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Schlafen wie am Mittelmeer

Mit dem Schlaf holt sich die Bettwäsche ihr Ansehen zurück. Neue Labels setzen auf junge Urbane, die am liebsten in Leinen träumen. Die Konsequenz: Betten wie die Italiener. Sieht schön aus, ist aber unpraktisch.
Diana Hagmann-Bula
Wer im Schlafzimmer mit Stil beeindrucken will, träumt heute in Leinen, mit Laken. Und ohne Wursteldaunendecke. (Bild: Getty)

Wer im Schlafzimmer mit Stil beeindrucken will, träumt heute in Leinen, mit Laken. Und ohne Wursteldaunendecke. (Bild: Getty)

Die Zeiten sind vorbei, in denen man die Teenagerbettwäsche mit Delfinen in die erste Wohnung gezügelt und solange darin geschlafen hat, bis sie löchrig war. Bettwäsche ist heute ein Statussymbol für jene, bei denen Stil nicht vor der Schlafzimmertüre Halt macht. Je hektischer die Welt um uns herum tobt, desto lieber halten wir uns im privatesten aller privaten Räume auf. Schlafzimmer, sind Stilexperten deshalb überzeugt, sind die neuen Wohnzimmer. Und viel zu schade, um darin nur zu schlafen. Eine Sitzecke einrichten. Auf einer Kommode Lieblingsdinge aufstellen und auf diesem kleinen Altar eine Kerze anzünden. Mit frischen Blumen dekorieren. Welch ein Fauxpas, wenn da hübsche Bettwäsche fehlt!

Lange genug brüsteten sich Manager damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Unterdessen gehört zur angesagten Selbstoptimierung auch eine ausgiebige Nachtruhe. Und nicht mehr nur Kinder erhoffen sich von Meditation oder einem Gute-Nacht-Tee den raschen Eintritt ins Reich des Sandmännchens. Gut schlafen ist gut, schön schlafen ist besser.

Ein Leinenlaken fürs Feriengefühl daheim

Sie heissen Marta, Linus und Ella. Und sind nicht etwa die Kinder hipper Eltern mit Vorliebe für Uraltnamen. Oliver Balsiger, Geschäftsführer der gleichnamigen Firma in zweiter Generation, hat sich einen Traum erfüllt: Er beliefert zwar nach wie vor Globus, Manor und Co. mit Bettwäsche, macht nun aber auch sein eigenes Ding. Lavie heisst die Kollektion. Marta, Linus und Ella sind Decken, Laken und Kissen, deren Namen verraten, an wen sie sich richten: An ein Publikum, das seine Kinder vorzugsweise so nennt. «Urbane Familien, Menschen zwischen 25 und 40, designaffin, umweltbewusst», sagt Balsiger.

Noch macht Lavie nur drei bis vier Prozent des Balsiger-Umsatzes aus. «Vor allem die Leinenlaken reisst man uns aus den Händen.» Leinen macht 50 Prozent der Kollektion aus, Bio-Baumwolle die andere Hälfte. Natürlich, modern und nachhaltig sei Leinen, ist er überzeugt. «Wir haben die Leinenlaken im Hinblick auf die Schweizer Sommer designt, die immer wärmer werden.» Der Geschäftsführer selber schläft seit zwei, drei Jahren «wie am Mittelmeer». «Ein Leinenlaken bringt Feriengefühl mit sich.» Der Flachs dafür stammt aus Europa, produziert wird in Portugal. Auffällige Dessins sucht man vergeblich, stattdessen findet man viele einfarbige Produkte. «So kommt die Bettwäsche nicht aus der Mode. Das entspricht dem Ökogedanken.»

Der Geschäftsführer selber schläft seit zwei, drei Jahren «wie am Mittelmeer». «Ein Leinenlaken bringt Feriengefühl mit sich.»

Leinen ist gerade das Mass aller Dinge im Bett. Zu dieser Entwicklung beigetragen haben auch äusserst ansehnliche Fotos von Leinenbettwäsche auf Wohnblogs. Hat man sich erst einmal in die ästhetischen, minimalistisch inszenierten Betten auf diesen Webseiten verliebt, glaubt man, nie wieder mit nordischer Decke nächtigen zu können. Wie sie plump vor sich hinwurstelt!

