Roheit und Raffinesse

Man erkennt es am Kamm. Hart an der Strassenkante plaziert zwischen den Stadtteilen Rapperswil und Jona, verströmt der Bau vorerst den rauhen Charme eines Lagerhauses.

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Man erkennt es am Kamm. Hart an der Strassenkante plaziert zwischen den Stadtteilen Rapperswil und Jona, verströmt der Bau vorerst den rauhen Charme eines Lagerhauses. Wie eine Flosse taucht der organisch geformte First aus dem städtebaulichen Schlamassel und lockert die gedrungene Kompaktheit des ehemaligen Zeughauses auf. Der Dachgrat lockt schimmernd und in Übereinstimmung mit dem weissen Berggrat im Hintergrund. Da möchte man hin, die Falte von innen her erkunden.

Auch die hellen Fensterbrüstungen locken. Der Baukörper selber ist in einem überraschend dunklen Umbra gehalten, das beruhigend auf die Umgebung wirkt und optisch Raum schafft. Der spitz zulaufende Platz auf der Gebäuderückseite ist der Eingangsbereich. Beiz und Brocki als Nachbarn und die Heilpädagogische Schule signalisieren eine Lebensnähe, die auch für das neue Museum und seine Sammlung relevant ist.

Die Spur der Nagelschuhe

Das Kunstzeughaus wirkt einladend. Da verlangen keine Edelhölzer Ehrfurcht und Designerhärte Kniefall. Das Haus ist zum Brauchen da. Wie ein magentaroter Mund zieht das Eingangsportal ins Innere. Die anderen Läden der Bogenöffnungen sind im herkömmlichen Grün belassen. Sogar ein altes Telefonpiktogramm ist beibehalten. Ganze Reihen solcher Details machen den Ort unwiderstehlich sympathisch. Die Liebe und der Respekt, mit der dem Vergammelten eines ehemaligen Lagerhauses für militärische Gerätschaften in der Planung und in der Realisation begegnet worden ist, überträgt sich aufs Publikum.

Wer eintritt, steht auf festem Grund. Der Zementboden ist derselbe, den vor hundert Jahren Soldaten mit Nagelschuhen betreten haben – Abdrücke sind bis heute sichtbar. Die Architekten haben lediglich einzelne Stellen ausgebessert. Überhaupt sind die Eingriffe auf ein Minimum beschränkt. Vieles wie die Hebe-Einrichtung oder die Sonnenstoren sind weiter im Einsatz. Wo neue Teile nötig waren, sind sie mit Bedacht und Reverenz an den rohen Funktionalismus gewählt.

«Der spezielle Charakter des Hauses, die gemeindepolitische Umstrukturierung, aber auch die geographische Lage und natürlich die Sammlung Bosshard haben wir als sehr anregend empfunden», sagt Isa Stürm. «Wir wollten das Charakteristische beibehalten und nur beim Allernötigsten eingreifen; rudimentär wie Robinson auf der Insel», meint die Architektin und spielt auf die «Robinsonade» Bosshards an, die als Robinson-Bibliothek ins Kunstzeughaus eingebracht ist.

Wandeln in Lichtzonen

Einzige Extravaganz, abgesehen vom verbindenden Kirschhain zwischen Busstation und Eingangszone, ist die Dachwelle. Aber auch sie bleibt bei aller Besonderheit angenehm unaufdringlich, am Leben orientiert; und in der Wirkung im Innenbereich schlicht überwältigend. Die angehobene Dachkonstruktion lässt den offenen Raum im Obergeschoss grösser erscheinen. Die bewegte Gratführung liest sich als ein Zeichen für Lebendigkeit.

Die Wohnatmosphäre entspricht dem eigenwilligen Charakter der Sammlung an Schweizer Gegenwartskunst. Das raffinierte Spiel mit dem Licht, das sich sanft und in verschiedenen Zonen ausbreitet, gründet in den vorwiegend nordwärts gerichteten Dachöffnungen. Der Stützenwald ist weiss getüncht und führt über in die neuartige Dacherhebung. Polycarbonatplatten, dieser belastungsfähige und biegbare Wellblechersatz, der gerne Velounterstände deckt, ist hier auf die Lichtschlitze angebracht und treibt das Spiel zwischen Raffinesse und Roheit, zwischen Hightech und Notdurft weiter.

Eine mit einem Sensor kontrollierte und automatisch regulierte Fensterlüftung garantiert optimale klimatisch-konservatorische Bedingungen. Gipsplatten als Bodenbeläge und gebrauchte Duripanelplatten für die Einbauten und den Treppenaufgang schaffen eine warmherzige Stimmung. Alles Handwerkliche hat einen hohen Stellenwert.

So viel sympathische Anziehungskraft verströmt das Kunstzeughaus allein schon als Bauwerk, dass höchstens die auf hundert Personen begrenzte Last fürs Obergeschoss am Eröffnungswochenende zur Probe werden könnte.

Ursula Badrutt Schoch

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