Schweiz-Deutschland: Unentschieden

Den Schweizern fallen Selbsterklärungen zurzeit schwer. Im Kollektivbewusstsein klaffen vielerorts Gletscherschrunden und bieten dem Betrachter kühle Einblicke in die eigene Befindlichkeitsbefremdung.

Drucken
Teilen

Den Schweizern fallen Selbsterklärungen zurzeit schwer. Im Kollektivbewusstsein klaffen vielerorts Gletscherschrunden und bieten dem Betrachter kühle Einblicke in die eigene Befindlichkeitsbefremdung.

Da diskutiert einerseits das Parlament die Personenfreizügigkeit im erweiterten EU-Raum und stösst dabei auf schwerste Bedenken der Xenophobiker, die mit Bildern rumänischer Greueltaten in Italien für ihre alte Gesinnung werben.

Und da nimmt andrerseits die mit Immigrantensöhnen durchsetzte schweizerische Fussballnationalmannschaft Anlauf, sich aus den Vorrunden in die europäische Aufmerksamkeit hochzuspielen. Obschon man längst eine offene, gemischtkulturelle Gesellschaft ist, wehrt man sich dagegen, eine solche zu werden.

Diese eidgenössische Unentschiedenheit wäre kaum der Rede wert, wäre ihr seit neustem nicht eine besondere Zuspitzung vergönnt. Zu den bedrohlichsten Einwanderern, so meine Vermutung, zählen weder die Rumänen noch die Bulgaren, sondern die Deutschen. Sie sind so zahlreich in den Schweizer Städten, dass man, so unken viele, kaum mehr das eigene Wort versteht. Sie besetzen Schauspielhausintendanzen, Zeitungsredaktionen, Museumsdirektionen, Professuren.

Geholt hat man sie, weil sie oft etwas tüchtiger sind als die Einheimischen. So beisst sich der neu erwachte Chauvinismus an ihnen die Zähne aus. Die Deutschen anerkennen die Überlegenheit der heimischen Mundart gegenüber der Standardsprache nicht. Sie beklagen sich zuweilen über die Unfreundlichkeit, aber nur leise, fast ein wenig schweizerisch.

Gegen die Hooligans leiht sich die Schweizer Polizei nicht nur Rat bei den Deutschen, sondern auch Mannen. Deutsche Polizisten gegen deutsche Fans? Derweil übt man, wie den ausländischen Gästen höflicher zu begegnen sei. Das Bewusstsein dabei: unentschieden. Wenn das nur gut geht.

Der Schweizer Autor Martin R. Dean, 1955 im Aargau geboren, in der Kolumne «Times mager» der Frankfurter Rundschau vom 30.5.08

Aktuelle Nachrichten