Von ihm wollen alle mehr: Wie kommen wir zu mehr Schlaf?
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Von ihm wollen alle mehr: Wie kommen wir zu mehr Schlaf?

Guter Schlaf ist zu einem Luxus geworden, für den wir bereit sind, zu bezahlen. Notfalls wird mit Medikamenten nachgeholfen. Doch was hilft wirklich gegen Schlaflosigkeit?

Katja Fischer De Santi und Bruno Knellwolf
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Einen Drittel unseres Lebens verbringen wir im Bett. Aber jeder dritte Erwachsene sagt, er habe Mühe mit Ein- und Durchschlafen. Müde und damit unfähig zu einer Leistung zu sein, ist eine grosse Angst unserer Zeit. Wir haben mit drei Experten darüber gesprochen, was uns besser schlafen lässt. 


Hypnose soll bei Schlafproblemen helfen

Hypnosetherapeuten versprechen, selbst hartnäckigste Schlafstörungen kurieren zu können. Ein Versuch mit dem Unterbewusstsein.

Barbara Müller-KüttHypnosetherapeutin aus Sursee

Barbara Müller-Kütt
Hypnosetherapeutin aus Sursee 

Bild: zvg

«Du liegst am Strand, die Sonne wärmt dich, draussen auf dem Meer segelt ein grosses Schiff vorbei.» Barbara Müller-Kütt spricht mit ruhiger Stimme, ich höre ihr mit geschlossenen Augen zu. Sitze statt am Strand jedoch in einem Sessel in einem kahlen Büro an der Bahnhofstrasse in Zürich. Sie erzählt von «loslassen» und «tiefer sinken», «immer tiefer». Mein Körper fühlt sich schwer an. Bin ich jetzt hypnotisiert oder nur müde?

Die Hypnotherapeutin Barbara Müller-Kütt hat nach eigenen Angaben schon rund hundert Patienten zu besserem Schlaf verholfen. Bei leichteren Fällen würden schon zwei Sitzungen à 50 Minuten ausreichen, damit Menschen, die jahrelang nur mit starken Schlafmitteln ins Bett gingen, wieder selbst in den Schlaf finden. Müller beschäftigt sich seit 2005 mit Hypnose. Davor hat die Mutter von sechs Kindern ein Fitnesscenter geleitet und eine Kinderkrippe aufgebaut. Heute ist sie Geschäftsführerin der Hypnowell GmbH, mit Sitz in Sursee. Sie sagt:

«Ich habe weder den stechenden Blick, noch eine andere spezielle Begabung.»

Jede Mutter brauche Hypnose, wenn ihr Kind sich das Knie aufschürft und sie sage: Ich blase nun dreimal, und dann ist der Schmerz weg. Denn Hypnose sei unter anderem eine Technik zur Verschiebung der Erwartungshaltung. Sie helfe, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, das Gedankenkarussell, das viele vom Schlafen abhält, abzustellen, erklärt die Therapeutin.

Auch Abenteurer Bertrand Piccard schwört auf (Selbst)-Hypnose, um bei seinen Rekordflügen innert kürzester Zeit Schlaf zu finden. Und immer öfter setzen klassische Schulmediziner auf die Kraft der geführten Trance. Auch Barbara Müller arbeitet eng mit Ärzten und Psychotherapeuten zusammen.

«Zu mir kommen fast nur Patienten, die jahrelang nicht mehr gut schlafen, in der Schlafklinik waren, alles abgeklärt haben.»

Sie habe eine junge Patientin, die seit Jahren nicht mehr als drei Stunden schlafen könne. Kein Arzt habe bisher eine Ursache feststellen können. «Die Frau ist eigentlich gesund, aber komplett erschöpft. Mit ihr arbeitet Müller-Kütt zuerst mit Suggestionen: gesprochene, positive Botschaften an das Unterbewusstsein. Im nächsten Schritt folge dann eine leichte Trance. Eine Art Rückführung, denn in der Tiefentspannung hätten die Menschen einen besseren Zugang zu ihrer Gefühlswelt. «Ich leite sie mit Fragen dorthin wo das Körpergefühl, das sie nicht schlafen lässt, zum ersten Mal entstanden ist.» Viele Menschen haben Respekt vor der Hypnose, weil sie einen Kontrollverlust befürchten. Diese Angst sei unbegründet, sagt Müller. «Ich kann nichts gegen ihren Willen mit ihnen tun.» Zudem seien die allerwenigsten Menschen überhaupt fähig, in eine ganz tiefe Trance zu fallen.

