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Schweizer Digitaltag - «Es gibt keine Privatsphäre mehr»

Wenn am Donnerstag der zweite Schweizer Digitaltag stattfindet, muss unsere Privatsphäre im Netz ein Thema sein. Denn diese ist höchst gefährdet, wie ein Datenexperte sagt, der in den USA über Jahre Einblick in die Datenberge von Google und Co. hatte.
Bruno Knellwolf
Jede unserer Bewegungen im Internet kann gelesen werden. (Bild: Getty)

Jede unserer Bewegungen im Internet kann gelesen werden. (Bild: Getty)

Für Andreas Göldi ist klar: «Eine Privatsphäre in der digitalen Welt gibt es nicht mehr». Wie zum Beweis zeigt er auf dem PC-Bildschirm auf eine Karte, auf der Google alle seine Bewegungen aufgezeichnet hat, die er letzthin bei einem Besuch in Bern gemacht hat. Die digitale Spur lässt sich leicht nachführen. Göldi muss es wissen. Zum einen ist er ein Internet-Unternehmer der ersten Stunde und zum zweiten hat er die letzten zwölf Jahre in Boston gelebt und dort für seine Arbeit tief in die Datenwelt von Google und Facebook gesehen.

Als Menschen von Smartphones und Facebook noch nichts wussten, hat Göldi 1995 mit zwei Kollegen die Firma Namics gegründet, die Online-Projekte für bekannte Firmen ausführt, und heute in ganz Europa rund 550 Mitarbeiter beschäftigt. Vor zwölf Jahren folgte Mitgründer Göldi, der an der Universität St. Gallen studiert hat, dem Ruf des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston für ein Studienprogramm. Versuchte sich mit seiner Frau an verschiedenen digitalen Ideen und gründete schliesslich die Firma Pixability. Diese stellt Software-Lösungen her für Videowerbung auf Youtube, Instagram und anderen Plattformen. Laut Göldi:

«Künstliche Intelligenz für die Optimierung von Video-Kampagnen, die zielgenau auf die Kunden ausgerichtet werden.»

Denn danach suchen die Firmen im Internet. Firmen haben eine präzise Vorstellung von ihren Kunden. Diese sollen im richtigen Umfeld auf Google oder Facebook angesprochen werden. «Dank unserer tiefen Beziehungen zu Google, Youtube und Facebook hatten wir viel Einsicht, welche Daten diese Plattformen haben. Für uns war das Rohmaterial, um spezifische Zielgruppen anzusprechen», sagt Göldi.

Google und Facebook wissen alles

Um solche Zielgruppen zu finden, müssen die Datenberge von Google & Co. analysiert werden. «Die Werbung setzt zwar auf Menschengruppen, nicht auf das Individuum. Dafür müssen die Profile aber bekannt sein», sagt Göldi. «Google weiss von fast jedem Nutzer welche Website er besucht, welche Videos gesehen, wo er sich aufgehalten hat. Aus diesen Rohdaten lässt sich ein Zielsegment zusammensetzen», erklärt Göldi. «Wir hatten eine Datenbank von acht Millionen Youtube-Channels zur Verfügung». Zu Göldis Kunden zählten auch Firmen aus dem Kosmetik-Bereich, die ganz genaue Vorstellungen von ihrer Kundschaft haben. Gesucht wurden zum Beispiel Frauen zwischen 18 und 24, die oft dunklen Lippenstift auftragen. Denn dieser färbt die Zähne. Göldis Kunde hat genau jene Zahnpasta, welche dieses Farbproblem löst. Dementsprechend wurde im Datenberg gesucht.

Unsere Daten werden gemäss Göldi jede Sekunde aktualisiert. Google ist die weltweit grösste Datenkrake, gefolgt von Facebook. Weit dahinter folgen Apple und Microsoft. «Google hat das dichteste Profil, auch weil 85 Prozent ein Androidgerät benutzen», sagt Göldi. Daten sind ein Riesengeschäft. Nicht nur von Unternehmen wie Google, auch Schweizer Firmen schalteten Tracker, um zu sehen, wer sich wo für was interessiert. Das sei aber vielen gar nicht bewusst, sagt Göldi. Dem zu entrinnen, ist schwierig:

«Für Sicherheitsfanatiker gibt es schon Möglichkeiten, ihre digitalen Wege zu verschlüsseln. Das geht nur mit beträchtlichem Aufwand. Für einen normalen Konsumenten ist das unmöglich.»

