Schöne Töne

…Es gibt Lieder, die einen an einen Ort entführen, an den man sich nicht mehr erinnert, wo es aber wunderschön ist… Er winkte schon von weitem. Mein Spinning-Lehrer. Ich winkte zurück.

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…Es gibt Lieder, die einen an einen Ort entführen, an den man sich nicht mehr erinnert, wo es aber wunderschön ist…

Er winkte schon von weitem. Mein Spinning-Lehrer. Ich winkte zurück. Nett ist er eigentlich schon, und ich war gut gelaunt an diesem frühen Sonntagmorgen. Ich stellte mein Velo ab. «Hey, heute machen wir neunzig Minuten!», meinte er und ging schon mal ins Studio. Ich stand da bei meinem Velo und spürte die Morgensonne im Nacken.

Soll ich da wirklich mittreten? Zu Musik, die mich nicht nur zwingt, mein Hirn auszuschalten, sondern oft auch meine Ohren? An einem herrlichen Herbsttag? Ich dachte an meine neue CD und schlich am Spinning-Raum vorbei, zurück zu meinem Drahtesel.

Es konnte nicht mehr schnell genug gehen. Wie wild drehte ich am iPod-Rad. Jojo Burger Tempest. Meine neue Liebe. Song 1. Do A Stunt. Den machte ich kurz nach Speicher. Ich war in einem unglaublichen Hoch und fuhr mit geschlossenen Augen.

Versuchte mich dann aber doch etwas mehr zu konzentrieren. Der Tag erwachte mehr und mehr. Die CD passte perfekt. Ich alleine auf der Strasse. Die Beats trugen mich weg. Ich tanzte auf Wolken davon.

Ich raste den Ruppen runter, hoch zum Stoss. Ein Typ hupte und streckte mir eine Mineralwasserflasche entgegen. Ich war gerührt, trotzdem nervte er mich, ich wollte alleine auf meinem Egotrip fortfahren und drehte die Lautstärke aufs Maximum. Wie sichs wohl richtig gedopt fährt?

Am Stoss angekommen, winkte ich den Leuten im offnen Zugabteil zurück, die sichtlich erfreut waren, den Höger runterzudüsen, und ich dachte, wie viel besser ichs doch hab. Ich radelte weiter und weiter. Farbige Blätter schaukelten von den Bäumen, ich untendurch. Song 3 gab mir den Rest, ich segelte, ich flog, ich irrte, ich blühte. Vergass mich völlig und erwachte in einer Gasse im tiefen Appenzell. Wo bin ich? Hallo? Ich riss die Kopfhörer aus den Ohren. Mein Atem war ruhig. Mein Kopf hämmerte.

«Ou, hondsiesich verfahre?» Zwei Mitleid habende alte Appenzeller erklärten mir meinen Nachhauseweg. Ich winkte ein drittes Mal – und fuhr ohne Musik genügsam Richtung St. Gallen.

Working for a Nuclear Free City: Autoblue Jojo Burger Tempest, 2010

Janine Braun