Auch ich bin bei meiner ersten Sitzung zwar schläfrig geworden, aber wach geblieben, zumindest glaubte ich das. Doch als ich die Audiodatei der Sitzung anhöre, erinnere ich mich nicht mehr an alles Gesagte. Vom tiefen, erholsamen Schlaf ist da viel die Rede. Am Morgen nach der Hypnosetherapie werde ich seit langer Zeit zum ersten Mal wieder vom Wecker geweckt – normalerweise liege ich dann schon wach.

Katja Fischer De Santi


Die richtige Matratze: auf 7-fach-Kaltschaum gebettet

Guter Schlaf ist Luxus und Matratzen das Produkt dazu. Darum kauft man heute personalisierte Schlafsysteme bei der Liegeexpertin.

Doreen SchellhaseSchlaf-  und Liegeexpertin, St.Gallen.

Doreen Schellhase
Schlaf- und Liegeexpertin, St.Gallen.  

Bild: zvg

Man kann seine neue Matratze bei einem Möbelhaus aus einem Regal zerren. Man kann sie auch online bestellen, dann hat die Matratze einen lustigen Vornamen und wird von jungen Start-up-Menschen verschickt. Wer aber bei Doreen Schellhase eine Matratze kauft, der hat es vielleicht im Rücken, wälzt sich nachts mehr, als er schläft oder findet, dass das Ehebett nach 20 Jahren eine Auffrischung nötig hätte. Denn wie man sich bettet, so schläft man, davon ist Doreen Schellhase überzeugt und davon überzeugt sie täglich ihre Kunden. Die Ostschweizerin ist Liege- und Schlafberaterin im Bettenhaus Thönig. Wer zu ihr kommen will, der bucht vorher einen Termin. Denn so ein Matratzenkauf dauert und kostet.

Seit mehr als 40 Jahren gibt es das Bettenhaus Thönig in St. Gallen. 40 Jahre in denen der Schlaf von der Notwendigkeit zum Luxusgut geworden ist und die Matratzenverkäuferin zur zertifizierten Schlafberaterin.

Zwar gibt es kaum wissenschaftliche Studien, die den Zusammenhang der Matratzenqualität mit der Schlafqualität belegen, aber jeder weiss von Horrornächten in zu harten oder zu weichen Betten zu berichten. In Luxus-Matratzen kumuliert sich der Wunsch, mit neuster Technologie den alten Traum vom perfekten Schlaf zu erfüllen. Latexkerne kann man haben oder thermisch gehärtete Tonnentaschenfedern. Für die punktgenaue Druckentlastung gibt es 7-Zonen-Komfortschaum, Resilence Schaum oder Thermoschaum. Doreen Schellhase beruhigt:

«Das müssen sie alles gar nicht wissen. Sie legen sich jetzt einfach auf diese Matratze und sagen mir, wie es sich anfühlt.»

Sie weiss zu diesem Zeitpunkt schon fast alles über meinen Schlaf. Wie viel ich wiege, was ich arbeite, welche Schmerzen ich habe, ob ich schwitze oder friere, wie lange ich schlafe. Die vorgängige Liege- und Schlafanalyse hat alles zu Tage gebracht. Das Fazit: In meinem Zimmer ist es etwas zu warm, 19 bis 20 Grad wären ideal. Ich sollte das Fenster besser schliessen; Zugluft ist Gift. Mein Kissen ist wohl zu dick, meine Matratze zu alt, meine Schlafhygiene mittelmässig. Fast ein Wunder, dass ich trotzdem meistens gut schlafe. Schellhase sagt:

«Unser Körper gewöhnt sich an vieles, darum finden wir die durchgelegene Matratze bequemer als die teure, neue.»

Schellhase weiter: «Aber wenn sich ihre Wirbelsäule in der Nacht nicht entspannen kann, sich die Bandscheiben nicht regenerieren, dann werden sie das irgendwann zu spüren bekommen.»

Von «Fluchtpositionen» spricht sie denn auch, als sie mich auf dem ersten Bett liegen sieht. «Die Matratze ist zu hart für Sie. Sie versuchen den Druck mit einer verkrümmten Position auszugleichen.» Die meisten Menschen würden auf einer zu harten Unterlage schlafen. «Dieser Irrglaube halte sich hartnäckig. «Schultern sind zu hoch, nicht gut» oder «das Becken ist nicht gerade», lautet denn auch mehrmals das Verdikt der Liegeexpertin. Nach zwei Stunden hätte ich mein neues «Schlafsystem» inklusive Lattenrost und Kissen zusammen. Kostenpunkt 2500 Franken. Zu Hause lege ich mich auf meine alte Matratze, in bewährter aber ungesunder «Fluchtposition» und träume von «sanfter Druckentlastung» durch «7-fach Kaltschaum».

