Glosse
Sanddüne statt Säntis

Scharfgezeichnet: Die neue Sandinsel im Bodensee ist der Grundstein einer Ostschweizer Karibik.

Janina Gehrig
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Sandbank im Bodensee: eine Insel für die Ostschweiz! (Bild: Benjamin Manser)

Sandbank im Bodensee: eine Insel für die Ostschweiz! (Bild: Benjamin Manser)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Der Sommer kam in diesem Jahr direkt nach dem Winter. Kaum war der Schnee geschmolzen, regnete es keinen Tropfen mehr vom Himmel. Und der Sommer blieb, bis sich die Blätter an den Bäumen zu verfärben begannen. Toll fanden das viele. Man konnte baden, bis die Algen stanken und das Wasser im Bodensee fast ausging – und eine Insel vor der Rheinmündung bei Hard preisgab. Toll finden das viele. Eine Insel für die Ostschweiz!

Den Deutschen gehören Reichenau und Mainau, den Österreichern der Rohrspitz. Deshalb ist klar: Diese neue Sandbank ist gerade richtig für die Schweiz. Sie ist der Grundstein einer «Ostschweizer Karibik». Noch ein paar solche Sommer und von Rorschach bis Kreuzlingen erstreckt sich ein Inselparadies, gesäumt von einem Traumstrand. Touristen aus aller Welt strömten statt in die St. Galler Kathedrale über einen Damm zum See. Sie verweilten statt auf dem Säntis auf den Sanddünen, wo sie in Strandkörben Bratwürste und Biberli gereicht bekämen.

Blöd nur, dass in ein paar Jahrtausenden der Bodensee komplett verschwunden sein wird. Dann sitzen wir im Sand und blicken auf Sand, verstummt das Geräusch der Wellen und Möwen – und preisen die Ostschweiz als Wüstenparadies. Dann wird vielleicht das Rorschacher Sandskulpturen-Festival endlich jene Berühmtheit erlangen, das es sich erhofft.