Seelenverkäufer

Der russische Dichter und Dramatiker Nikolai Gogol (1809–1852) hinterliess mit seinem Hauptwerk «Tote Seelen» einen der besten satirischen Romane der Weltliteratur, der noch heute hochaktuell ist. Als Autor ist er jedoch eine tragische Figur.

Martin Zähringer
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Nikolai Gogol

Nikolai Gogol

Nikolai Gogol kam aus einer ukrainischen Gutsbesitzerfamilie und führte ein bewegtes Leben. Er versuchte sich zunächst in einer akademischen Laufbahn in Petersburg, ebenso vergebens als Schauspieler in Deutschland. Eine kurze Zeit verbrachte er im Staatsdienst, dann war er Geschichtslehrer in einer Mädchenschule, bis ihn die Freundschaft mit dem grossen Dichter Alexander Puschkin in seiner Berufung bestätigte: er wurde Schriftsteller.

Dichter der kleinen Leute

Bekannt wurde Gogol bereits ab 1832 mit seinen ukrainischen Volkserzählungen, die in moderner russischer Sprache das Sujet der kleinen Leute entdeckten. In Verruf brachte ihn die Komödie «Der Revisor» im Jahr 1836, in der er das Beamtentum aufs Korn nahm. Mit Meisternovellen wie «Der Mantel», «Das Porträt», «Die Nase» oder «Der Newski Prospekt» begründete er die «natürliche Schule» der russischen Literatur. Gogol lebte einige Jahre in Berlin, Paris und Rom, bis er im Jahr 1842 mit einer Satire auf die Schicht der Gutsbesitzer hervortrat, mit den «Toten Seelen».

Geplant war ein grosser Wurf, eine Trilogie nach dem Konzept Inferno-Purgatorium-Paradies von Dantes «Göttlicher Komödie». Gogol geriet jedoch in eine andauernde Schaffenskrise und erlitt wiederholt psychotische Schübe. Er suchte sein Heil in der religiösen Mystik und schrieb weiter an den «Toten Seelen», brachte das Werk aber nicht mehr in Übereinstimmung mit der kritischen Haltung seines Anfangs. Im Februar 1852 verbrannte er das fertige Manuskript des zweiten Teils, verweigerte die Nahrungsaufnahme und starb am 4. März 1852 im Alter von knapp 43 Jahren.

Tschitschikow im Inferno

Gogol bezeichnete sein Hauptwerk als «ein Poem», obwohl es in fliessender, moderner Prosa mit starkem Dialoganteil verfasst ist. Es zielt auf eine epische Beschreibung der russischen Zustände und bietet ein Panorama der niedergehenden Feudalgesellschaft. In immer aberwitzigeren Gestalten steigert sich hier die Darstellung der herrschenden Dekadenz. Protagonist und Führer durch dieses «Inferno» ist der Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, der mit seinem Kutscher Selifan und dem Diener Petruschka die Gutshöfe zwischen Moskau und Petersburg abklappert, um den adligen Gutsbesitzern «tote Seelen» abzuschwatzen.

Das ist ein so mysteriöses Geschäft, dass der Erzähler selbst Probleme damit hat, seinen Helden zu charakterisieren: «Am treffendsten wird es wohl sein, wenn wir ihn einen Eigentümer und Erwerber nennen. Der Erwerb ist an allem schuld; seinetwegen geschehen Dinge, die man gemeinhin nicht ganz sauber nennt.» Tschitschikows geniale Erwerbsidee war der Kauf von Leibeigenen, «Seelen» im Feudaljargon, allerdings von verstorbenen Bauern, also toten Seelen. Der Gutsbesitzer müsste bis zur nächsten Volkszählung die Kopfsteuer entrichten, Tschitschikow aber will sie gewinnbringend verpfänden.

Der feudalen Ökonomie war er also etwa so weit voraus, wie die Finanzgenies mit ihren Leerverkäufen, Kursverlustwetten und Derivateprodukten heutzutage der Realwirtschaft voraus sind. So monströs der Seelenaufkäufer auch sein mag, er ist doch ganz ein Mann unserer Zeit – zeitlos belehrend, ganz im Sinne Nikolai Gogols, als literarische Figur unsterblich.

Neu übersetzt

Vera Bischitzky hat «Tote Seelen» neu übersetzt. Sie bleibt dem Original bis zum fragmentarischen Zustand der fünf verbliebenen ersten Kapitel des zweiten Teils treu. Die Ausgabe mit Chagall-Radierungen hat allerdings ihren Preis. Bereits zum 150. Todestag im Jahr 2002 erschien bei Klett-Cotta der letzte Band einer fünfbändigen Werkausgabe, dort sind «Die toten Seelen» als Band 2 enthalten, leider ebenfalls nicht ganz billig. Günstigere Ausgaben bieten Reclam, Diogenes, Patmos, Insel und S. Fischer. Antiquarisch empfehlenswert ist die etwas forschere Übersetzung von Korfiz Holm in einer bibliophilen Ausgabe mit hundert realistischen Zeichnungen von Alexander Agin (Aufbau Verlag, 1954). Gogols Erzählungen und Komödien gibt es in deutscher Sprache in zahlreichen Ausgaben.

Nikolai Gogol: Tote Seelen. Neu übersetzt von Vera Bischitzky. Nachwort und Zeittafel Barbara Conrad. 22 Kaltnadelradierungen von Marc Chagall. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009, Fr. 147.– Nikolai Gogol: Die schönsten Erzählungen. Übersetzt von Georg Schwarz. Nachwort Adam Soboczynski. Aufbau Verlag, Berlin 2009, Fr. 29.20

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