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Forscher entdecken römische Spuren im Packeis von Grönland

Sie waren zwar nie in Grönland. Dennoch haben die Römer auch im ewigen Eis ihre Spuren ­hinterlassen. Dies haben Wissenschafter nun – über 2000 Jahre später – entdeckt.
Adrian Lobe
Das Packeis enthält Informationen über die Luftverschmutzung in der Antike. (Bild: Mario Tama/Getty (Upper Baffin Bay, 27. März 2017)

Das Packeis enthält Informationen über die Luftverschmutzung in der Antike. (Bild: Mario Tama/Getty (Upper Baffin Bay, 27. März 2017)

Eine Reise in den Untergrund ist auch immer eine Reise in die Vergangenheit. Archäologen stossen bei Grabungen auf Überreste prähistorischer Zivilisationen und Kulturen, Geologen entdecken in Gesteinen Spuren von Meteoriteneinschlägen von vor Millionen Jahren. Nicht bloss Artefakte, also von Menschenhand gefertigte Objekte wie Schmuck oder Tontafeln, auch natürliche Objekte sind stumme Zeitzeugen. Jedes Staubkörnchen erzählt ein Stück Geschichte. Je mehr Puzzleteile gesammelt und zusammengesetzt werden, desto genauer wird das Bild von der Vergangenheit.

Nun sind Wissenschafter auf Hinterlassenschaften der Menschheit gestossen, die mit dem eigentlichen Fundort zunächst nichts zu tun haben. Ein internationales Forschungsteam des Desert Research Institute (DRI) in Nevada hat im Packeis von Grönland Spuren von Emissionen identifiziert, die Rückschlüsse auf Blüte und Verfall des Römischen Reichs zulassen.

3028 Meter langer Eisbohrkern

Die Wissenschafter analysierten dazu Daten des Greenland Ice Core Project (Grip), bei dem zwischen 1989 und 1992 auf einem Plateau in Grönland ein 3028 Meter langer Eisbohrkern heraus­gebohrt wurde. Die untersten Schichten des Eispanzers in einer Tiefe von rund 2750 Metern sind schätzungsweise 105000 Jahre alt – aufgrund der Faltung konnte in den tieferen Schichten keine klimatische Zeitreihe ermittelt werden. Bei der Entnahme wurde das Eis zerstückelt und in verschiedene Labore zur Konservierung geschickt. Die DRI-Forscher fokussierten sich bei ihrer Untersuchung auf Proben einzelner Eisschichten zwischen 159 und 580 Metern Tiefe, die entsprechend der Rückdatierung mit der Zeit des römischen Reichs von vor 2000 Jahren zusammen­fallen.

Die Römer haben nicht nur Spuren in Architektur und Sprache hinterlassen, etwa in im­posanten Bauwerken wie dem Kolosseum oder romanischen Sprachfamilien, sondern auch in der Atmosphäre. Sie schürften in Minen Metalle wie Gold, Silber und Kupfer und schmolzen dieses zu Schmuck und Münzen ein. Bei der Verhüttung von Silber­erzen entstanden giftige Dämpfe und Emissionen. Diese entwichen in die Atmosphäre und drifteten Tausende Kilometer nordwestwärts Richtung Arktis, wo sich die umherschwebenden Russpartikel mit Wassertropfen zu Kondensationskeimen paarten und als Schneeflocken auf der Erde niedergingen. Die Münzprägestätten befanden sich vor allem auf der iberischen Halbinsel, in Gallien und den Provinzen am Rhein. Die Emissionen, die die Wissenschafter mit komplexen atmosphärischen Modellen in den Daten nachweisen konnten, sind ein Näherungswert für die Münzproduktion beziehungsweise die Wirtschaftsleistung im Allgemeinen.

Je mehr Münzen, desto mehr Schadstoffe

Wie die Forscher im Fachblatt «PNAS» schreiben, identifizierten sie einen Zusammenhang zwischen den Emissionen und der politischen und wirtschaftlichen Stabilität des römischen Imperiums. Je mehr Schadstoffe emittiert wurden, desto mehr Münzen wurden produziert, und desto mehr florierte die Wirtschaft. Im Jahr 218 v. Chr., als Rom den Zweiten Punischen Krieg mit Karthago begann, sank die Luftverschmutzung in der Arktis – und stieg abrupt an, als das römische Heer punische Minen in Südspanien besetzte. Auch die Entscheidung Kaiser Neros, 66 n. Chr. die Währung durch die Reduktion des Silberanteils in den Münzen abzuwerten, machte sich in der Atmosphäre bemerkbar. Das grönländische Packeis ist eine Art Chronik und Wissensspeicher, in dem historische Entwicklungen wie der Aufstieg und Niedergang des Römischen Reichs eingeschrieben sind.

Auch andere Ereignisse wie der verheerende Vulkanausbruch des Tambora 1815 in Indonesien, dessen Aschewolke in Europa den Himmel verdunkelte und zu einem Jahr ohne Sommer führte, lassen sich durch eine erhöhte Sulfatkonzentration im Eis ablesen. Ähnlich haben die Römer einen nachhaltigen ökologischen Fussabdruck im grönländischen Packeis hinterlassen. Die Wissenschaft hatte bislang nur nicht die Mittel, das Eis zu dechiff­rieren.

Das Ergebnis ist eine kleine wissenschaftliche Sensation, weil es nicht nur durch chemische Analysen historische Prozesse im Nachhinein plausibilisiert, sondern auch ein ungewohntes Mass an Luftverschmutzung in der Antike dokumentiert. Schon damals wirkte sich die Verhüttung und Münzproduktion in der Atmosphäre aus – wenngleich in viel geringerem Masse als mit dem Beginn der modernen Industrialisierung.

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