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«Das kann einem schon den Tag versauen» - Comedian Guy Landolt steht nach zwei Schlaganfällen wieder auf der Bühne

Zwei Schlaganfälle haben ihn ausser Gefecht gesetzt. Nach zweieinhalb Jahren schlägt nun Komiker Guy Landolt erstmals auf der Bühne zurück. Mit viel Selbstironie.
Text: Roland Schäfli, Bilder: Chris Iseli
Die Angst vor dem Blackout ist da – Guy Landolt (56) vor seinem ersten Auftritt nach dem Schicksalsschlag, der ihm Sprache und Beweglichkeit genommen hatte.Die Angst vor dem Blackout ist da – Guy Landolt (56) vor seinem ersten Auftritt nach dem Schicksalsschlag, der ihm Sprache und Beweglichkeit genommen hatte.
Feuerprobe in der Kulturfabrik «Kiff»: Bringt der Comedian die Leute zum Lachen?Feuerprobe in der Kulturfabrik «Kiff»: Bringt der Comedian die Leute zum Lachen?
Headset statt Handmikrofon, die rechtsseitige Lähmung hält noch immer an.Headset statt Handmikrofon, die rechtsseitige Lähmung hält noch immer an.
Blödeln in der Pause: mit seiner Schwester Trix und deren Mann Peter Ehrler.Blödeln in der Pause: mit seiner Schwester Trix und deren Mann Peter Ehrler.
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Sein Schlaganfall ist ein Witz

In Aarau, auf der Kleinbühne der Kulturfabrik Kiff, schlug für Guy Landolt die Stunde der Wahrheit: würde er trotz Handicap – genauer: mit dem Handicap – die Leute zum Lachen bringen? Für ihn stand mehr auf dem Spiel, als das 50-köpfige Publikum ahnen konnte. Es war das erste Mal seit dem Schicksalsschlag vor zweieinhalb Jahren, der ihn der Sprache und Beweglichkeit beraubte, dass der Stand-up-Comedian offiziell auftrat. Vor zahlendem Publikum, mit dem Namen auf dem Plakat.

Und wenn er dennoch den Text vergisst?

Backstage, eine Stunde vor dem Vorhang. Landolt macht keinen Hehl aus seiner Nervosität. Die Angst vor dem Blackout ist da.

«Auswendig lernen fällt mir extrem schwer.»

Wenn er seine Sätze formt, klingt er eigentlich wie vor dem Schlaganfall, «als ich um 3 Uhr morgens besoffen an der Bar hing». Einer der Witze, die er heute Abend bringen wird. Ohne zu wissen, ob diese Selbstironie beim ernsten Thema goutiert wird. Für die zweimal zehn Minuten seiner Feuerprobe hat er einen Monat geübt. Und wenn er dennoch den Text vergisst? Er ist nicht so agil wie vor dem Schlaganfall, als er einen Aussetzer einfach überspielen konnte.

Seine Managerin Corinna Nobel will es sich nicht anmerken lassen, auch sie ist nervös. Da Guy kein Mikrofon halten kann – die rechtsseitige Lähmung hält noch immer an – sollte er ein Headset tragen. Das ausgerechnet jetzt streikt. Dabei muss dieser Abend auch seiner alten-neuen Managerin beweisen, ob dieser neue Guy Landolt noch für die Bühne taugt. Dass sich eine Fernsehkamera auf ihn richtet, trägt ebenso wenig zur Beruhigung bei. Er witzelt zum Fernsehteam, das seinen ersten Gehversuch für den Gebührensender aufzeichnet.

«Ich bekomme die IV, ihr die Billag-Gebühren.»

Beim gemeinsamen Nachtessen auf Festbänken sprechen die Komiker, die in dieser Revue einzeln auftreten werden, seine Benachteiligung nicht an. Die beiden jungen Slam-Poeten, die ebenfalls auf dem Programm stehen, werden vom Blatt ablesen. Ein Luxus, den sich Guy nicht leistet. Der 56-Jährige ist Stand-up-Comedian alter Schule.

Unerwartet erscheint Guys Schwester Trix. Eine emotionale Stütze. Und Noémie, eine Freundin, die schon über seine Flachsereien lachte, bevor der Ex-Banker selbst realisierte, dass man mit Witzigsein den ­Lebensunterhalt verdienen kann. Sie drückt ihn fest. Heute gehört sie, wie damals bei seinen ersten Improvisationen, erneut zum Try-out-Publikum, das über seine Zukunft entscheidet. Sein langjähriger Bühnenpartner Helmi Sigg, der mit ihm im Erfolgsmusical «Ewigi Liebi» auftrat, ist überzeugt:

«Guy ist ein Kämpfer und wird auch diese Schlacht gewinnen.»

Die Stille nach dem 23. Juli 2016

Von einem Comeback könnte man nur sprechen, wenn Landolt offiziell weg­gewesen wäre. Aber der Künstler verschwand nachrichtenlos von der Bildfläche. «Er zog sich in seinen Kokon zurück», sagt die Managerin. Nun muss er sich, kurz vor diesem Auftritt, noch einmal genauso fühlen. Hinter der Bühne, hinter dem schwarzen Vorhang, liegt alles im Dunkeln. Jetzt will Guy mit niemandem sprechen. Doch sicherlich taucht der 23. Juli 2016 vor seinem geistigen Auge auf. Als er in dieser folgenschweren Nacht aufwachte, war eine Seite gelähmt. Die Rettungssanität sah gleich: ein Schlaganfall. Der zweite folgte sogleich, im Spital, und schlug aufs Sprachzentrum. Für einen Wortakrobaten gibt es nichts Schlimmeres.