Das machen sich Hacker zu Nutze. Göldi zeigt auf ein Erpresser-Mail, das er letzthin erhalten hat, in dem ihm gedroht wird, sein Linked-In-Passwort zu verraten, wenn er nicht genug Geld in Bitcoin überweise. Selbstredend hat er der Erpressung nicht nachgegeben. Die Leute hätten oft Angst vor den grossen Datenkraken. Angst müsse man aber eher vor jenen haben, die Facebook und Google hackten. Generell seien die Menschen aber zu sorglos im Umgang mit ihren Daten. Feind Nummer 1 sei die Bequemlichkeit, Nummer 2 die Sparsamkeit am falschen Ort. In den Schulen sollten die Kinder unbedingt davon erfahren.

Wie man sich schützt

Einige Ratschläge des Datenexperten:
Informieren: Welche Dienste wissen was über mich? Alle grossen Internetdienste bieten ihren Nutzern die Möglichkeit an, Einsicht in die gespeicherten persönlichen Daten zu erlangen. Auf diesen Seiten kann teilweise auch eingestellt werden, was die Firmen über einen speichern sollen. Bei Google zum Beispiel unter https://myaccount.google.com.
Optimieren: Privatsphären-Einstellungen optimieren, Passwörter sorgfältig wählen
Fokussieren: Gründlich überlegen, welche Dienste man benutzen will. Unnötige Dienste abbestellen, unnötige Kombinationen (z.B. Login mit Facebook) vermeiden.
Investieren: Lieber ein paar Franken zahlen für kostenpflichtige Dienste mit besserer Privatsphäre. (Kn.)

Die Künstliche Intelligenz erledigt den riesigen Datenberg

Die Bedrohung des einzelnen ist das eine, die der Gesellschaft das andere. Durch die Selektierung erhalten Menschen ferngesteuert ausgewählte Informationen, bewegen sich in einer Blase. Rein werbefinanzierte Medien wie zum Beispiel Trumps Lieblings-TV-Sender Fox würden immer extremer, weil sich damit viele Klicks und somit Werbung generieren lasse. Je abonnierter und weniger abhängig von Werbung ein Medium sei, desto weniger gross sei dessen Interesse an einseitiger Information. Göldi sieht da Licht am Horizont. In den USA laufe bereits eine Gegenbewegung, weg von undurchsichtigen Webseiten und Medien zurück zu Qualitätsmedien.

Bleibt noch die Frage, ob der Datenberg irgendwann nicht so gross wird, dass er gar nicht mehr genutzt werden kann. Das verneint Göldi. Google, Facebook und vielleicht die US-Sicherheitsbehörde NSA hätten mit Künstlicher Intelligenz und extrem leistungsfähigen Filtern die Möglichkeit, die Datenberge effizient zu analysieren. Göldi nennt das Beispiel «Google Photos» und dessen Gesichtserkennung. Dieser Algorithmus erkenne Gesichter besser als der klügste Mensch.

«Aus 60'000 meiner Fotos kann Google innerhalb einiger Sekunden alle Gesichter herausfiltern.»

Die Firma Palantir, eines der momentan am höchsten gehandelten Silicon Valley Startups, analysiert mit ausgeklügelten Algorithmen Datenberge für Regierungen und Grosskonzerne. «Die Datenmengen werden zwar immer grösser, aber die Technik kann da mithalten», sagt Göldi.

Das erinnert daran, dass die Datenanalyse mit der Terrorattacke 9/11 so richtig angefangen hat. Für die Bevölkerung war im Jahr 2001 unfassbar, dass sich die Terroristen monatelang im Land hatten bewegen konnten, ohne den Geheimdiensten aufzufallen. «Es gab damals schon viele Daten, aber man hatte nicht die Technologie, um damit umzugehen. Firmen wie Palantir sind danach entstanden, weil es einen Technologie-Schub brauchte, um die Datenberge zu verarbeiten», sagt Göldi. Ein 9/11 wäre heute kaum mehr möglich dank der Überwachungstechnik, die wohl manche Attacke verhindert hat. Auch dem Anfangs so erfolgreichen IS wurde im Internet der Garaus gemacht.

Themenserie «next now»: Datenschutz

Welche neuen Technologien prägen unseren Alltag und die Welt von morgen? Und welche Innovationen entstehen hier in der Ostschweiz? Diese Fragen stehen im Zentrum der neuen Themenserie «next now» - eine Zusammenarbeit von Tagblatt und Startfeld. In den kommenden Monaten berichten wir über personalisierte Werbung, selbstfahrende Autos, E-Health, oder hyperlokale Wetterprognosen dank Drohnen. Dazu bieten wir eine Eventreihe mit Vorträgen und Möglichkeiten, neue Erfindungen gleich selber auszuprobieren. Am zweiten Schweizer Digitaltag laden wir Sie ein, sich mit Experten zum Thema Datenschutz austauschen. Unter anderem wird Andreas Göldi zum Thema «Privatsphäre im digitalen Raum» referieren. (red)

Anmelden unter: startfeld.ch/nextnow

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