Emanzipatorischer Akt
Eine schambehaftete Erfahrung: Als Frau allein im Hotel – und fast glücklich dabei

Freiwillig alleine Zeit zu verbringen, etwa in den Ferien, ist immer noch schambehaftet – vor allem wenn man es als Frau tut.

Anna Miller
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Wer allein verreist, der hat ein Problem oder keinen Partner, so das Klischee.

Wer allein verreist, der hat ein Problem oder keinen Partner, so das Klischee.

Bild: Getty Images

Ich bin ins Hotel. Vier Tage lang. Vierwaldstättersee, traumhaftes Wetter, ein bisschen Frühling, eine etwas zu kleine Saunalandschaft, sehr gutes Essen. Ich bin ins Hotel, weil ich es satthabe, seit Monaten nicht mehr ins Restaurant zu können. Weil mir meine eigenen vier Wände zu klein werden, weil ich mal wieder Lust auf Seeluft, Freiheit und Luxus hatte.

Alles gut, nur: Ich bin allein ins Hotel.

Man muss diesen Satz wiederholen, um ihn zu verstehen.

Denn er ist ziemlich aufgeladen. Schambehaftet. Irgendwie falsch. Irgendwie ungehörig. Denn ich bin alleine ins Hotel als Frau. Zum Spass, keine Geschäftsreise. Und es reiste mir niemand hinterher. Ich warte hier auch auf niemanden, Ich bin alleine ins Hotel, obwohl ich nicht müsste, eine funktionierende Partnerschaft habe, einen Job und Freunde.

Doch diese Idee vom Alleinsein, das freiwillig ist, sogar gewollt, dass sich als emanzipatorischer Akt versteht, als Inbegriff von Eigenwilligkeit, existiert in unserer Welt nicht. Das Alleinsein ist, obwohl noch nie so viele Menschen in Singlehaushalten und geschieden oder nicht gebunden vor sich hinwohnen, noch immer schambehaftet. Etwas, das einen als randständig deklariert. Etwas, das einem sagt: Mit dir stimmt etwas nicht. Etwas, für das man sich rechtfertigen muss. Etwas, das vor allem Frauen noch immer nicht zugesprochen wird.

Eines der prägendsten und augenscheinlichsten Merkmale von patriarchalen Gesellschaften ist die Immobilität der Frau in der Öffentlichkeit. Als wie sicher und demokratisch und freiheitlich ein Land gilt, hängt massgeblich von der Frage ab, wie unbeschwert und unbehelligt sich ein weiblicher Körper darin bewegen kann. Schutzlos, weil nicht schutzbedürftig. Eigenmächtig. Doch es geht bekanntlich nicht nur um körperliche Unversehrtheit, sondern auch um gesellschaftliche und psychologische Normen. Und die zu ändern, dauert eine ganze Weile, weil Wertvorstellungen und böse kleine Stimmen von vermeintlich geltenden Regeln ein Leben lang in uns hocken und über Generationen weitergegeben werden.

Unerreichbarkeit ist heute fast ein rebellischer Akt

Es geht bei dieser ganzen Geschichte ums Alleinsein also nicht nur um physischen Raum, den ich alleine füllen und bespielen darf. Sondern auch um den geistigen. In einem Zeitalter der permanenten Erreichbarkeit, der ständigen Reizüberflutung, in einer Welt, in der kein Mensch mehr losgelöst von einem anderen und unabhängig von einem Kommunikationssystem existiert, in einer Welt, in der ich 24 Stunden am Tag dauerpräsent sein kann in digitalen Räumen und ich nicht mal mehr weiss, ob ein Gedanke gerade noch mein eigener war oder einfach eine Kopie von etwas, was ich gerade im Internet gesehen habe, ist die Freiheit meiner Gedanken etwas vom Letzten, was mich noch menschlich macht. Und Unerreichbarkeit ein fast schon rebellischer Akt.

Doch stattdessen muten Menschen, die bewusst allein sind, befremdend an. Sind Einzelmenschen am Valentinstag, Einzelmenschen in Hotels, Einzelmenschen am weiss gedeckten Tisch, Einzelmenschen an der Hochzeitsfeier. Wer das ­Alleinsein sucht, so meinen wir, der ist introvertiert, im schlimmsten Fall soziopathisch veranlagt.