Katja Fischer De Santi


Zu gestresst, um zu schlafen – die Psychotherapeutin hilft

Wer über längere Zeit schlecht schläft, wird leichter depressiv. Kontrollierter Schlafentzug kann helfen, sagt die Psychotherapeutin.

Dagmar SchmidLeiterin der Klinik für Psychosomatik, St. Gallen.

Dagmar Schmid
Leiterin der Klinik für Psychosomatik, St. Gallen. 

Bild: zvg

Mehr als die Hälfte der depressiven Patienten, die in ihren Behandlungsraum kommen und sich auf die Couch setzen, haben Schlafstörungen. Wobei, sagt Dagmar Schmid, die Reihenfolge nicht immer klar sei: Kommen die Depressionen wegen des schlechten Schlafs, oder führen die psychischen Störungen zu mangelndem Schlaf? «Schlechter Schlaf kann sowohl Vorbote einer Depression sein als auch psychische Erkrankungen begünstigen», sagt die Leiterin der Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie am Kantonsspital St. Gallen.

Typisch für eine depressive Erkrankung sind Schlafstörungen sowie frühes Erwachen am Morgen. Sicher ist: Schlaf ist entscheidend für unsere psychische und physische Gesundheit – schon bei jungen Menschen kann eine Stunde weniger Schlaf als gewohnt über eine Woche zu Konzentrationsmängeln und Aufmerksamkeitsdefiziten führen.

«Möglicherweise trägt der oft gestörte Schlaf auch zu Pseudodemenzen bei.»

Auch die Emotionsregulierung sei stark abhängig von Schlaferholung, erklärt Schmid. Müde fühlt man sich, verzweifelt schneller.

Damit nicht genug, auch die Appetit-Regulierung und die Schlaf-Wach-Regulierung gehören eng zusammen. «Der Body-Mass-Index korreliert mit der Schlafdauer, wie eine Studie zeigt. Das Abnehmen ist für Menschen mit Schlafstörungen deutlich schwieriger», erklärt Schmid.

Nicht nur die Auswirkungen fehlenden Schlafs sind vielfältig, auch die Ursachen.

«Unbestritten stört Stress den Schlaf und wirkt sich auf unsere Psyche aus.»

Für den Abbau von Stress brauchen wir einen erholsamen Schlaf. Ein Teufelskreis. Werden wegen dauernder Anspannung zu viele Stresshormone gebildet, kommt die Stresshormonachse aus dem Gleichgewicht. Abbauprodukte, die sich im Hirn ansammeln, werden vor allem im Schlaf abgebaut und im Blutsystem entsorgt. Dazu brauche es aber noch mehr Forschung.

Auch zu viel Schlaf kann ungesund sein, weil wir dann zu wenig Bewegung und Licht haben, die beide antidepressiv wirken. Ein weiterer Stimmungsaufheller ist paradoxerweise der Schlafentzug, der auch ein wichtiger Bestandteil einer Depressionsbehandlung ist. In einer Wachtherapie werden die Patienten in der zweiten Nachthälfte geweckt und müssen bis zum folgenden Abend wach bleiben. «Schon ein Kurzschlaf von zwei, drei Minuten kann die Wirkung der Massnahme zunichtemachen», sagt Schmid. Schlafentzug führt bei vielen Patienten zu einer kurzfristigen Stimmungsaufhellung und dazu, dass sie am Abend wirklich müde ins Bett gehen.

Zwar ist die verhaltenstherapeutische Psychotherapie bei Schlafstörung für Schmid die erste Wahl. Sie beinhaltet neben Aufklärung über Schlafregulation und Stress vor allem Techniken zur Schlafhygiene und zum Gedankenstopp, zu Bettzeitenrestriktion und Entspannungsverfahren. Eine Kombination mit Medikamenten kann manchmal unumgänglich sein. Dagmar Schmid setzt neben pflanzlichen Präparaten, wie Baldrian und Hopfen, sedierende Antidepressiva, Neuroleptika und Antiepileptika ein, die in der Regel nicht abhängig machen, gleich wie Melatonin-Präparate.

Bruno Knellwolf

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