Der Scharfzeichner - zum Tod von Tomi Ungerer

Kinder lieben ihn heiss. Doch hat der gestern verstorbene Zeichner, Grafiker und Illustrator Tomi Ungerer auch einen schonungslosen Blick auf die Erwachsenenwelt geworfen.

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Ein Optimist durch und durch: Tomi Ungerer 2015 im Kunsthaus Zürich.
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Blick in die Ausstellung «Incognito» im Kunsthaus Zürich. (Bild: Bilder: Anthony Anex/Keystone)
Verwandlungsfähig: Tomi Ungerer 2001 in Strassburg. (Bild: Getty)

Ein Optimist durch und durch: Tomi Ungerer 2015 im Kunsthaus Zürich.

Der siebenjährigen Tochter eines befreundeten Paars hat Tomi Ungerer einmal zu Weihnachten ein Beil geschenkt. Die Eltern reagierten entsetzt, Ungerer aber verzog sich mit dem Kind in den Keller. Dort hackten sie stundenlang Holz. Und als ihre Tochter es nach langem Üben ebenfalls beherrschte, sagten die Eltern: «Noch nie haben wir sie so stolz gesehen.» Nichts zeigt die Einstellung des begnadeten Zeichners, Grafikers und Illustrators, der gestern im Alter von 87 Jahren im irischen Cork gestorben ist, besser als diese Geschichte, die er in einem Interview mit dem «Magazin» des «Tages-Anzeigers» zum besten gegeben hat: Kindheit darf kein luftdicht abgeschlossener Raum sein, Kinder nicht mit einem rosaroten Kokon umgeben werden. «Das ist nicht gut. Tun wir das, schwächen wir sie. Wir sollten unsere Kinder schon früh viel mehr herausfordern.» Seine eigene Geschichte erzählt davon.

Mut-Training auf dem Friedhof

Denn herausgefordert worden ist Tomi Ungerer selber schon früh in seinem Leben. Am 28.November 1931 wird er in Strassburg geboren. Als er drei ist, stirbt der Vater, ein Uhrenfabrikant, an einer Blutvergiftung nach einem Hornissenstich. Was im Kind den Eindruck hinterlässt, «dass man absolut alles in einer einzigen Sekunde verlieren kann». Doch er hat Glück. Der acht Jahre ältere Bruder begreift, dass jetzt er Verantwortung für das von immer stärkerer Angst heimgesuchte Kind übernehmen muss – und schleppt es mitten in der Nacht auf den Friedhof.

«Das war am Anfang schlimm. Ich musste meiner Angst ins Auge sehen. Irgendwann wirkte das.»

Statt «Heil Hitler» grüsst er mit «Ein Liter»

Der Bruder ist es auch, der ihm in drei Monaten Deutsch beibringt, als der Krieg kommt und Strassburg besetzt ist. Man kann jetzt für jedes «Bonjour» belangt werden, doch um nicht «Heil Hitler» sagen zu müssen, grüsst Ungerer Freunde auf der Strasse mit «Ein Liter». Schon zeigt sich, dass dieses Kind sich durchzuschlagen weiss, in dessen Zeugnis am Kriegsende steht, er sei ein «verdorbener und aufsässiger Charakter», «pervers und subversiv». Er beginnt ein Kunststudium, bricht es aber rasch wieder ab. Im amerikanischen Kulturzentrum entdeckt er die Werke des Cartoonisten Saul Steinberg und des Zeichners James Thurber. Jetzt will er in die USA.

Unterernährt und mit einer verschleppten Rippenfellentzündung trifft er 1956 in New York ein, dort bittet er bei der Lekto-rin eines Kinderbuchverlags um einen Vertrag. Die lehnt zuerst ab, gewährt ihm angesichts seiner Schwäche aber einen Vorschuss von 500 Dollar. Und bekommt «The Mellops go Flying» («Mr.Mellops baut ein Flugzeug»), den ersten Band einer fünfteiligen Folge über sechs fröhliche und sehr menschliche Schweinchen und ihre Abenteuer geliefert. Ihnen folgen als weitere tierische Helden Crictor, die gute Schlange, Emil, der hilfreiche Tintenfisch, Adelaide, das fliegende Känguru, und Orlando, der brave Geier. «Die drei Räuber» erzählt von drei Banditen, die ein Waisenmädchen bei sich aufnehmen, und wird zum Welterfolg.

«Meine Hauptfiguren waren oft Outsider, Kinder fanden das interessant.»

Gelernt von Grünewalds «Isenheimer Altar»

Tomi Ungerer arbeitet jetzt gleichzeitig als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker – und schockiert Mitte der Sechzigerjahre mit «The Party», dessen Cartoons sehr drastisch die New Yorker Schickeria aufs Korn nehmen. Er muckt gegen Rassentrennung und Vietnam-Krieg auf und geisselt in «Fornicon» die Technisierung der Sexualität.

Die Haupteinflüsse für seine Kunst liegen in der Kindheit. Die Begegnung mit dem «Isenheimer Altar» im «Musée d’Unterlinden» in Colmar löst beim Zehnjährigen einen Schock aus. «Dieser Altar von Matthias Grünewald hat den grössten Einfluss auf mein künstlerisches Leben ausgeübt», sagt er im Rückblick. In «The Party» stellt er Grünewalds verzerrten Figuren moderne Entsprechungen gegenüber: «Grünewalds krumme und abscheuliche Gestalten weichen hübschen geschiedenen Frauen, wichtigtuerischen Geschäftsmännern, einer vom Konsum manipulierten Gesellschaft, die sich in spektakulären Automobilen fortbewegt.»

Das kann den Amerikanern nicht gefallen. Das FBI überwacht und verhört ihn.

1971 wird er Schweinezüchter in Kanada, 1976 zieht er nach Irland, züchtet Schafe und Kühe, und zieht mit seiner zweiten Frau drei Kinder gross. Doch seine Heimat vergisst er nicht – und sie ihn auch nicht. Über die Jahre schenkt er Strassburg insgesamt 8000 Originalzeichnungen, dazu Skulpturen und 1500 Objekte aus seiner privaten Spielzeugsammlung. Strassburg revanchiert sich 2007 mit dem «Musée Tomi Ungerer».

Ein Zollbeamter namens Tod

Wie vielfältig das dort gezeigte Werk ist, belegt ein Buch, das wie alle seine Werke auf Deutsch bei Diogenes erschienen ist. Im Diogenes-Verlag hat Ungerer 2011 zum achtzigsten Geburtstag einen Reporter der «Süddeutschen Zeitung» empfangen, im Zimmer des vor kurzem verstorbenen Verlegers Daniel Keel, und dabei in elsässischem Deutsch gemurmelt: «Der Tod ist nur der Zollbeamte. Der winkt dich nur durch.»

Auch dieser Zollbeamte hat Tomi Ungerer früh interessiert. Dass sie zusammengehören, das Leben und der Tod, das kann man von ihm lernen. Und, dass man sich beim Gang durch dieses Leben etwas bewahren sollte von dem, was Kinder auszeichnet. «Sie haben offene Augen und Ohren. Sie sind nicht von Vorurteilen entstellt.» Seinen Erinnerungen an die Kindheit im Elsass hat er denn auch den Titel gegeben: «Die Gedanken sind frei».