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Die anderen Beat Richners: Diese Schweizer Ärzte retten weltweit Leben

Sie sind dort, wo Hilfe bitter nötig ist: Schweizer Ärzte, die wie der kürzlich verstorbene Beat Richner, im Ausland Leben retten. Wir stellen sechs von ihnen vor.
Texte: Annika Bangerter

Monika Hauser: Die Gynäkologin

Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale

Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale

Monika Hauser war 33 Jahre alt, als sie von den Massenvergewaltigungen bosnischer Frauen im Jugoslawien-Krieg las. Kurzerhand fuhr die Gynäkologin nach Kroatien, wo sie auf erste Opfer traf. Sie reiste weiter – direkt ins Kriegsgebiet. Mit mobilen gynäkologischen Ambulanzen leistete sie Nothilfe und versorgte vergewaltigte Frauen. Gemeinsam mit einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen eröffneten sie 1993 in Bosnien ein Frauentherapiezentrum. Zudem gründete sie die Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale. Deren Ziel: kriegstraumatisierte Frauen medizinisch und psychologisch zu betreuen. Sie sei damals einem inneren Antrieb gefolgt, berichtete Hauser in Interviews: «Obwohl das Vorhaben unmöglich schien.»

Einige Jahre später, als der Kosovo-Krieg tobte, wurde die Gynäkologin mit ihrem Verein im Kosovo und Albanien tätig. Und nach dem Sturz der Taliban folgten 2001 in Afghanistan Projekte. Auch dort behandelten Hauser und ihr Team vergewaltigte, versklavte oder gefolterte Frauen. Gleichzeitig begannen sie, gegen die Zwangsverheiratungen von Mädchen zu kämpfen. Heute ist die Organisation zudem in afrikanischen Ländern wie Liberia, Ruanda oder der Demokratischen Republik Kongo aktiv. Der Sitz von Medica Mondial ist in Köln, wo Hauser lebt. Geboren und aufgewachsen ist die 59-Jährige in St. Gallen. Als Kind Südtiroler Eltern ist sie aber italienische Staatsbürgerin. Vor einem Jahr würdigte sie die Universität St. Gallen mit dem Ehrendoktor. Zuvor erhielt sie bereits den Alternativen Nobelpreis.

Ruedi Lüthy: Der Aids-Spezialist

Prof. Ruedi Lüthy, Gründer der Newlands Clinic in Harare/Simbabwe Foto: Patrick Rohr

Prof. Ruedi Lüthy, Gründer der Newlands Clinic in Harare/Simbabwe Foto: Patrick Rohr

Sein Kampf gegen Aids begann in der Schweiz: Hier wurde der heute 77-jährige Arzt Ruedi Lüthy als einer der ersten Aids-Spezialisten des Landes bekannt. Das war in den 1980er-Jahren. Die Krankheit löste bei ihm damals als Arzt am Universitätsspital Zürich eine persönliche Krise aus, berichtete er später. Er habe sich in seiner Rolle hilflos gefühlt. Um dem etwas entgegenzusetzen, gründete er mit anderen Aids-Spezialisten das Sterbehospiz Lighthouse in Zürich. Seit Mitte der 1990er-Jahre Medikamente gefunden wurden, kommt eine HIV-Infektion nicht mehr einem Todesurteil gleich. Zumindest in der Schweiz. Im afrikanischen Staat Simbabwe fehlen hingegen die finanziellen Mittel, die Infrastruktur und die Fachleute. Seit 2003 kämpft Lüthy gegen die dortige Pandemie an. Aus seiner ambulanten HIV-Klinik in der Hauptstadt Harare ist 2004 die «Newlands Clinic» entstanden, eine Klinik für HIV- und Aids-Patienten. 6124 Menschen wurden Ende 2017 dort behandelt – vom HIV-infiszierten Säugling bis zum Erwachsenen mit fortgeschrittener Krankheit. Neben den Therapien gibt es in der «Newlands Clinic» auch ein Ausbildungszentrum für einheimische Ärzte und Pflegepersonen. Allein im vergangenen Jahr wurden 630 Fachleute aus ganz Simbabwe weitergebildet. Auch Ruedi Lüthy gibt sein Wissen weiter. Vor einem Jahr trat er etwas kürzer und übergab die medizinische Leitung der Klinik an den Arzt Stefan Zimmerli. Die Stiftung Ruedi Lüthy Foundation, die den Betrieb sichert, führt nun die Tochter des Gründers, Sabine Lüthy.

René Prêtre: Der Kinder-Herzchirurg

René Prêtre, Herzchirurg, operiert Kinder in den ärmsten Ländern der Welt.

René Prêtre, Herzchirurg, operiert Kinder in den ärmsten Ländern der Welt.

Er operiert Herze in der Grösse einer Walnuss: der Kinderarzt René Prêtre. Der Jurassier gilt als einer der besten Herzchirurgen der Welt. Er behandelt Kinder in den Universitätsspitälern Genf und Lausanne – und im Ausland. Genauer in Mosambik und Kambodscha. Um den Kleinsten dort zu helfen, hat Prêtre die Stiftung «Le petit coeur» gegründet.

