mein Velo. Weg. Geklaut. Und das schon zum zweiten Mal. (Und übrigens: auf dem Land.) Zwischenhinein hatte auch mal anderes gefehlt: Lämpchen, Regenschutz oder die Luft im Pneu. Aber jetzt: das ganze Velo.

Und damit das ganze Theater, Polizeirapport, Versicherung, Wochen des Wartens und des Verlustgefühls – es war halt doch ein schönes Velo.

Es soll Leute geben, die Trost aus der Statistik beziehen. Also: Eine eben publizierte Studie der Unis Zürich und St. Gallen hat ergeben, dass jedem Dritten schon einmal das Velo geklaut worden ist, ein weiteres Drittel Fahrräder wurde schon einmal beschädigt.

So wirklich froh macht dieses Ergebnis aber auch nicht – von geteiltem Leid kann nicht wirklich die Rede sein, ausser es wäre derjenige, der mein Velo geklaut hätte, vorher seinerseits beklaut worden und jener wiederum…

Und da kommt nun die Trösterin Kunst ins Spiel. In diesem Fall die Kinokunst. Genauso ergeht es in Vittorio de Sicas «Ladri di biciclette» dem Antonio, den Lamberto Maggiorani mit jenem unvergesslich traurigen Blick spielt.

Endlich hat er einen Job als Plakatkleber gefunden, am Velo hängt jetzt seine Existenz – als es gestohlen wird, bricht seine Welt zusammen. Doch als er den vermuteten Dieb endlich stellt, ist es ein nicht minder armer Hund wie er selber. So wird Antonio seinerseits zum «ladro di biciclette».

Und unsereins zu einem ein bisschen besseren Menschen. Weggeblasen der Ärger: War bestimmt einer, der mein Velo dringender braucht als ich. Nicht auszudenken, wenn man ihn wie den Antonio im Film auf frischer Tat ertappt hätte.

Menschenbrüderlichkeit ist das Gebot der Stunde – ein Hoch auf die Solidarität, wenigstens unter uns pedalenden Underdogs! Peter Surber

p.surber@tagblatt.ch