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Interview

Gewalt in der Erziehung: Viele Eltern schlagen aus Überforderung

Rund die Hälfte der Schweizer Eltern straft ihre Kinder noch immer mit physischer Gewalt. Noch häufiger werden Kinder aber Opfer von Drohungen, Liebesentzug und Abwertungen. Eine Kampagne soll Eltern helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Laura Widmer
Die Kampagne von Kinderschutz Schweiz will Eltern sensibilisieren. (Bild: PD)

Die Kampagne von Kinderschutz Schweiz will Eltern sensibilisieren. (Bild: PD)

Levin hat versucht Spaghetti zu kochen. Weit ist er nicht gekommen, dafür sieht die Küche nun aus wie nach einer Explosion. Als seine Mutter die Sauerei entdeckt, setzt sie zu einer Schimpftirade an, und als Levin sich weigert, sofort aufzuräumen, reisst sie ihn grob an den Haaren, stösst ihn weg. Psychisch und physisch verletzende Bestrafungen als Erziehungsmittel sind in vielen Schweizer Familien Realität (siehe Studie der Universität Freiburg). Die Stiftung Kinderschutz Schweiz hat darum eine Sensibilisierungskampagne lanciert. Eltern sollen Ideen mitgegeben werden, wie sie in überfordernden Situationen reagieren könnten. «Zähl auf zehn, Mami», «Schau dich im Spiegel an, Papi», «Iss ein Stück Schokolade», schlagen die Kindern den Eltern in kurzen Videos vor. Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden und seit 30 Jahren im Kinderschutz tätig, weiss wie sehr körperliche und psychische Gewalt Kindern zusetzt. Von der Kampa­gne ist er trotzdem nicht ganz überzeugt.

Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden. (Bild: Keystone)

Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden. (Bild: Keystone)

Markus Wopmann, die Studie der Universität Freiburg liefert erschreckende Zahlen. Rund die Hälfte der Eltern hat schon einmal Gewalt gegen die eigenen Kindern ausgeübt. Wie erklären Sie sich diese Zahlen?

Die Gewalt als Erziehungsmodell ist selten, aber die Überforderung ist bei vielen Eltern ein Problem. Ein Streit kann sich hochschaukeln. Das Kind gibt Widerworte, und die Mutter verliert die Nerven. Die Ohrfeige ist oftmals Teil des Erziehungsrepertoires, als letzte Massnahme, nachdem mehrere Ermahnungen ausgesprochen wurden.

Um Ohrfeigen geht es in ihrem Alltag aber selten. Welche Fälle landen bei Ihnen?

Ich bin neben meiner Tätigkeit als Kinderarzt seit rund dreissig Jahren im Kinderschutz aktiv. Pro Jahr behandeln wir in Baden 60 bis 70 Fälle. Schwere körperliche Misshandlung ist sehr selten geworden. Was es heute häufig gibt, sind Kinder, die psychisch stark belastet sind. Dabei geht es um schwierige Familienverhältnisse, in denen die Kinder nicht misshandelt werden, aber viele Streitigkeiten und Gewaltausbrüche der Eltern miterleben müssen.

Das heisst, Eltern wenden häufiger psychische statt physische Gewalt an?

Ja, obwohl Eingrenzung schwierig ist. Im Graubereich ist der Klaps auf den Po. Provokativ könnte man sagen, das ist keine Gewalt. Psychische Gewalt in der Erziehung verläuft auf einem Spektrum. Dazu gehört die Abwertung des Kindes, es despektierlich behandeln und schlechtmachen, es verbal bedrohen. Viele Eltern beabsichtigen, ihrem Kind mit Worten weh zu tun oder drohen etwa, das Kind wegzu­geben.

Damit kann man ein Kind genauso verletzten wie mit Schlägen.

Das ist so. Wenn man das Kind ignoriert oder herabsetzt, über längere Zeit, dann ist das sehr grob und verletzend. Kleine Kinder können damit nicht umgehen, und verstehen nicht, weshalb es passiert.

