Glosse

Salzkorn

Vom gefühlsmässigen Pendeln zwischen Lockdown und Exzess.

Thorsten Fischer
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An das «neue Normal», wie der Alltag jetzt heisst, hat man sich gewöhnt. So halbwegs. Insgeheim hoffen viele, dass die alte Freiheit rasch zurückkehrt. Schliesslich hat man sich seit Jahresbeginn eingeschränkt und will endlich durchstarten – damit aus 2020 noch etwas wird. Doch Moment: Der Kalender zeigt bereits Juli! Das, was vom Jahr übrig bleibt, ist kürzer als das, was bereits vorbei ist. Wo verflixt sind eigentlich all die letzten Monate hin? Sie scheinen verloren, verschluckt vom Nichts.

Man müsste gerade jetzt einen neuen, besseren Umgang mit der Zeit finden, mahnt die innere Stimme. Das tönt mühsam. Dann doch besser abwarten. Irgendwann verzieht sich das Virus. Dann geht’s wieder richtig los: spontan eine Megaparty nach der anderen besuchen, es nächtelang krachen lassen, mindestens dreimal um die Welt fliegen. Kann man selbstverständlich genau so machen. Wenn man tollkühn genug ist, sich nach all den Exzessen mit einem zünftigen Brummschädel erneut die Frage zu stellen: Wo verflixt sind eigentlich all die letzten Monate hin?