Schlauer schenken

Kinder- und Jugendbücher Entdecken, Erleben, auf andere Ideen kommen: Der schnellste Weg dorthin liegt zwischen Buchdeckeln. Wir empfehlen Alltagsreisen zum Ausleihen, die auch gut unter den Weihnachtsbaum passen. Bettina Kugler

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Der Fuchs wittert: Mäusefleisch, zart und in der Abendsonne fein temperiert. Kaum setzt er zum Sprung an, ist das kleine Fräulein schon weg, ab durchs Kellerfenster... und dann riecht es gar nicht mehr nach Maus, sondern eigenartig nach Papier. Der Magen bleibt leer, bald aber locken Genüsse anderer Art, denn unversehens ist Dummfuchs im Paradies gelandet. Einem Ort, dessen Namen er nicht einmal recht auszusprechen vermag: «Pippilothek???» (ab 5, Atlantis, 24.80). Lorenz Pauli und die Basler Illustratorin Kathrin Schärer haben diese verschmitzte Fabel im Auftrag der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen Bibliotheken ausgeheckt – einen unwiderstehlichen Leseverführer für alle, die nicht schon ohnehin angefressen sind, und obendrein ein kleiner Knigge für öffentliche Lesefüchse. So freundlich kamen die Benutzungsregeln selten ans Kind; etwa, dass man ausgelesene Bücher zurückstellt... Was bei unseren Weihnachtstips zum Verschenken schwerfallen dürfte.

Welches Kind hört schon gerne auf, «Gugus? Dada!» (ab 2, aracari, Fr. 19.90) zu spielen? An Mensch und Tier erkundet Claudia de Weck mit schwungvollem Strich die unbegrenzten Möglichkeiten des Versteckis – und die Wiedersehensfreude mit jeder umgeblätterten Kartonseite. Schöner kann man Menschen, die gerade erst gelernt haben, auf eigenen Beinen zu gehen, kaum zeigen, welche Lust sich auf bedrucktem Papier versteckt und enthüllt.

Zappelmänner und -mädchen kommen in Theodor Storms Einschlaf-Klassiker «Der kleine Häwelmann» (ab 4, Diogenes, Fr. 28.90): Denn Illustratorin Tatjana Hauptmann fühlt sich ins nächtliche Drama aus Kindessicht ein und lässt das Rollenbett am Himmel schaukeln wie eine Nussschale auf dem Ozean... was vorlesenden Grossen vor Augen führt, dass es mit einem energischen «Mach jetzt schnell die Äuglein zu» nicht getan ist.

Ein weiterer Klassiker, allerdings für grössere Kinder, gediegen nacherzählt von Barbara Kindermann und mit Sinn für Theatralik illustriert von Willi Glasauer, ist Heinrich von Kleists «Der zerbrochne Krug» (ab 8, Kindermann Weltliteratur für Kinder, Fr. 22.50). Das Bilderbuch weckt die Neugier auf grosse literarische Stoffe, bevor sie zum Schulstoff verkümmern. Auch als sinnlicher Einstieg in die Lektüre mit der Klasse sind die Bände der Reihe keineswegs «Babykram» – sondern Bücher, die man in jedem Alter mit Lust zur Hand nimmt.

Gedichte sprudeln den Kleinsten leichthin aus dem Mund: Ein Sprachfeuerwerk, das beständig nach neuem Zündstoff Ausschau hält. Umso schöner, beim Vorlesen Gedichte und Reime nicht zu vernachlässigen. Wer dazu eine Gedächtnisstütze braucht, hängt dem Kind (und sich selbst) den Arche-Kinderkalender 2012 (Fr. 25.–) übers Bett: Woche für Woche ein starkes Bild und eine lyrische Momentaufnahme aus Kindersicht, von zeitgenössischen Dichtern aus aller Welt, in Originalsprache und Übersetzung – ein Anker in der oft so belanglosen Wörterflut, in der wir täglich ertrinken. Zum Hin- und Herblättern, nicht nur, wenn mal wieder ein Poesiealbumblatt fällig ist, lädt die Sammlung «Wo kommen die Worte her?» (hrsg. von Hans-Joachim Gelberg, ab 6, Beltz & Gelberg, Fr. 28.50) ein: Das Beste in Kürze, mit vielen staunenswerten Illustrationen und Fundstücken aus dem Atelier bekannter Bilderbuchkünstler.

Den staunenden, nie um einen bildkräftigen Vergleich verlegenen Blicke von Kindern auf Wolken, Blumen und Tiere macht sich Reiner Kunze in seinen Gedichten für Kinder (und alle, die es gerne bleiben möchten) zu eigen – wozu die leuchtenden Aquarelle von Horst Sauerbruch bestens passen. «Was macht die Biene auf dem Meer? (ab 4, Fischer Schatzinsel), das würden wir wirklich gern wissen. Zum Glück gibt es Dichter, die uns mit Antworten überraschen können. Und Sachbuchautoren, die so anschaulich schreiben, dass auch Erwachsene besser durchblicken.

Einer von ihnen ist Wolfgang Korn: Er kann Globalisierung so gut erklären wie das allgegenwärtige Starwesen, in seinem neuen Buch nimmt er sich der kulturellen Vielfalt an, die im Einerlei der Fastfoodketten nur scheinbar in den Hintergrund tritt. «Was ist schon normal?» (ab 12, Fr. 21.90) ist eine spannende Entdeckungsreise von Grönland bis Australien und eine Einladung, Vertrautes nicht zum Mass aller Dinge zu machen.

Fehlt noch der (Vor-)Lesestoff. Herzwärmend und in Ordnung ist die Welt von Trottelpups, Zwiebackfuchs und Oktavia, die der Norweger Rune Belsvik in zarten Farben malt. «Vom kleinen Land am Bach» (ab 6, Gerstenberg, Fr. 21.90) erzählt Belsvik sagenhaft schön. Weniger beschaulich geht es in Hanna Johansens «Felis, der Kater» (ab 8, dtv Reihe Hanser, Fr. 11.90) zu, einem Roman für Katzenkenner und alle, die es werden wollen: Denn Johansen lässt nicht nur ihrer Phantasie freien Lauf, sondern versetzt sich ins Katzenfell – die Fakten sind biologisch hieb- und stichfest, die Geschichte so fein gestrichelt wie die Zeichnungen von Käthi Bhend.

Dass Buben nicht gern lesen, mag ein Gerücht sein; jedenfalls, so lange die Bücher von Mark Twain gedruckt werden. Im Jubiläumsjahr erschien unter anderem eine «Neuheit»: «Tom Sawyer als Detektiv» (ab 11, Hanser, Fr. 18.90). Nichts für artige Mädchen!

Umso mehr Maria Parrs «Sommersprossen auf den Knien» (ab 8, Dressler, Fr. 18.90): Die Heldin Tonje gilt unterdessen als neue Pippi Langstrumpf; allerdings sind ihre «verrückten» Ideen ein bisschen bodenständiger – und weniger egozentrisch. Ein wunderbarer Abstecher ins Kinderliteraturparadies Skandinavien, zu jeder Jahreszeit! Und sollte das Lesen dann doch mit der Zeit die Augen müde machen, ist es gut, das kunterbunte Familien-Spielebuch «Eins zwei drei und losgespielt» (ab 5, Beltz & Gelberg, Fr. 28.50) im Regal zu haben: zum Toben und Kräftemessen, für alle Sinne und grenzenlosen Spielspass, drinnen wie draussen.