Kinderschutz Schweiz setzt auf die Selbstwirksamkeit der Kinder. Sie sollen ihren Eltern Tipps geben, wie sie sich beruhigen können. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich glaube, das ist schwierig umzusetzen. Ein Streit ist für beide Parteien eine schwierige Situation, und solche gutgemeinten Ratschläge wie «Papi trink ein Glas Wasser» können Eltern in den falschen Hals geraten. Bei einem Streit geht alles sehr schnell, es ist fraglich, ob Kinder da reagieren können. Das ist sehr anspruchsvoll.

Wie reagieren Kinder, die in der Erziehung Gewalt erleben?

Pauschal sind es drei Kategorien. Es gibt Kinder die zurückschlagen, beissen, kratzen. Andere gehen Konfliktsituationen oder ihren Eltern aus dem Weg und ziehen sich zurück. Manche Kindern leugnen auch, was ihnen passiert ist.

Die Kampagne von Kinderschutz Schweiz will Eltern sensibilisieren. (Bild: PD)

Die Kampagne von Kinderschutz Schweiz will Eltern sensibilisieren. (Bild: PD)

Welche Tipps geben Sie Eltern, die fürchten, die Beherrschung zu verlieren?

Der Tipp ist eigentlich banal, aber effektiv: Man sollte sich aus einer Konfliktsituation entfernen. Eine räumliche Trennung kann schon viel bewirken: Eltern wie auch Kinder haben Zeit, sich zu beruhigen und sich zu sammeln.

Gibt es aus Ihrer Sicht Fälle, bei denen Körperstrafen in der ­Erziehung berechtigt sind?

Es gibt keine Berechtigung für Körperstrafen, aus zwei Gründen. Einerseits sind sie gesetzlich verboten. Andererseits nutzt sich der Effekt einer Strafe sehr schnell ab. Körperstrafen sind nicht nur aus moralischen Gründen falsch, sie «lohnen» sich schlicht und einfach nicht.

Was soll man tun, wenn man den Verdacht hat, dass ein Kind ­misshandelt wird?

Man sollte dem Verdacht nachgehen und das Kind erzählen lassen. Nicht alle Fälle erhärten sich. Manche stellen sich als Übertreibung oder Dramatisierung heraus. Nur in den seltensten Fällen sind es reine Erfindungen.

Das Kampagnen-Video von Kinderschutz Schweiz:

Studie: Schläge auf den Po sind am häufigsten

Körperstrafen sind in Schweizer Haushalten keine Seltenheit: Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg, auf die sich die Kampagne von Kinderschutz Schweiz stützt. 1523 Eltern aus allen Sprachregionen der Schweiz wurden zu ihrem Erziehungsverhalten befragt. Die häufigste Form körperlicher Gewalt sind Schläge auf den Hintern mit der Hand (30,7 Prozent). Selten wird das Schlagen mit Gegenständen (1,5 Prozent) oder auch das Kaltabduschen (4,4 Prozent) genannt. Eltern, die Körperstrafen regelmässig und häufig anwenden und für die Körperstrafen zum Erziehungsrepertoire gehören, sind aber mit 11 Prozent in der klaren Minderheit. Der am meisten genannte Anlass für körperliche Gewalthandlungen war, dass das Kind die Eltern genervt oder provoziert hätte. Rund 30 Prozent gaben an, sie seien müde, gereizt oder mit den Nerven am Ende gewesen.

Häufiger als Erziehungsmassnahme angewendet wird psychische Gewalt wie Einsperren, Drohen, Anschreien oder Liebesentzug: 68,6 Prozent der befragten Eltern haben schon darauf zurückgegriffen (siehe Grafik). Rund ein Viertel gibt an, ihre Kinder regelmässig bis sehr häufig psychisch zu strafen. (lw)

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