«Schulen verzetteln sich»

Was ist eine gute Schule? In dieser Debatte meldet sich der Pädagoge Bernhard Bueb mit einem neuen Buch zu Wort. Er richtet sich an die Lehrkräfte – die sich aber selten öffentlich äussern. Der Lehrer Henri Koller aus Abtwil tut es. Er warnt vor den Folgen übereilter Veränderungen.

Karin Fagetti
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Der Lehrer und seine Schüler - Henri Koller sagt: "Lernen ist Beziehung." (Bild: Hannes Thalmann)

Der Lehrer und seine Schüler - Henri Koller sagt: "Lernen ist Beziehung." (Bild: Hannes Thalmann)

Warum sind Sie Lehrer geworden?
Henri Koller:Ich war zehn Jahre Schriftsetzer und wurde auf dem zweiten Bildungsweg Lehrer. Ich wollte und will eine Schule mit Verständnis für die Kinder. Und mit weniger Gewalt als noch zu meiner Schulzeit.

Ist nicht gerade dieses Verständnis unter Beschuss? Bernhard Buebs erstes Buch «Lob der Disziplin» wurde ein Bestseller. Nun ermahnt er die Lehrer, besser zu führen.
Koller:Das ist auch nicht falsch. Wir würden Kinder nicht ernst nehmen, würden wir sie nicht führen und von ihnen keine Leistung verlangen. Aber damit Kinder Leistung erbringen, muss eine Lehrperson zu ihnen eine tragfähige Beziehung aufbauen und diese Individuen zu einer harmonischen Klasse formen.

Das tönt sehr schön. Bernhard Bueb legt den Lehrern nahe, beherzter zu führen. Fehlt doch was?
Koller: Die Arbeit mit den Kindern ist sehr anspruchsvoll. Eine Lehrperson muss den Kopf für die Kinder frei haben und darf nicht noch mit hundert anderen Dingen beschäftigt werden. Die Arbeit in den Lehrerteams beispielsweise wurde in den letzten Jahren immer mehr ins Zentrum gerückt, manchmal auf Kosten der Arbeit mit Kindern und deren Eltern.

Wie stark lässt sich Erziehung und Bildung von Kindern verwalten?
Koller:Der Erfolg der Schule steht und fällt mit der Arbeit des Lehrers im Klassenzimmer. Ein guter Lehrer war vor 100 Jahren derselbe wie heute. Er wusste, Grundlage erfolgreichen Lernens ist die Beziehung zum Kind. Das ist pädagogische Kunst und keine Kuschelpädagogik. Nur auf dieser Grundlage kann offen mangelnde Leistung oder Fehlverhalten kritisiert werden. Dann wird die Sache kritisiert, nicht die Persönlichkeit.

War es früher nicht auch so, dass Lehrers Befehl und seine Meinung zu einem Kind, auch wenn sie falsch war, mehr oder weniger unhinterfragt hingenommen wurde?
Koller: Das war so. Heute wird unsere Arbeit stärker hinterfragt. Das ist nicht immer einfach. Aber es bietet auch die Chance, die eigene Praxis zu reflektieren. Schliesslich sind wir verpflichtet, Eltern auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und in gemeinsamer Arbeit Lösungswege zu suchen. Das braucht manchmal Standfestigkeit und Persönlichkeit.

Es braucht gut ausgebildete Lehrer. Auch gereifte Persönlichkeiten?
Koller: Der Erfolg des Primarlehrers hängt von seiner Persönlichkeit ab. Es ist nicht schlecht, diese Persönlichkeit auch ausserhalb der Schule zu formen. Und eine gewisse Skepsis gegenüber den Begehrlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft ist auch nicht schlecht. Diese Hektik und Verunsicherung sind nicht gut für die Kinder.

Führen die Reformbemühungen zu einer Schule, in der man lernt, was man können muss?
Koller:Bis vor etwa zehn Jahren hatten wir ein offeneres System. Heute besteht die Gefahr, dass sich initiative Lehrer durch zu viele Reformen, die oft wenig mit unserer Arbeit im Klassenzimmer zu tun haben, eingeschränkt fühlen. Als ich 40 war, war ich froh, nochmals 25 Jahre lang als Lehrer arbeiten zu können. Heute denke ich nicht mehr so.

Pädagogen geben unter diesem Druck auch auf.
Koller: Leider gerade auch gute Lehrkräfte. Viele sehen den Primarlehrerberuf nicht mehr als Lebensaufgabe. Aber wenn wir uns verzetteln und uns nicht mehr genügend auf unsere Hauptaufgabe konzentrieren können, ist diese Entwicklung logisch.

Ist die Arbeit im Schulzimmer aus dem bildungspolitischen und -pädagogischen Blickfeld geraten?
Koller: Das kann ich nicht so sagen. Man spricht häufig über modernem Unterricht, Lehrmittel oder Elternarbeit. Aber nicht immer, worum es wirklich geht. Beispielsweise brauchen wir die Eltern für die Erziehung und nicht nur fürs Kuchenbacken. Wir müssen sie in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützen. Es genügt nicht, Eltern auf die Schwierigkeiten ihres Kindes hinzuweisen, ohne Lösungen aufzuzeigen, wie diese überwunden werden können.

Gibt es zu viel Fassadenpflege?
Koller:Aufgrund zu vieler Reformen leidet manchmal die wichtigste Arbeit – der Unterricht in den Kernkompetenzen. Viele Lehrkräfte sind offen für Reformen, aber Kritik an übereilten Veränderungen muss legitim sein.

Besteht Druck, der an die Front – in die Schule – weitergegeben wird?
Koller:Leider verzetteln sich Schulen mit zu vielen Projekten. Warum lehren wir die Kinder nicht einfach lesen, rechnen und schreiben? Fundiert, ruhig und kontinuierlich. Noch zu viele Schüler verlassen die Primarstufe entmutigt – trotz grossen Einsatzes der Lehrpersonen. Ich hatte schon Kinder, die kaum die Buchstaben lernten. Eines davon ist heute Lehrer. Ein Bub lag ein halbes Jahr unter dem Tisch, heute ist er Ingenieur.

Herrscht nicht die Tendenz, wie sie auch Bueb beschreibt, Kinder nicht so zu führen, wie sie es brauchen würden? Sie mit Selbstlernkompetenz und anderen schönen Worten zu früh allein zu lassen?
Koller: Lernen ist Beziehung. Beziehung und Begleitung. Früher haben wir «Schibli um Schibli» gelernt. Immer streng begleitet vom Lehrer. So war es für mich als Sohn einer Heimarbeiterin möglich, in eine Sekundarschule zu gehen. Heute bleibt für dieses Kerngeschäft zu wenig Zeit.

Werden Sie bis zur Pensionierung durchhalten?
Koller: Sicher, ich habe einen schönen Beruf. Ich mache mir zwar Sorgen, gebe aber nicht auf.


Henri Koller, 58, ist Primarlehrer in Abtwil. Er studierte Pädagogik, Didaktik und Geschichte an der Universität in Zürich und ist diplomierter Individualpsychologe. An der Kantonsschule Burggraben in St. Gallen und an der Maturitätsschule für Erwachsene unterrichtet er Psychologie.

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