Schrift-Geheimnisse

Zeichen und Buchstaben sind mehrere Jahrtausende alt. Mit der Gewohnheit, etwas mittels Schrift festzuhalten, entsteht auch das Bedürfnis, Informationen zu verschlüsseln. Rolf App

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So hat es angefangen: Mit der in Mesopotamien entwickelten Keilschrift.

So hat es angefangen: Mit der in Mesopotamien entwickelten Keilschrift.

Der Text hat die Forscher jahrelang beschäftigt, und am Ende hat der Computer das Rätsel dieser 75 000 Zeichen gelöst – zusammen mit den Wissenschaftern, die ihn auf die richtige Spur gebracht haben. Wenige Tage ist das her; seither ist der Codex Copiale, angeblich nach dem Mauerfall in einem Ostberliner Archiv aufgetaucht, kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Er enthält die Initiationsriten einer deutschen Geheimgesellschaft aus dem 18. Jahrhundert. Zu einer Geheimgesellschaft gehört auch eine Geheimschrift.

Der Stein von Rosette

Schrift und Geheimschrift sind Geschwister, so wie verschlüsseln und entschlüsseln zusammengehören. Die Geheimgesellschaft wollte ihren Codex vor dem Auge Nichteingeweihter schützen, das ist ihr gut gelungen. In einem andern Fall, dem 1799 entdeckten «Stein von Rosette», folgten auf die (noch) rätselhaften Hieroglyphen eine volkstümliche Form des Ägyptischen – das Demotische – und das Griechische. Derselbe Text in drei Sprachen, das ist der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen, geleistet 1822 von Jean-François Champollion. 1400 Jahre haben die Hieroglyphen ihr Geheimnis bewahrt.

Wann die Geschichte der Schrift beginnt, ist nicht so recht klar. Mesopotamien wird als Ursprungsland genannt, wo um 3200 vor Christus Tontäfelchen mit Warenlisten und Aufrechnungen auftauchen. In den Städten der Sumerer wird Buch geführt, Kaufleute und Beamte beginnen, sich nicht mehr nur auf ihr Gedächtnis zu verlassen. Ihr Besitz ist ihnen wichtig.

Am Anfang: Die Keilschrift

Daraus entsteht die sogenannte Keilschrift, die mit Piktogrammen arbeitet – stark stilisierten Zeichen für einzelne Gegenstände. Wobei im Donaugebiet und in Ägypten im letzten Jahrzehnt Schriftfunde dank neuer Methoden umdatiert wurden. Sie haben die mesopotamische Keilschrift altersmässig überholt.

Schriften wie die Keilschrift oder auch die Hieroglyphen haben ihre Grenzen. Bis zur griechisch-römischen Zeit waren 600 bis 700 Zeichen im Gebrauch, danach sogar rund 6000. Für jeden Gegenstand braucht es ein Zeichen, ausserdem müssen die bildhaften Symbole auch Nichtbildhaftes darstellen können. Diese Schrift konnten nur Schriftgelehrte verwenden und verstehen.

Platons Misstrauen

Doch war es nicht selbstverständlich, dass die Schrift einen Fortschritt bedeutet. Immer wieder hat es Kulturen ohne Schrift gegeben, in ihnen sind dafür andere Fertigkeiten gepflegt worden. Der griechische Philosoph Platon zum Beispiel war der Meinung, die Schrift lasse die Merkfähigkeit des Menschen verkümmern. Alles in allem aber hat der Siegeszug der Schrift nur wenige Winkel der Erde unberührt gelassen. Und mit dem Aufkommen der Lautschrift, dem Alphabet, ist sie Allgemeingut geworden.

Sie entsteht in einer Region mit regem Kulturaustausch, dem Nahen Osten. Drei Schriftkulturkreise stossen hier aufeinander, und es ist schwer, sich sprachlich zurechtzufinden. So entsteht um 1200 vor Christus im syrisch-palästinensischen Raum aus der demotischen Schrift Ägyptens durch Vereinfachung eine Schrift, die mit nur 22 Zeichen auskommt. Jedes Wort wird nun in Laute zerlegt, denen jeweils ein Zeichen entspricht.

So bildet sich die Urform aller Buchstabenschriften heraus, zu deren Familie nicht nur die griechische, kyrillische und lateinische Schrift gehören – und damit unsere eigene –, sondern auch die arabische, die hebräische und die indische.

Mitwisser ausschliessen

Schrift dient der Mitteilung, doch manche Mitteilungen sind derart heikel, dass der Kreis der Mitwisser klein gehalten werden muss. Zum Beispiel im militärischen Bereich. Oder im Wirtschaftlichen. Damit schliesst sich der Kreis zurück zu den Geheimschriften, die sich ganz unterschiedlicher Techniken bedienen. Bis heute, da die moderne Kryptographie mit mathematischen Mitteln Informationen verschlüsselt.

Caesars Geheimschrift

Begonnen hat die Kryptographie mit Gaius Julius Caesar. Er hat auf irgendwelche Geheimzeichen verzichtet, dafür aber bei den Übersetzungsvorschriften immer wieder gewechselt, indem er zwei zueinander verschobene Alphabete übereinander legte. Allein aus dieser einfachen Methode ergeben sich 26 verschiedene Schlüssel.

Der anfangs erwähnte Codex Copiale ist ungleich komplizierter gebaut. Griechische Buchstaben, lateinische Buchstaben, abstrakte Zeichen und Akzente folgen einander ohne Zwischenraum, und erst der Computer hat bestimmte Muster sichtbar gemacht. Was sie bedeuten, mussten allerdings Menschen erraten.