Schweizer Gesundheitskonferenz
Christian Althaus: «China hat uns Zeit zur Vorbereitung auf die Pandemie verschafft» – Der Vorsprung hätte besser genutzt werden können

Das sagte der Epidemiologe an der Swiss Public Health Conference. Doch genutzt hat die Schweiz die Frist zu wenig: Die Krisenkommunikation hätte besser laufen können.

Sabine Kuster und Annika Bangerter
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Epidemiologe Christian Althaus war zur Konferenz eingeladen.

Epidemiologe Christian Althaus war zur Konferenz eingeladen.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

China habe womöglich schon im September 2019 vom neuen Coronavirus gewusst und dies vertuscht – so lauten Vorwürfe an das Ursprungsland von Sars-Cov-2. Doch als die Fallzahlen stiegen reagierte China schnell.

An der Schweizer Konferenz zur Öffentlichen Gesundheit (Swiss Public Health Conference) von heute Donnerstag sagte Epidemiologe Christian Althaus in der Fragerunde: «China hat dem Rest der Welt ein bis zwei Monate Zeit verschafft, um sich auf die Pandemie vorzubereiten.» Dies, weil das Land bereits ein gutes Überwachungssystem für übertragbare Krankheiten und neue Pandemien gehabt habe und richtig reagieren konnte.

Auch das erste Sars-Virus tauchte 2002 zuerst in China auf und hatte (auch wegen niedrigerer Übertragbarkeit) damals noch eingedämmt werden können. Althaus sagte:

«Wäre das zweite Sars-Virus in einem anderen Land ausgebrochen, hätte man es vielleicht erst bemerkt, wenn es auch andernorts aufgetaucht wäre.»

China als Ursprungsort für eine Zoonose, also eine Krankheit, die durch einen Erreger von einem Tier auf einen Menschen überspringt, war für Epidemiologen keine Überraschung. Eine Studie im Fachmagazin «Nature Communications» bezeichnete schon 2017 China als Hotspot – neben Indien. Althaus sagte, künftig müsse bezüglich des Risikos von Infektionen via Fledermäuse ausserdem Südamerika besonders gut beobachtet werden

«Man muss die Leute nicht nur informieren, sondern auch überzeugen»

Suzanne Suggs, Social-Marketing-Professorin, Universität Lugano.

Suzanne Suggs, Social-Marketing-Professorin, Universität Lugano.

Bild: ZVG

Den Vorsprung hätte die Schweiz nutzen können, um sich auf die Krisenkommunikation vorzubereiten. Suzanne Suggs, Social-Marketing-Professorin der Universität Lugano, wies an der Konferenz auf einige Punkte hin, die dem Bund Anfang 2020 schon hätten bewusst sein sollen: Die Kommunikation müsse unbedingt so geschehen, dass sie das Verhalten der Leute beeinflusse, sagte Suggs. Klare und sichere Informationen genügten nicht. «Man muss die Leute überzeugen können, dass ihnen die Massnahmen etwas bringen.» Um das zu schaffen, müsse man die Bevölkerung gut kennen, ihr zuhören und darauf reagieren.

Als Kommunikationskanäle seien Fernsehen, Radio und Zeitungen wichtig wie auch die offiziellen Seiten des BAG und der WHO. Das hatte eine Studie von der Università della Svizzera italiana und der ZHAW mit 1150 Teilnehmern in den Kantonan Thurgau, Zürich und Tessin im Frühling ergeben. Social Media wurde wenig Gewicht und Vertrauenswürdigkeit beigemessen. Hotlines seien hingegen sehr nützlich gewesen - aber würden von zu wenigen Leuten genutzt.

Fake News können kaum korrigiert werden, wenn sie einmal draussen sind

Und: Die Behörden sollten Fehlinformation aktiv korrigieren. Das heisst:

«Fake News dürfen nicht wiederholt werden, um sie zu widerlegen, sonst verbreiten sie sich noch mehr. Sondern man muss zu den bekannten Fakten auch die Logik dahinter präsentieren.»

Die Risiken müssten benannt werden, auch wenn sie die Angst vergrösserten. Das liesse sich nicht vermeiden. «Das Risiko von Long Covid zum Beispiel wurde zu wenig kommuniziert», so Suggs.

Im Alltag ging und geht es aber auch um die Frage: Muss in der Pandemie zwischen Wirtschaft und Gesundheit der Bevölkerung gewählt werden? Wirtschaftswissenschafterin Monika Bütler verneinte: «Beide Bereiche müssen angeschaut werden."

Im Vergleich zu anderen Ländern steht die Schweiz gut da

Sie stellt der Schweiz diesbezüglich dieses Spagates ein gutes Zeugnis aus. Österreich habe beispielsweise deutlich mehr Geld ausgegeben, um die Wirtschaft zu unterstützen, aber das österreichische Bruttoinlandprodukt sei viel stärker zurückgegangen als jenes der Schweiz. «Die wirtschaftlichen Entwicklungen weisen grosse Unterschiede auf, aber beide Länder haben etwa gleich viele Todesfälle.»

Kritisch blickt sie hingegen auf Oktober 2020 zurück: «Damals hätten mit weniger Kosten viele Todesopfer vermieden werden können. Die Verzögerung hat viel gekostet...

...Es ist aber schwierig, den richtigen Zeitpunkt für die richtigen Massnahmen zu erwischen. Wer zu früh Massnahmen erlässt, macht sich unglaubwürdig.»

Aktuell stehen Behörden und Politik erneut vor genau dieser Herausforderung.

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