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Mehr Platz im Zug Sie gehen mir ja auch auf den Wecker. Seelenruhig sitzen sie im überfüllten Zug, ihre Tasche auf dem Nebensitz. Sie tun, wie wenn nichts wäre, während Dutzende noch verzweifelt einen Sitzplatz suchen. Auch den SBB gehen diese Leute gehörig auf den Wecker.

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Mehr Platz im Zug

Sie gehen mir ja auch auf den Wecker. Seelenruhig sitzen sie im überfüllten Zug, ihre Tasche auf dem Nebensitz. Sie tun, wie wenn nichts wäre, während Dutzende noch verzweifelt einen Sitzplatz suchen. Auch den SBB gehen diese Leute gehörig auf den Wecker. Solche Fahrgäste verdienen eine Strafe, finden die Bundesbahnen – und zwar in Form eines Billetts fürs Gepäck. Das soll diese unhöflichen Menschen lehren, so viel Platz zu vergeuden.

Ich glaube aber, die SBB sollten sich das nochmal überlegen. Helfen könnten die israelischen Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini. Die untersuchten um die Jahrtausendwende eine Tagesstätte in Haifa. Weil die Eltern dort ständig ihre Kinder zu spät abholten, führte die Tagesstätte eine Busse ein. Die Eltern reagierten prompt: Sie kamen noch häufiger zu spät. Mit der Busse tilgten sie ihr schlechtes Gewissen.

Ich glaube, das ginge mir ähnlich: Am 11. Dezember, wenn diese Regel eingeführt wird, wechsle ich die Seiten. Will ich im Pendlerzug meine Ruhe haben, kauf ich mir ein Billett für mein Gepäck – ach was, gleich drei. Sie kommen ja im Sonderangebot: Auch ohne Halbtax brauchen meine Taschen und Koffer nur ein halbes Billett zu lösen. In meinem Abteil breite ich dann Zeitung, Kaffee, Gipfel aus und zmörgele fast wie zu Haus. Da muss mir niemand kommen mit: «Würden Sie bitte Platz machen?» Schliesslich hab ich dafür bezahlt!

Kaspar Enz

kaspar.enz@tagblatt.ch