Rückblick
Seine Selbstzerstörung war alternativlos

War er ein rücksichtsloser Autokrat oder ein fortschrittlicher Modernisierer? Die Persönlichkeit Napoleons scheidet die Geister. Die Zeit der Revolution bot günstige Umstände für seinen Aufstieg. Aber sie schuf auch die Sehnsucht nach «grossen Männern». Auf jeden Fall war er so von sich selbst überzeugt, dass selbst sein Untergang nicht zu verhindern war.

Christoph Bopp
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Napoleon Bonaparte (Gemälde von Paul Hippolyte Delaroche, 1846)

Napoleon Bonaparte (Gemälde von Paul Hippolyte Delaroche, 1846)

wikimedia

Man kann es sich einfach machen: Nach revolutionären Wirren kommt es – lässt man sie nur genug lange toben – fast unweigerlich zu einer Militärdiktatur. So auch im revolutionären Frankreich. Und Napoleon war einfach mit seinem Machtinstinkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Kam hinzu, dass sich Frankreich in der Wahrnehmung der Zeit als «Grande Nation» präsentierte, ein waffenstarrendes aggressives Gebilde; bewundert, weil da eine Dynamik entfesselt wurde, die man bis dahin nur von fremden Völkern und seit den Türken nicht mehr gesehen hatte, und gerade deswegen auch gefürchtet.

Was am 9. November 1799 passierte, als Napoleon Erster Konsul der ­Republik wurde, entspricht weithin dieser Erzählung. In verworrenen Zeiten ertönt der Ruf nach dem starken Mann. «Bürger! Die Revolution ist zu den Grundsätzen zurückgekehrt, von denen sie ausging; sie ist zu Ende.» Also sprach der Retter der Nation.

Wenn da nicht die Romantik und die Geniezeit wären

Hegel und Napoleon 1806 in Jena.

Hegel und Napoleon 1806 in Jena.

ho

Die Französische Revolution lag irgendwie in der Luft; sie machte aber auch alles anders, als es einmal losging. So kann man sich fragen, ob die Zeit die Revolution reif werden liess oder die Revolution die Zeit prägte. Es war die Zeit der Romantik, die sich vor allem im deutschsprachigen Raum ausbreitete. Wir kennen die Geschichte von Beethoven, der die Widmung der 3. Symphonie «auf Bonaparte» durchstrich, – aus welchen Gründen auch immer; wir kennen vor allem aber «Die Hermannsschlacht» von Heinrich von Kleist, eine Fantasie des totalen Vernichtungskriegs, wie sie dunkler und ­illusionsloser auch ein Joseph Conrad nicht hätte schreiben können.

An der Figur Napoleons entzünden sich die deutschen Romantiker. Und zwar in beiden Richtungen. Sie haben ihn bewundert, den grossen Macher, Hegel nannte ihn «Weltseele»; später aber mit einer Inbrunst gehasst, die höchstens nationalistisch nachvollziehbar ist. Die Bewunderung entsprach völlig ihrer Sicht des Genies, das nach eigenen oder gar keinen Regeln handelt, immer aber perfekt. Shakespeare war das offizielle Muster, die Poster an der Wand – oder die Büsten auf den Gestellen – zeigten aber den Kaiser.

Das Verhängnis, das sich im überspannten Ich äussert

Die Historiker sind sich weitgehend einig. Der totale Absturz hätte nicht sein müssen. «Unconditional surrender» war nicht das Ziel seiner Gegner. Selbst 1814 hätte sich mit ein bisschen Kompromissbereitschaft und Verhandlungsgeschick noch ein Empire retten lassen, das grösser war, als er es angetroffen hatte. Aber Starrsinn, Arroganz, Machtwahn, Grössenwahn – oder der geheime Wunsch nach Selbstzerstörung? – verhinderten es.

Napoleon ruinierte sich am Ende selbst. Das ist völlig logisch, wenn auch unverständlich. Wie er auch viel Fortschrittliches in Gang gesetzt und unermessliches Leid und Zerstörung gebracht hat. Eigentlich war es einerlei. Denn das Etikett, aufgeklebt auf seinen Handlungen – Hauptsache: Frankreich first –, das nur dazu diente, sein massloses Ego schäbig zu camouflieren, war genauso verlogen wie bei seinem späteren Nachahmer auch.