Rückblick
Ist das Büro Hölle oder Elysium? Ein Blick auf seine Entstehungsgeschichte offenbart Erstaunliches

Lässt man alle Fremdwörter fahren, wird das «Büro» oder das «Homeoffice» zur «Schreibstube». Das ist sein Urzweck.

Christoph Bopp
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Die Arbeiter stehen an den Fliessbändern. Die Büroangestellten sitzen in Reih und Glied an ihren Pulten. Auch im Büro wird produziert.

Die Arbeiter stehen an den Fliessbändern. Die Büroangestellten sitzen in Reih und Glied an ihren Pulten. Auch im Büro wird produziert.

Bild: Getty Images

Wie haben wir uns blamiert: Als in den Tagen vor der Pandemie darüber diskutiert wurde, wie die Zukunft wohl sein wird, sprachen wir alle ehrfürchtig vom «Homeoffice». Der Terminus erschien uns nicht nur vortrefflich modern, weil Englisch, sondern er verhiess auch eine elegante Lösung des Pro­blems. Es würde irgendwie weitergehen wie bisher («Office»), nur ein bisschen anders, eben «Home».

Die englischen Native Speaker hielten uns hämisch vor, dass the real Englishmen den Terminus schon gekapert hätten und damit ihr Ministerium für irgendwelches Innere bezeichneten. Who cares? Wir ventilieren jetzt die Frage, wie und ob wir aus dem «Homeoffice» überhaupt wieder ins Office ohne Home zurückwollen.

Ein sehr vieldeutiges Wort für eine sehr verzwickte Sache

Wer denkt, dass es da nur um eine lokale Verschiebung gehe, greift entschieden zu kurz. Auffällig ist – und das sollte uns die Blamage mit dem Office-Wort gelehrt haben –, dass «Office» jederzeit mehr ist als nur ein Raum. Darauf deutet schon die Herkunft aus dem Lateinischen «officium», ein Zusammenzug aus «opificium» und da steckt das Allerweltswort «ops» (Genitiv «opis») drin. Das bedeutet von Macht über Reichtum bis Ressource allerhand Materielles. Es hat aber auch Ideelles drin: Pflicht, Aufgabe, Amt; ursprünglich wohl auch Fleiss, Mühe, Arbeit, auch Werk oder hergestelltes Ding – von nichts kommt ja nichts.

Irgendwann hat sich das dann ins Räumliche verlagert. Im Mittelalter nannte man eine Werkstatt, in der hochwertige Qualitätsarbeit verrichtet wurde (wie Buchdruck), eine «Offizin». Und die «Uffizien» in Florenz, wo man heute zu Botticellis «Venus» hinpilgert, waren einst auch ein Gebäude für Werkstätten und eben für Büros.

Blick auf die Uffizien vom Palazzo Vecchio in Richtung des Flusses Arno.

Blick auf die Uffizien vom Palazzo Vecchio in Richtung des Flusses Arno.

Erbaut von den Medici, um die Kontrolle über ihre vielfältigen Geschäfte zu behalten. Damit wären wir beim anderen Vorbild. «Bura» oder «burra» ist ein rauer Wollstoff, den man brauchte, um Tischflächen zu bespannen. Auch «Büro» war ursprünglich nicht als Bezeichnung für einen Raum vorgesehen.

Aber ein Tisch ist immerhin handfester als eine nicht recht fassbare Pflicht. Wenn man sich vergegenwärtigt, wozu der mit Tuch bespannte Tisch benutzt wird, kommt man der Sache näher.

«Es steht geschrieben» – Büro ist, wo geschrieben wird

An den Ursprüngen des Schreibens in Mesopotamien oder Ägypten waren Schreiber da, um die Agrar- und sonstige Produktion und deren Verteilung schriftlich festzuhalten. In den Anfängen waren es wohl Listen, Ziffern verbunden mit Objekten, die «geschrieben» wurden: soundsoviele Scheffel Weizen, so viele Körbe mit Obst, Krüge mit Bier und so weiter.

Gehört neben den ägyptischen Hieroglyphen zu den ältesten, bekannten Schriften: Keilschrift in einem Museum in Baghdad.

Gehört neben den ägyptischen Hieroglyphen zu den ältesten, bekannten Schriften: Keilschrift in einem Museum in Baghdad.

Bild: Keystone

Die Ziffern waren kein Problem, sie wurden seit der Steinzeit in Knochen oder in Steine geritzt. Schwieriger waren die Objekte. Da musste man sich mit Abbildungen behelfen. Nicht ganz leicht. Viele Schreiber waren überfordert. Eine – vielleicht nicht ganz ernsthaft gemeinte – Story erklärt die Erfindung des Alphabets durch die beschränkten geistigen Fähigkeiten der Bürolisten: Weil sie sich die anspruchsvollen Pikto- oder Ideogramme nicht merken wollten, verwendeten sie vereinfachte Siglen für den «Anfangsbuchstaben» des gemeinten Gegenstands.

Es gibt die Waren, und es gibt die Buchführung

Auf jeden Fall erzeugte die Schrift – dies eine Beobachtung von Ernest Gellner aus «Pflug, Schwert und Buch» – eine zweite Realität. Das Aufgeschriebene bekommt eine Bedeutung, die abgelöst ist von der realen Sprech- und Zeige­situation. «Der semantische Content kriegt ein Eigenleben.»

Der Ort, wo das Buch nicht geschrieben, sondern geführt wird, hiess jetzt «Kontor». Die Verwaltungszentralen der Handelsunternehmen erzeugten in ihren Schreibstuben eine Verdoppelung ihres Geschäfts: neben den realen ­Waren, die sich irgendwo – auf einem Schiff oder in einem fremden Land – befinden mochten, die Zahlenreihen in ihren Büchern.

Das ist Fiktion pur und erklärt vielleicht die Faszination, die Schriftsteller wie Kafka oder Robert Walser für das Büro empfanden. Walser bringt in seiner Textsammlung «Im Bureau» den «Commis», den Büro-«Gummi», mit dem Schriftsteller zusammen:

«Sein Talent zu schreiben macht leicht einen Schriftsteller aus dem Commis. Ich kenne zwei, drei, deren Traum, Schriftsteller zu werden, bereits in Erfüllung gegangen ist, oder noch gehen wird.»
Robert WalserSchweizer Schriftsteller

Robert Walser
Schweizer Schriftsteller

Bild: PD

«Der Arbeiter» und «Der Angestellte» sind die Protagonisten des sozialen Lebens der Neuzeit. Über das Elend des Arbeiters in den Anfängen der Indus­trialisierung wurde viel geschrieben. Und die «Angestellten»? Kein Ort, wo psychische Erniedrigung leichter praktiziert werden kann als im Büro. Wie die Maschine die Tätigkeit des Arbeiters entleerte und bedrohte, fühlt der Angestellte die Digitalisierung. Ohne etwas von Computern und ihren «Office»-Programmen zu wissen, beschrieb Siegfried Kracauer dies in «Die Angestellten» bereits 1930.

Wenn man jetzt wieder in Reih und Glied zur zweiten Realitätsproduktion zurückkehren kann oder darf, wird sich die Frage stellen: Wohin gehen wir? In die Stätte der Entfremdung und des Mobbings oder ins Elysium persönlicher Face-to-face-Kommunikation?

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