Regelmässig reist der 61-Jährige mit einem Team – unter anderem mit Anästhesisten, Kardiotechniker und Fachpersonen für die Intensivpflege – in die beiden Länder. In einem Blog schreibt er über die Missionen. Etwa darüber, dass es bei jedem Auslandeinsatz ein Kind gebe, das sich von allen anderen abhebe. Eines, das ihm und seinem Team besonders grosse Sorgen bereitet. «Diese Fälle hinterlassen deutlichere Spuren, weil sie uns emotional berühren oder weil sie längere Pflege benötigen», schreibt er.

In diesem Mai hiess das Sorgenkind Mirley. Acht Monate alt und mit einem grossen Loch im Herzen. Prêtre schildert, wie er mittels improvisierter Herzultraschall die Stelle ausfindig macht, wie er um das Leben des Kindes bangt. Und es schliesslich nur durch eine spontan organisierten Bluttransfusion retten konnte. In Mosambik müsse er sich bei all den Operationen ganz auf das verlassen, was er mit den eigenen Augen sehen könne, schreibt der Spezialist. Viele der Hilfsinstrumente, die ihm in der Schweiz zur Verfügung stehen, fehlen im afrikanischen Staat. Bei den Einsätzen von «Le petit coeur» arbeiten die Schweizer Fachleute allesamt ehrenamtlich. Die Operationen führen sie gemeinsam mit lokalen Ärzten vor Ort durch und bilden sie weiter.

In Mosambik unterstützen sie ein lokal betriebenes Herzzentrum. In Kambodscha hat der Jurassier geholfen, an einem Spital von Beat Richner eine Herzchirurgie aufzubauen. Der Wissenstransfer scheint zu funktionieren: Laut eigenen Angaben von «Le petit coeur» operieren die kambodschanischen Ärzte mehr als 300 Kinderherzen pro Jahr.

Philippe Schucht: Der Neurochirurg

Philippe Schucht bildet in Myanmar Neurologen aus.

Philippe Schucht bildet in Myanmar Neurologen aus.

Mehr als 50 Millionen Menschen und drei Neurochirurgen: Das traf Philippe Schucht in Myanmar an. Deshalb gründete der Neurochirurge vom Berner Inselspital 2010 den Verein Swiss Neurosurgeons International. Regelmässig reist Schucht mit einem Team ins südostasiatische Land. Auch in das Konfliktgebiet Rakhine, wo ausländische Hilfswerke kaum zugelassen sind. Gegenüber Radio SRF sagte Schucht, dass seine Organisation Patienten aller Ethnien gleichermassen behandle. Davon liessen sich auch die Behörden überzeugen. Zudem bildet Schucht, junge Ärzte in Myanmar aus. Inzwischen gibt es rund 50 Neurochirurgen im Land.

Lotti Latrous: Die Macherin

Lotto Latrous hilft Aidskranken in der Elfenbeinküste.

Lotto Latrous hilft Aidskranken in der Elfenbeinküste.

Eine medizinische Ausbildung braucht es nicht, um Tausende von Leben zu retten. Das hat die Zürcherin Lotti Latrous bewiesen. Als Ehefrau eines international tätigen Managers lebte sie in verschiedenen Ländern. Von Chauffeur, Koch und Haushaltsangestellte umsorgt. In Abidjan, einer Stadt der Elfenbeinküste mit etwa 4,4 Millionen Einwohnern, begann sie, im Krankenhaus von Mutter Teresa zu helfen. Das Elend, das sie in den Slums antraf, erschütterte sie. Gemeinsam mit einem einheimischen Arzt gründete sie 1999 das Ambulatorium Centre Espoir Un. Laut der Lotti-Latrous-Stiftung behandeln dessen Ärzte pro Jahr etwa 25 000 Menschen und 4000 Aids-Patienten. Sie bekommen im Ambulatorium unentgeltlich eine Therapie. 2002 folgte das Sterbehospiz Centre Espoir d’Eux. Da viele der Aids-Patienten alleinerziehende Mütter waren, die nach ihrem Tod Kinder zurückliessen, eröffnete Latrous ein drittes Haus: das Waisenhaus Espoir Trois. Bei ihrer Arbeit in den Elendsquartieren erkrankte Latrous an einer schweren Lungentuberkulose. Ihre Gesundheit zwang sie, die Leitung ihres Lebenswerkes abzugeben und in die Schweiz zurückzukehren. Nach einer längeren Pause arbeitet die 65-Jährige inzwischen wieder in der Elfenbeinküste. Aber nicht mehr wie früher – praktisch pausenlos. Sie pendelt nun zwischen den Slums und Schweiz.

Jörg Peltzer: Der Traumatologe

Es war eine Fahrradreise, die den Grundstein für sein Lebenswerk legte: Als der Basler Jörg Peltzer mit seinem Velo durch Afrika pedalte, erfuhr er, wie wenig Unfallchirurgen es dort gab. Deshalb wurde der Traumatologe 1999 in Äthiopien aktiv. Im Südwesten des Landes, in der Stadt Jimma, hat er das erste und bislang einzige traumatologische Zentrum Äthiopiens eröffnet. Das Fahrrad blieb ihm ein treuer Begleiter. Um Sponsorengelder zu sammeln, organisiert Peltzer Velotouren in Afrika. Er schwingt sich dabei selbst in den Sattel und begleitet die Unterstützer. Anfang 2017 kündigte er seinen Chefarztposten im Spital von Delémont, um mehr Zeit für sein Hilfsprojekt zu haben.

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