Schon so dunkel! Vier Minuten Sonnenlicht verlieren wir aktuell jeden Tag

Gerade scheinen die Tage nicht langsam, sondern rasant kürzer zu werden. Die Erklärung dafür hat mit Physik und Psychologie zu tun.

Dominik Schlegel
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Dämmerung im Herbst.

Dämmerung im Herbst.

(Bild: Andreas Walker)

Am Dienstag, 22. September, war es wieder soweit. Die Sonne stand eine gewisse Zeit genau über dem Äquator und teilte den Tag in exakt 12 Stunden Helligkeit und Dunkelheit ein. In der Fachsprache nennt man das Äquinoktium oder eben Tag- und Nachtgleiche. Von nun wird es nur noch dunkler, der Herbst hat begonnen. Es ist uns längst schmerzlichst aufgefallen: Anstatt die letzten Sonnenstrahlen geniessen zu können, müssen wir die abendliche Jogging- oder Bikerunde plötzlich wieder mit Stirnlampe absolvieren. Oder wir fragen uns schon seit einigen Tagen beim morgendlichen Klingeln des Weckers, ob es denn wirklich schon wieder Zeit zum Aufstehen sein kann, bei dieser Dunkelheit, die draussen noch herrscht.

Natürlich wissen wir, dass dieser unerbittliche Rhythmus mit der Neigung der Erdachse zusammenhängt. Aber warum kommt es uns so vor, als ob die Tage fast auf einen Schlag kürzer werden würden? Eine Erklärung liefert sowohl die Mathematik der Himmelskörper als auch die grundlegende Psyche des Menschen.

Die pendelnde Sonne

Was viele nicht wissen: Die Tageslänge ändert sich im Verlauf des Jahres nicht kontinuierlich, sondern schwingt wie ein Pendel zwischen dem längsten Tag im Juni und dem kürzesten im Dezember hin und her, wobei es sich an den Endpunkten am langsamsten bewegt. Zeichnet man diese Bewegung auf, ergibt sich eine geschwungene Kurve, die unsere subjektiven Eindrücke bestätigt:

Die Tageslänge variiert beträchtlich, sie verdoppelt sich von rund acht Stunden im Winter bis auf 16 Stunden im Sommer, und wieder zurück. Dabei ist die tägliche Veränderung an den Extrempolen mit einer Minute kaum wahrnehmbar, im Herbst und Frühling jedoch beträgt sie bis zu vier Minuten. Das heisst, von September bis Oktober verlieren wir pro Woche rund eine halbe Stunde, was wir dann beim morgendlichen Pendeln zur Arbeit oder dem abendlichen Frösteln im Garten plötzlich wehmütig wahrnehmen.

Anders ausgedrückt, wenn der Skitag an Neujahr sieben Minuten länger dauert als an Weihnachten, bemerkt das niemand, wenn ich den Sonntagsspaziergang im September aber im Gegensatz zu letzter Woche plötzlich im Dunkeln beenden muss, fällt das deutlich stärker auf. Da langsame Veränderungen schwerer wahrzunehmen sind, überkommt uns die Erkenntnis nicht allmählich, sondern meistens ganz überraschend. Aus demselben Grund bemerken wir auch lange nicht, wie schnell unsere Kinder heranwachsen, während die Grosseltern beim Besuchen jedes Mal erstaunt feststellen, «wie gross sie schon geworden sind».

Rituale zum Sonnenjahr

Kein Wunder hinterliess dieser die Natur und alles Leben dominierende Rhythmus schon in den ersten menschlichen Kulturen tiefen Eindruck, insbesondere da sie noch stärker direkt davon betroffen und abhängig waren. Der Winter war eine harte Zeit, in der es nicht selten schlichtweg ums Überleben ging.

Viele steinzeitliche Monumente und Kultplätze, am berühmtesten ist Stonehenge in Südengland, sind deshalb nach den Sonnenständen der Wendepunkte ausgerichtet, und viele uralte Bräuche wie das schwedische Midsommar zelebrieren im Juni den Höchststand der Sonne. Und um die Zeit der Sonnenwende im Dezember das Wiederkehren der lebensspendenden Gottheit. Die heidnischen Rituale flossen auch ins Christentum ein, und so feiert heute praktisch der gesamte Erdball jeden Winter den kürzesten Tag und die längste Nacht des Jahres – Weihnachten eben.