Lieber bucht man mit dem Partner, der einen schon lange langweilt, ein Doppelzimmer mit zwei Einzelmatratzen und scrollt während des Abendessens bei Kerzenschein die eigene Facebook-Timeline runter, beide geistesabwesend, beide müde, aber immerhin physisch nicht alleine am Tisch. Lieber setzt man sich schwitzend mit einer Freundin, mit der man sich nur über den Job beschwert und die nervigen Kinder, in eine Sauna und redet einander die Köpfe voll, als alleine auf einem Tuch zu liegen und den eigenen Gedanken zu lauschen. Lieber geht man mit dem Handy am Ohr die Seeuferpromenade entlang, als den umliegenden Menschen zu signalisieren: Ich bin alleine hier, aber offen für die Welt, offen für Begegnung.

Mühe gegeben, auf die Meinung der anderen zu pfeifen

Ich bin also alleine ins Hotel. Ich habe mir all diese Gedanken dazu gemacht und entschieden, dass ich trotzdem fahre. Ich habe meine Wohnung vier Stunden später verlassen als ursprünglich gedacht, weil ich dann doch Schiss gekriegt habe, was ich vier Tage eigentlich alleine mit mir anstellen soll, und habe dann sieben Bücher eingepackt. Ich habe den Laptop mitgenommen, für den Fall, dass ich nach dem ersten Abstecher in die Hotel-Bar derart traumatisiert bin, dass ich für den Rest der Tage einfach nur noch in einen Bildschirm starren will, um mich nicht komplett deplatziert zu fühlen.

Ich habe am ersten Abend ein Buch mit an den Tisch genommen und teilverkrampft sämtliche neu ankommenden Gäste angelächelt, um ja den Eindruck zu erwecken, ich sei total selbstzufrieden, zugänglich und entspannt. Ich habe mir grosse Mühe gegeben, nicht wie ein soziales Opfer auszusehen, und mir gleichzeitig Mühe gegeben, auf die Meinung der anderen zu pfeifen.

Ich will nicht schwindeln: Es war nicht ganz einfach. Es hat mich Überwindung gekostet, es war anstrengend, aber auch schön. Ich musste mich ehrlicherweise auch selbst aushalten. Ziemlich lange. Das ist für sich genommen schon Arbeit. Wir sind darin ja auch nicht wirklich geübt.

Geschämt, obwohl ich nicht wollte und auch nicht müsste

Dennoch: Die Sauna war trocken-heiss und die Atmosphäre ruhig. Ich habe die Kräuter eingeatmet und die schöne Aussicht genossen. Ich bin Schiff gefahren. Ich habe mit einem anderen Gäste-Paar auf der Terrasse fünf Stunden Weisswein getrunken und mich über offene Beziehungen unterhalten. Ich hatte viel mehr Raum für mich und die Umgebung und die Menschen, die wirklich vor Ort waren. Ich hatte Kapazität für die Wellen und das Boot und den frisch gepressten Orangensaft und durfte einfach mit allem, was war, in Beziehung treten und nicht ständig mit einem vorgebuchten Gegenüber. Ich habe mich auch geschämt, obwohl ich nicht wollte, und weiss, dass ich das nicht müsste. Ich habe mit mir gerungen, mich nicht zu verstecken, meinen Platz einzunehmen als souveräne, unabhängige Frau. Ich war alleine im Hotel und ich werde das wieder tun. Und ich kann Sie nur dazu ermuntern, es auch zu tun. Und damit diesen doch sehr bescheidenen Akt, der auf eine lächerliche Art und Weise schockierend ist, für normal zu erklären.

Weil doch die eigentliche Wahrheit lautet: Wir sind alle nicht gerne alleine, wir können es nicht. Doch anstatt uns das einzugestehen, werweissen wir über die soziale Unzulänglichkeit der anderen Einzelmenschen. Obwohl wir insgeheim alle wissen, dass gerade derjenige Mensch der glücklichste ist, der alleine sein kann, obwohl er nicht muss.