Schweizer Single-Frauen bestellen Sperma im Ausland – und befruchten sich zu Hause

Immer mehr Schweizer Singlefrauen ordern sich Sperma aus dem Ausland. Um sich zu befruchten, sind sie nicht auf eine Klinik angewiesen.

Laura Gianesi
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Das Geschäft mit Sperma boomt. (Symbolbild)

Das Geschäft mit Sperma boomt. (Symbolbild)

bab.ch

«Wir bieten Qualitätssamen von ausgewählten Spendern aller Ethnizitäten an.» So lautet das Angebot der 1987 gegründeten dänischen Samenbank «Cryos». Die Spermien werden in die ganze Welt geschickt, sogar nach Amerika. Auch hierzulande boomt das Geschäft: «Wir senden momentan etwa 25 Samenspenden pro Monat an Schweizer Kunden», gibt Ole Schou, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, gegenüber der «Nordwestschweiz» bekannt.

Restriktive Gesetze

Doch welche Schweizerinnen bestellen solche Samenproben? Einerseits sind es heterosexuelle Paare, die sich trotz Unfruchtbarkeit des Mannes Nachwuchs wünschen, andererseits lesbische Paare und Singlefrauen. Das Schweizer Gesetz erlaubt jedoch ausschliesslich Verheirateten, von Spenden Gebrauch zu machen.

Die Nationale Ethikkommission kritisiert die rechtliche Exklusion zwar, eine Gesetzesänderung hat aber noch immer nicht stattgefunden. «Das Problem ist, dass es in der Schweiz keine Lobby gibt, die sich für eine Legalisierung der Insemination bei Singles und Lesben einsetzt», bedauert der Schweizer Gynäkologe und Reproduktionsmediziner Peter Fehr. Ole Schou gibt an, dass bei Schweizer Kundinnen der Anteil Singles 50 Prozent beträgt, derjenige lesbischer Paare 20 Prozent.

Da sie sich in Schweizer Kliniken nicht behandeln lassen dürfen, bestellen Singles und Homosexuelle die Spermien via Internet trotz Verbot in die Schweiz. Dank sogenannten «Selbstbefruchtungs-Kits» können sie sich die Spermien mit einem Katheter zu Hause spritzen. «Die Schweizer Nachfrage nach den Kits ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Wir liefern aber keine Inseminationspakete mehr direkt in die Schweiz, seit eine Lieferung vor rund einem Jahr am Zoll konfisziert wurde», fasst Schou zusammen.

Unverheiratete haben einen neuen Weg gefunden, ihre Sehnsucht nach Nachwuchs zu stillen: Jetzt liefert man die Samen an Privatadressen im nahen Ausland, wo sie von den Käuferinnen abgeholt und in der Schweiz gespritzt werden.

Die Kits sind jedoch noch immer nicht gleich gefragt wie die klassische Option: Normalerweise schicken Samenbanken die ausgewählten Spermien an überwiegend spanische oder belgische Kliniken. Die Schweizerin reist dorthin und lässt sich befruchten. Fehr rät zu den klinisch betreuten Inseminationen: «Wegen der tiefen Erfolgsquote sind Selbstbefruchtungen nicht sehr empfehlenswert. Zu Hause durchgeführt liegt die Chance bei unter 10 Prozent.»

Wegen der Hormonbehandlung in Spitälern erhöht sich die Chance auf eine Empfängnis dort auf bis zu 20 Prozent. Dank der professionellen Betreuung wird der Zyklus durch Medikamente oder Injektionen beeinflusst und der Eisprung dadurch künstlich herbeigeführt. Auch Fehr und sein Team schicken lesbische Paare und Alleinstehende meistens in eine spanische Klinik, wo ihnen die Verwirklichung ihres Wunsches nicht verboten wird: «Wir senden pro Jahr etwa ein Dutzend Frauen dorthin und betreuen sie bei ihren Entscheidungen, der Insemination und Schwangerschaft.»

Sperma für 1640 Euro

Hat sich eine Frau für eine Insemination mit fremdem Sperma entschieden, bleibt die Frage: Wer wird der Spender? Hier kommen die Samenbanken ins Spiel. Da die Anfrage stetig steigt, die Aufnahmekriterien aber höchst selektiv bleiben, entstanden bei Cryos schon Lieferengpässe, sagt Ole Schou gegenüber «Le Matin». Zwei Drittel der Männer, die sich als Spender bei Cryos bewerben, werden aussortiert.

Die Bewerber müssen verschiedenste gesundheitliche und psychologische Tests durchlaufen, bevor ihr Samen ins Sortiment aufgenommen wird. Für ihren Beitrag am Kinderglück Unbekannter werden sie je nach Firma und Qualität ihres Spermas mit zwischen 10 und 70 Euro pro Probe belohnt.

Auf Cryos kostet ein halber Milliliter Ejakulat vom blonden Alex zum Beispiel 1640 Euro, exklusive Transport und Mehrwertsteuer. Die Summe variiert innerhalb der Spendenbank allerdings stark, da sie nach verschiedenen Faktoren berechnet wird; so zum Beispiel der Motilität, das heisst der Bewegungsaktivität der Spermien.

Diese ist eine der wichtigsten Indikatoren für Spermienqualität bei künstlicher Befruchtung. So muss eine Kundin beim braunäugigen Rohan, bei dem noch keine Schwangerschaften gemeldet wurden, deutlich weniger tief in die Tasche greifen als bei Alex: Sein Samen ist bereits für 76 Euro zu haben.

Auf der Website der Firma filtern Interessierte die Liste der Spender nach weiteren Kriterien: Augen- und Haarfarbe, Blutgruppe, Gewicht, Grösse und ethnischer Hintergrund. Bei erweiterten Profilen können Kundinnen zusätzlich in Beschreibungen der emotionalen Intelligenz eines Mannes stöbern, seine Babyfotos bewerten, ein Interview mit persönlichen Fragen durchlesen, seiner Stimme lauschen und handgeschriebene Botschaften lesen. Als gut befunden? Dann ab in den Warenkorb damit. Dieser hat treffenderweise die Form eines Kinderwagens.