«Es kühlt» versus «Es kratzt»

Dabei spaltet das Material selbst verliebteste Ehepaare. Sie mag das unperfekte perfekte Knittern, das Kühlende an diesem Material. Er behauptet: Leinen kratzt auf der Haut! «Tut es nicht mehr», sagt Oliver Balsiger. Die Produkte von Lavie seien vorgewaschen. «Und mit jedem Tumblern werden sie noch weicher.» Damit das Bett wie auf dem Wohnblog aussieht, genügt edles Leinen alleine aber nicht: Man muss sich mit einem Laken zufrieden geben. Italienisch schlafen, nennt sich das. Elegant sieht so ein Leinenlaken aus. Irgendwie sexy. Kein Wunder, liegt in französischen Liebesfilmen nach heissen Nächten immer nur dieser Hauch von Nichts auf dem Bett.

Zugegeben, in Tropennächten gibt es wohl keinen attraktiveren Bettgesellen als so ein nacktes Leinenlaken. Doch wer im März schon in einem italienischen Hotel übernachtet hat, weiss: Diese dünnen Laken sind hübsch anzuschauen, aber unpraktisch. Man schlottert darunter vor sich hin, nicht einmal engstes Dauerkuscheln hilft. Und plötzlich streitet man sich mit dem Liebsten um das, was von der Bettwäsche übrig geblieben ist, statt sich an ihn zu schmiegen. Für kühlere Nächte rät Oliver Balsiger deshalb: «Das Laken um einen Quilt ergänzen.» Und damit meint er keinen verfuselten, muffigen Überwurf aus Wolle, wie man ihn auf Nachfrage im italienischen Hotel mürrisch überreicht bekommt. Sondern den attraktiven Moritz aus Bio-Baumwolle und Leinen.

Diese dünnen Laken sind hübsch anzuschauen, aber unpraktisch. Man schlottert darunter vor sich hin, nicht einmal engstes Dauerkuscheln hilft.

Leinenlaken sind kein neuer, sondern ein Retrotrend. Auch im Mittelalter genügte im Sommer «ein gewöhnliches Leinlaken», wie im Katalog zur Ausstellung «Wie sie sich betten» zu lesen ist, die im Schweizerischen Museum für Volkskunde zu sehen war. Später entwickelte sich das Ehebett zum Möbel mit Behängen aus Samt und Brokat und dicken Oberbetten. Mitte des 18. Jahrhunderts gerieten die hohen Kissenberge der Adligen als Symbol für Verweichlichung in Verruf. Und eine begüterte Tochter brachte «wenn möglich so viel Leinwand mit in die Ehe, dass ihrer Lebtag für Bettplunder nichts mehr hinzugekauft werden musste», schreibt Birgit Littmann Brunner im Ausstellungskatalog. Zu den schönsten Beispielen textiler Volkskunst hätten Prunkleintücher gehört, die Mütter und Töchter für den Hochzeitstag angefertigt hätten. Im 19. Jahrhundert warben plötzlich Versandgeschäfte in Zeitungsannoncen für fertig genähte Leintücher in 24 verschiedenen Grössen, Qualitäten und Preislagen. Die Menschen betteten sich auf Fertigprodukten.

Dass die Bettwäsche vom Nischen- zum Massenprodukt geworden ist, hat auch die Firma Christian Fischbacher erlebt. Das im Luxussegment tätige Textilunternehmen mit Sitz in St. Gallen besteht seit 200 Jahren. Gefeiert wird dieser Anlass an den Branchenmessen in München, Paris und Mailand und mit der Jubiläumskollektion «Interlace». Diese bringt St. Galler Spitze und sich rankende Blumen ins Bett. «Die Spitzen stehen für unsere Herkunft, die Blumen für den Strauss zum Fest», sagt Ursula Schuppisser, Vertriebsleiterin Bettwäsche Schweiz bei Christian Fischbacher Bed & Bath AG.

Auch für Allergiker und Waschmuffel

In den letzten 20 Jahren hätten viele Modemarken den Schritt in diesen Bereich gewagt, vom Parfumlabel bis zur Ladenkette, so Schuppisser. «Das hat unser Business anspruchsvoller gemacht.» Und das trendige Leinen? «Gibt es bei uns seit 40 Jahren. Entweder man mag es oder nicht.» Erst der Einrichtungstrend Shabby Chic habe das Material wieder bei vielen beliebt gemacht. Ein Publikum, das sich immer häufiger bio ernährt und nachhaltig kleidet, verzichtet auch nachts zunehmend ungern auf seine Ökoprinzipien. Leinen mit seiner Natürlichkeit kommt da gelegen. Sogar Allergiker haben ihre Freude an dem Stoff: Die Faserstruktur des Materials ist besonders glatt, Staub und Milben sammeln sich nur begrenzt an. Leinen eignet sich somit auch für Waschmuffel. Denn sind wir ehrlich: Nur fleissige Hausmütterchen wie aus dem Lehrbuch wechseln jede Woche die Bettgarnitur.

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