Anfangs war ihm alles egal. Alles leer in ihm. Nicht einmal Angst. Nur Stille. Bis seine innere Stimme sagte: Du musst zurück auf die Bühne. Einfach ein IV-Fall sein? Konnte er sich nicht vorstellen. Trotz seines Jahrgangs 1963: an Ruhestand wollte er nicht denken. Mit dieser Erkenntnis folgte die lange Rückkehr ins Leben. Bis heute steht zweimal wöchentlich Physiotherapie an, einmal Logopädie. Erst musste er wieder richtig sprechen können. Dann den Wortschatz aufbauen.

«Und, das muss man sich mal vorstellen, Velo fahren noch einmal neu lernen!»

Die Ärzte versprachen ihm nichts.

Anekdoten aus dem Alltag

Im «Kiff» hat jetzt das Warten ein Ende. Komiker Charles Nguela fängt den Abend mit einem Trump-Witz an. Auch keine Garantie auf einen Lacher. Noch sitzen die Zuschauer auf den Händen. «Es ist Mitte des Scheissmonats, man sagt nicht mehr: Es guets Neus!», ruft er in die vorderste Reihe. Steilvorlage für Guy, der darauf unerwartet seinen ersten improvisierten Witz platzieren kann: «Es guets Neus denn no», sagt er nonchalant, als er aus dem Dunkeln tritt. Erste verhaltene Lacher. Fast sichtbar, wie die Anspannung von ihm abfällt. Der Comedian setzt nach: Sein Arzt habe ihm gesagt, «der Hirnschlag konnte bei Ihnen nicht viel Schaden anrichten.» Als er die Spässe, die er in seinem neuen Alltagsleben sammelt, zum ersten Mal erzählte, war ihm schon aufgefallen: das Publikum weiss nicht recht, ob es über das Tabuthema lachen darf.

Die Kunst ist, nicht über Behinderte oder Kranke zu lachen – sondern mit ihnen.

Helmi Sigg hält das Vorhaben, Erlebtes als Comedy-Stück zu verarbeiten, für «eine wunderbare und mutige Idee, die anderen Betroffenen Mut machen wird und alle zum Lachen bringen wird. Was ja immer noch die beste Medizin ist.»

An diesem Abend ist Guy Landolts Selbstironie entwaffnend, die Unsicherheit wie weggeblasen. Das Publikum hat er spätestens im Sack bei:

«16 000 Menschen in der Schweiz sind betroffen – das ist ja mehr als GC Zuschauer hat!»

Wenn er den Hirnschlag mit Humor nehmen kann, dann auch sein Publikum. «Mit meinem kleinen Hirn hätte ich von der IV schon viel früher Beiträge beantragen können.» Der bringt einen grossen Lacher. Landolt hat den Applaus lange vermisst. Helmi Sigg fasst zusammen, was viele Berufskollegen denken: «Ich bin stolz auf ihn.» Corinna Nobel kann aufatmen. «Besser, als ich erwartet hatte!» Sie ist sicher, dass die Bühnen den Showact buchen werden. An solchen Try outs informieren sich auch die Programmverantwortlichen über das Potenzial.

Matthias Peter, Leiter der St. Galler Kellerbühne, würde sich zu einem Stück, das eine Behinderung oder Krankheit in den Mittelpunkt stellt, zusätzliche Gedanken machen. Etwa wie ein Mehrwert geschaffen werden kann, indem nach der Vorstellung ein Austausch zwischen Publikum und Fachpersonen ermöglicht wird.

Dass Handicaps und Comedy sich nicht mehr ausschliessen, liess sich bereits feststellen. Gerade macht Clown Olli Hauenstein das Down-Syndrom seines Mitspielers Eric Gadient zum «Clown-Syndrom». Und in Luzern bringt Annette von Goumoëns ein Stück mit ihrem mit Down-Syndrom geborenen Bruder auf die Bühne. Insofern kann Matthias Peter dem Vorhaben des Zürchers Erfolgschancen einräumen. Wenn er ihn auch deswegen nicht gleich aus dem Stand buchen würde.

Bis September feilt Landolt am Programm, dessen Titel reine Selbstironie ist: «Schlagfertig». Schon im März steht eine weitere Feuertaufe an: Im «Zelt» tritt er vor ein tausendköpfiges Publikum. «Morgen bin ich dann kaputt», ahnt er nach dem Auftritt in Aarau.

«Aber ich bin einfach gern auf der Bühne.»

Mitleid-Sex und Mitleid-Applaus, er nimmt, was er kriegen kann. Den Applaus hat er auf sicher. Das andere hängt davon ab, ob wie früher Comedy-Groupies am Bühnenausgang warten. Hat Guy Landolt witzig gemeint.

Programm «Schlagfertig»

Ein nächster Try-out mit Auszügen aus dem neuen Programm findet am 18. Februar im Winterthurer Casinotheater statt. Als Vorpremiere soll «Schlagfertig» dann am 7. September im aargauischen Bergdietikon zu sehen sein.
1973 absolvierte Guy Landolt seinen ersten «Showbiz»-Auftritt: an einem Turnfest. Ab 1993 wurde der Zürcher als Drittel des Trio Eden einem grösseren Publikum bekannt. 1998 war er Mitinitiator der ersten Schweizer Stand-up-Comedy-Show «onenightstand». Sein längstes Engagement war 2007 bis 2012 als «Murmeli» im Musical «Ewigi Liebi» – bei der Verlängerung war Landolt wegen des Schlaganfalls nicht mehr dabei. (rs)

Guy Landolt in einer Aufnahme von 2014.

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