Schluss mit klassisch

Die weisse Bluse, das kleine Schwarze – es gibt Kleider, die darf man eigentlich nicht kritisieren. Hier trotzdem ein Plädoyer gegen die grossen Klassiker.

Caroline Brändli
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Objekte von vermeintlich unantastbarer Klasse gibt es in der Mode einige. Sie werden regelmässig auf Listen mit sogenannten «Must-haves» aufgezählt und gelten als Basis jeder stilvollen Garderobe. Modemagazine widmen ihnen im Sommerloch gerne ganze Fotostrecken, in denen ihre Vielseitigkeit in Wort und Bild ausgeführt wird. Dabei sind sie eigentlich nur eines, langweilig. Aber beginnen wir von vorne.

Der Trenchcoat

«Was bitte schön willst du gegen den Trenchcoat schreiben?» Meine Kollegin versank in offensichtlichem Unverständnis. «Unter einem Trenchcoat», dozierte sie, «kann man tragen, was man will – zum Beispiel einen lumpigen Trainer –, und man ist trotzdem stadtfein.» Sie hat recht. Aber ich blieb dabei: Trenchcoats sind grässlich. Weil Beige eine ganz üble Farbe ist, wenn man blass ist wie die meisten Schweizer Frauen. (Und Trenchcoats in anderen Farben sind keine echten Trenchcoats.) Weil man in einem Trenchcoat wie ein drittklassiger Geheimagent aussieht und weil nicht alles, was nach «Burberry» aussieht, automatisch Stil hat, schon gar nicht, wenn jede Zweite damit rumrennt, wie in diesem Frühling. Zudem schreien Trenchcoats förmlich nach: «Ich habe in einen zeitlosen Klassiker investiert» und signalisieren dadurch Mutlosigkeit.

Die Alternative: Ebenso hübsch, vielleicht sogar etwas schnittiger und schlichter, sind Mäntel in A-Linie. Bei ihnen fällt im Gegensatz zu den in der Taille gegürteten Modellen auch die akute Presswurst-Gefahr weg.

Der Bleistiftjupe

An sich ist dieses Kleidungsstück ja eine tolle Sache: Es betont Taille, Hüfte und Beine. Und das auf durchaus reizvolle Art, und zwar nicht nur bei Topmodels.

Gerade bei molligen Frauen bringt der etwas längere, eng geschnittene Jupe die Kurven perfekt zur Geltung. Das Problem mit dem Bleistiftrock ist, dass er eine, sagen wir, sehr direkte Art von Sex Appeal ausstrahlt. Es ist eine Mischung aus Powerfrau, gepaart mit adrettem Sekretärinnen-Charme. Das ist zwar durchaus reizvoll, aber seien wir ehrlich: Nicht jede Frau möchte in ihrem Alltag dieses Image transportieren.

Einen perfekt sitzenden Bleistiftrock zu tragen, ist, als ob man eine geladene Waffe in die Hand gedrückt bekommt: Die einen fühlen sich damit wohl und mächtig, die andern wie kurz vor der Katastrophe.

Die Alternative: Alle, die mit dem Bleistiftrock nichts anfangen können, sollten es mal mit einem Tellerrock (grosses Bild) probieren.

Dieses von den Fünfzigerjahren inspirierte Stück transportiert genau jene Art von Unschuld, die dem Bleistiftrock offensichtlich fehlt, ohne dabei im Bereich «Weiblichkeit» hinterherzuhinken.

Das kleine Schwarze

Gegen diesen Klassiker anzuschreiben, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Denn mit keinem anderen Kleidungsstück kann man (mit minimalen Modifikationen in den Accessoires) sowohl im Büro, in der Freizeit als auch beim formellen Anlass eine gute Figur machen.

Das hier ist vielmehr ein Plädoyer für all die bunten Alternativen im Kleiderbereich. Viele Frauen vergessen, wie schmeichelhaft und einfach satte, leuchtende Farben zu tragen sind.

Klar, Schwarz ist sicher. Schwarz ist stilvoll. Schwarz macht schlank. Schwarz passt immer. Aber was ist mit der berauschenden Wirkung von Rot, der edlen Überlegenheit eines tiefen Smaragdgrüns oder der strahlenden Zuversicht eines satten Pinks? Wer wirklich Eindruck machen und wirklich in Erinnerung bleiben will, bekennt Farbe.

Die Alternative: Farbe muss her. Für all die Tage, an denen man nicht nur auf ein Unentschieden, sondern auf Sieg spielen will. Sie kennen Ihre Powerpalette nicht? Probieren geht über Studieren. Fangen Sie bei sattem Kornblau an, testen Sie sich im Laden über Pink und Grün bis zu schrillen Tönen durch. Vielleicht erleben Sie ja Ihr gelbes Wunder.

Die weisse Bluse

Unschlagbar vielseitig, sportlich und doch edel, ein Muss für jede Frau: Die Lobeshymnen auf die weisse Bluse sind meist lang und überzeugend nüchtern. Was dabei vergessen geht: Blusen wollen irgendwann gebügelt oder sogar gestärkt werden. Weiss zieht – mindestens wenn es von mir getragen wird – Flecken an. Weisse Blusen kommen mir vor wie anstrengende Geliebte: Man macht mit ihnen zwar eine gute Figur, bezahlt dafür aber einen hohen Preis.

Die Alternative: Lang lebe das weisse T-Shirt. Zugegeben: Bei einem gehobeneren Dresscode in einem Büro kann das T-Shirt mit der Bluse nicht mithalten. Aber im Wechselspiel zwischen körperbetonender Sexiness und Sportlichkeit macht man darin immer eine tolle Figur.